Zwischen emotionalen Abgründen und gefährlicher Eleganz - "Dracula", ein schauriges Musicalvergnügen voll Biss

Finsternis senkt sich über das Land und hüllt die nach Ruhe und Frieden dürstenden Umrisse der Welt in das samtige Kleid der Nacht. Leise flüstert der Wind durch die Baumwipfel und kündet von einem dunklen Schicksal, von dem sonst noch niemand ahnt. Dichte Nebelschwaden verhüllen die landschaftliche Szenerie und geben nur dem aufmerksamen Beobachter einen kurzen Blick auf ein altes Gemäuer frei, das hoch oben auf einem Felsen inmitten des dichten Gebirges Transsilvaniens thront. Scheint das Schloss zunächst beinahe einem friedlichen Schlaf verfallen zu sein, erzählen das unermüdliche Kreisen der Fledermäuse um die dunklen Türme sowie das lauernde Wolfsgeheul in der Ferne doch eine andere Geschichte - eine Geschichte von Gier, Rausch und Schrankenlosigkeit. Hast du deine Tür fest verschlossen? Liegen der Knoblauch und das Kruzifix bereit? Sieh dich vor und wage keinen Schritt zu viel in der trügerischen Ruhe der Nacht! Denn dort, wo man es am wenigstens erwartet, lauern oft die spitzesten Zähne, die sich nach Blut und menschlichen Seelen verzehren.
Seit jeher begeistern die geheimnisvollen Geschichten rund um Untote, die lüsternde Begierde und schauerliche Skrupellosigkeit miteinander verbinden, Menschen auf der ganzen Welt. Egal, ob in Literatur, Film oder natürlich auch Theater - die Mystik von Vampiren dient stets als beliebter Stoff für düstere Arrangements. Mit "Dracula" wagt sich "ShowSlot" an die Umsetzung eines wahren Klassikers der Schauergeschichten und bringt eines jener Musicals auf die deutschsprachigen Bühnen, die sich die Faszination des Publikums durch ihre düstere Eleganz sowie ihre einnehmende Atmosphärik zu sichern wissen.


Erzählt wird die weltbekannte, auf dem Klassiker Bram Stokers basierende Geschichte rund um dunkle Begierden und verlockende Gefahren, die vor dem Hintergrund epischer Züge in eine Welt zwischen Seelenheil und Seelenqual entführt. 
Nachdem den jungen Anwalt "Jonathan Harker" ein Auftrag aus der Abgeschiedenheit erreicht hat, zögert der tatkräftige Mann