Ein Schweizer in Berlin - Zwischen lebendigen Antworten und kreativen Einblicken von Vollblutkünstler Lars Wandres

Lars Wandres entdeckte bereits in Kindertagen seine Liebe zur Bühne und spielte im zarten Alter von sechs Jahren schon im örtlichen Kindertheater mit. Aus der kindlichen Faszination wuchs schließlich der Berufswunsch, der den gebürtigen Schweizer an die Stage School in Hamburg führte, wo er 2018 seine Ausbildung zum Musicaldarsteller abschloss. Anschließend wirkte Lars in zahlreichen Produktionen deutschsprachiger Theater mit. So stand er unter anderem in „Cabaret“, „Peter Pan“, „Chicago“ und „Grease“ auf der Bühne. Zudem war er Teil der Tournee von „Flashdance“ und reiste mit dem Stück durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Nachdem der junge Künstler zuletzt die Tour von „Ku'damm 56“ bereicherte, geht die Reise durch das Berlin der 50er Jahre nun mit einem Engagement bei der Welturaufführung von „Ku'damm 59“ weiter. Anlässlich der bevorstehenden Premiere der neuen Produktion durfte ich mit Lars ein nettes Interview führen, in dem sich der Darsteller vielfältigen Fragen rund um seinen Weg auf die Bühne, seine Liebe zum Theater und seine bisherigen Engagements gestellt hat. Mir bleibt an dieser Stelle nur noch, ganz viel Freude bei diesem kleinen Ausflug in den Alltag eines sehr sympathischen Künstlers voller Lebensfreude zu wünschen und die Bühne für Vollblutkünstler Lars Wandres zu räumen...

Was waren deine ersten Berührungspunkte mit dem Genre „Musical“ und wann stand für dich fest, dass du gerne selbst auf der Bühne stehen möchtest?

Die Faszination für die „Bühne“ war schon früh da - sie fing mit einem Zirkusbesuch an, als ich drei Jahre alt war. Nach diesem Besuch stand fest: Ich will Zirkusdirektor werden. Ich fing an zu turnen und war im Kindertheater. Etliche Zirkus- und Theaterbesuche später, mit 12 Jahren, war ich mit meiner Familie in London und wir besuchten das Musical „Mamma Mia“. Die Energie hat mich so gepackt, dass ich dann wusste: Okay, es ist Musical, was ich machen möchte.

Du hast deine Ausbildung zum Musicaldarsteller an der Hamburger „Stage School“ absolviert. Was waren die größten Herausforderungen während dieser Zeit und was war das Wichtigste/Prägendste, das du im Rahmen deiner Ausbildung gelernt hast?

Erstmal war es für mich als Schweizer schwierig, alleine in einer neuen Stadt zu sein.
Dann war da die deutsche Sprache, die zwar dem Schweizerdeutschen ähnlich, aber trotzdem ganz anders ist. Ich glaube, die Sprache war erstmal das Wichtigste und gerade für mich der Schlüssel zum Schauspielern. Heute träume ich sogar auf Hochdeutsch. Was auch ein großer Knackpunkt war, war der Umgang mit Kritik. Die Passion hat mich dazu gebracht Musicaldarsteller zu werden und plötzlich wird alles auseinandergenommen und analysiert - oft sogar ganz persönliche Dinge und Facetten. Da merkte ich „Okay, das wird nun zu meinem Beruf“.

                    (c) Simon Lausberg

Nach deiner abgeschlossenen Ausbildung warst du in zahlreichen Produktionen zu sehen. Gibt es einen Moment auf oder hinter der Bühne, welcher dir in all diesen Jahren besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ich habe das Glück, dass ich in sechs Jahren Berufserfahrung viele Produktionen spielen durfte. Da ist es schwer, mich auf einen Moment festzulegen. Als ich vor meiner Ausbildung Laien-Produktionen gespielt habe, hat man immer dafür gebrannt, man hat die Produktionen vor den Meinungen der Familien und Freunde verteidigt. In den Profiproduktionen merkte ich dann, vieles ist nicht meine Entscheidung und kann ich nicht beeinflussen. Deswegen war eine der schönsten Produktionen „Chicago“ am Staatstheater Braunschweig. Daran habe ich gefühlt alles geliebt. Ein tolles Team, eine tolle Cast, tolle Bühne, viel Kreativität und Talent. Das tat gut und ich denke gerne an diese Produktion zurück. Was mir aber auch direkt einfällt, ist meine letzte Sommerproduktion „Dällebach Kari“ bei den Thunerseespielen. Ich wollte immer schon einmal im Regen spielen. Warum auch immer finde ich das irgendwie geil, dass man einfach trotzdem weiterspielt. Allerdings war das leider nie wirklich der Fall, aber letzten Sommer ist es dann endlich passiert. Die Bühne war voller Wasser, sodass es mit allen Tanzschritten nur rumflog. Wir waren alle nass, haben uns gegenseitig unterstützt und abgefeiert. Diese Stimmung und der Zusammenhalt der Cast geben mir immer noch Gänsehaut, wenn ich daran denke.

In deiner bisherigen Karriere durftest du bereits sowohl das Theater als auch die Freilichtbühne als Spielort kennenlernen. Inwiefern unterscheidet sich deine Arbeit in Abhängigkeit von der Bühne und hast du hinsichtlich des Spielortes eine persönliche Präferenz?

Es sind zwei komplett verschiedene Paar Schuhe. Zur Arbeit an sich: Sommerproduktionen haben immer einen kleinen Urlaubsmoment, was ich sehr genieße. Ich finde es aber auch sehr schwer, gewisse Stücke draußen, unter freiem Himmel umzusetzen. Wenn man open air spielt, ist es manchmal schwieriger, die Energie zu bündeln und ans Publikum zu senden. Dies ist in einem geschlossenen Raum einfacher. Ich denke, da kommt es ganz auf das Stück an. Zum Beispiel „Cabaret“ habe ich bereits zweimal spielen dürfen, einmal auf einer Freilichtbühne und einmal in einem Theater. Das Stück funktioniert für mich viel besser in einem Theater als auf einer Freilichtbühne.
Das Panorama und die Atmosphäre von gewissen Freilichtbühnen sind aber im Allgemeinen unbezahlbar.

Zuletzt warst du Teil der Tourproduktion von „Ku‘damm 56“, die in Frankfurt, München und Berlin Zwischenstopp gemacht hat. Wie hast du diese Zeit und die Zusammenarbeit mit deinen Kolleginnen und Kollegen erlebt? Was war für dich das Besondere an diesem Engagement?

Das Tolle war gerade an den Spielorten München und Frankfurt, dass wir alle zusammen im gleichen Hotel untergebracht waren. So konnte man nach der Show zusammensitzen, etwas trinken, Spiele spielen usw. Das war so schön, da wir dadurch zu einer tollen Gruppe zusammengewachsen sind und ich meine Kolleg*innen auch nochmal anders kennenlernen durfte als nur durch die Arbeit.

Nicht nur im Rahmen dieser Show, sondern auch beispielsweise mit Blick auf dein Engagement bei „Flashdance“, durftest du bereits die Arbeit an einer Umsetzung einer filmischen Vorlage im Theater erleben. Inwiefern unterscheidet sich deine Vorbereitung eines neuen Engagements, wenn eine entsprechende Vorlage auf den Bildschirmen bereits existiert, und wo siehst du grundsätzlich mögliche Stärken einer Bühnenadaption im Vergleich zum Film?

Natürlich habe ich - wenn es eine filmische Vorlage gab - mir diese auf dem Bildschirm angeschaut. Dies auch meistens vor der Audition. Gerade für meine Auditionvorbereitung hilft mir dies enorm, die Stimmung aufzusaugen und es motiviert mich.
Was die Stärken einer Bühnenadaption sein können… da greife ich direkt nochmals meine Antwort auf deine erste Frage auf: Was mich an „Mamma Mia“ vor allem so beeindruckt hat, war die Tatsache, dass mich die Energie auf der Bühne so mitgerissen hat. Dies hat der Film nicht geschafft. Da gibt es diesen Austausch von der Bühne zum Auditorium, was ich liebe. Man bekommt die Emotionen vom Publikum mit und es ist jeden Tag anders - es ist einfach live.

                      (c) Davide Romeo

Aktuell steckst du mitten in den Proben für „Ku’damm 59“, die Fortsetzung der zuvor angesprochenen Produktion. Wie fühlt es sich für dich an, einen Bogen über zwei Musicals hinweg schlagen und die bereits auf Tour erzählte Geschichte rund um die Familie Schöllack und Co weiterentwickeln zu dürfen? Wo liegen vielleicht die besonderen Chancen in solch einer Partizipation zweier miteinander verknüpften Stücke?

Ja, es handelt sich um eine Fortsetzung, aber die zweite Staffel unterscheidet sich schon sehr von der ersten Staffel, weswegen auch das Stück wirklich ganz anders ist und sich weniger wie eine Fortsetzung anfühlt. Das Konzept der Bühne ist ganz neu. Was so oder so toll ist, ist dass man den Background und die Vorgeschichte von „Ku`damm 56“ schon hat. Da ich bei „Ku´damm 59“ Cross Swing bin, bin ich aber gerade eher damit beschäftigt zuzuschauen, was die Kolleg*innen kreieren, als selbst zu entwickeln. Das ist sehr spannend zu beobachten, und es macht mir Freude zu sehen, wie es mit den Figuren aus „Ku`damm 56“ weitergeht.

Nimm uns doch gerne einmal mit in deinen Probenalltag... Wie verläuft aktuell ein typischer Probentag bei dir?

Erstmal aufstehen und meine Morgenroutine machen, dann ab ins Theater. Momentan sind wir dabei, unser Erarbeitetes von der Probebühne auf die Bühne zu adaptieren. Das Bühnenbild, das Licht, die Kostüme, die Band - hier kommt alles zusammen. Viele Gewerke arbeiten ab jetzt zusammen, sodass Geduld und Zeit nun ein großer Faktor sind. Als Swing sitze ich im Publikum an meinem Laptop und versuche, möglichst viele Infos von den Abläufen der einzelnen Ensemblerollen mitzubekommen und Änderungen zu notieren.
Ab und an treffen wir Swings uns auf der Probebühne, um Schritte und Choreos oder die verschiedenen Gesangsparts zu üben. Nach meinem Feierabend um 19 Uhr gehe ich nach Hause und alles, was ich nicht geschafft habe aufzuschreiben, schreibe ich dann noch in meine sogenannten Tracksheets. So bin ich bestmöglich vorbereitet, falls Kolleg*innen krank/verletzt sind oder einen Sperrtermin haben. Also gerade passiert so vieles auf einmal und mit acht verschiedenen Tracks muss ich schauen, dass ich einen kühlen Kopf bewahre.
Wenn ich dann abends alles aufgeschrieben habe, leg ich mich auf die Couch und schaue
einen Film oder eine Serie. „Young Royals“ steht da bei mir gerade an.

Ohne zu viel verraten zu wollen, worauf kann sich das Publikum bei „Ku’damm 59“ freuen und warum sollte man Berlins Musicalneuling keinesfalls verpassen?

Ich glaube, es wird eine ganz neue, unerwartete und andere Erfahrung, als das was man sich nach „Ku'damm 56“ eventuell vorstellt. Ich denke, es wird berühren, es wird Spaß machen und vielleicht wird einem das ein oder andere Lachen im Halse stecken bleiben. Es gibt super viel zu entdecken! Ich bin mir sicher, es wird ein Stück, das man sich mehrmals anschauen und immer wieder etwas Neues entdecken kann. Tolle Choreos, tolle Musik und eine tolle Cast, die es kaum abwarten kann, das Stück fertig zu proben und endlich vor Publikum zu präsentieren.

Du hast lange Zeit in Hamburg gelebt, nun hat es dich beruflich bedingt nach Berlin gezogen. Konntest du dich bereits in der Hauptstadt einleben und hast du vielleicht schon persönliche Lieblingsorte entdeckt, die an einem freien Tag unbedingt besucht werden müssen?

Ja genau, ich wohne nun für die Spielzeit von „Ku`damm 59“ in Berlin. Große Stadt. Sehr große Stadt mit vielen faszinierenden Menschen. Die Stadt selber habe ich aber leider noch nicht so wirklich entdecken können, weil wir gerade einfach viel proben und ich mir ein bisschen meine Energie einteile. Großes Sightseeing hebe ich mir noch auf - nach der Premiere und den Coverproben bin ich ja zum Glück noch eine ganze Weile hier.

                        (c) Chris Hübner

Was ist das Wertvollste, das dir die Arbeit auf der Bühne geschenkt hat?

Ich durfte viele tolle Menschen kennenlernen und ich habe mich selbst an oder über Grenzen gebracht, wodurch ich auch mich selbst besser kennenlernen konnte.

Gibt es eine Produktion auf deiner „inneren Liste“, in der du besonders gerne einmal mitwirken würdest?

Schwierig… ich war in der Zeit zwischen Ku’damm 56 und 59 in New York und hab mir viele Musicals angeschaut. Da habe ich gesehen, wie viele tolle Stücke es gibt. Meine damalige Schauspiellehrerin (- die heute leider nicht mehr lebt -), die mir nicht nur wahnsinnig viel beigebracht und immer an mich geglaubt hat, sondern auch mein Feuer für das Theater entfacht hat, wollte immer „Kiss me Kate“ inszenieren. Daher wäre es für mich ein Full Circle-Moment, wenn ich einmal Teil einer „Kiss me Kate“- Inszenierung sein dürfte. Total gerne würde ich aber auch z.B. „Next to normal“ spielen. Ein tolles, wichtiges Stück, was mich schon seit meiner Ausbildung begleitet.

Die Musicallandschaft ist ständig in Bewegung und vor allem in den vergangenen Jahren haben sich viele Aspekte hierbei weiterentwickelt. Was wäre dein größter Wunsch für die zukünftige Theaterlandschaft?

Ich glaube, dass es heutzutage ein großes Risiko ist, als Produzent*in Musicals umzusetzen. Ich hoffe jedoch, dass viele diesen Mut weiterhin haben werden, sowohl neue Stücke auf den Markt, als auch internationale Musicals in den deutschsprachigen Raum zu bringen. Trotz der Umstände, die es in den letzten Jahren gab, wünsche ich mir dazu noch faire
Arbeitsbedingungen.

Was bedeutet „Glück“ für dich ganz persönlich?

Die große Frage nach dem Glück. Glück ist für mich, wenn ich andere glücklich machen kann. Glück ist gesund zu sein, Menschen um mich zu haben, die ich liebe. Glück ist diesen Beruf zu machen und damit meinen Lebensunterhalt bezahlen zu können.
Kitschig, ich weiß ;)


Schnellfragerunde:

- Lars in drei Worten? - positiv, perfektionistisch, begeisterungsfähig

- Ein Zitat, das dich geprägt hat? - „Krisen sind Geschenke“

- Was darf für einen guten Start in den Tag niemals fehlen? - Meine Augenkühlmaske, Akupressurmatte und das ätherische Öl „Gute Laune“

- Lieblingssong aus „Ku’damm 56“? - „Was wäre wenn“

- Ein Gefühl, das du mit „Ku’damm 59“ verbindest? - Gemeinschaft

- Ein Leben ohne Musik wäre für dich... - sehr eintönig

Herzlichen Dank für dieses nette Interview voller interessanter Einblicke in deinen Künstleralltag, lieber Lars! Es war eine Freude, dich, dein Schaffen sowie deine individuelle Perspektive auf die Musicalszene im Rahmen dieses Gesprächs näher kennenlernen zu dürfen! Ich wünsche dir weiterhin ganz viele wunderbare, prägende Momente auf den Brettern, die die Welt bedeuten, und natürlich eine großartige Zeit auf dem Ku'damm der 50er Jahre. 
Und wer nun neugierig geworden ist und im Anschluss an dieses interessante Interview gerne noch mehr über Lars' künstlerische Projekte erfahren würde, der sollte sich dringend einmal auf der Website des sympathischen Künstlers umtun: Homepage Lars 
Dort findet ihr nicht nur alle Informationen rund um den bisherigen beruflichen Weg, sondern könnt euch auch stets über alle aktuellen News informieren.

                          (c) Phil Wenger

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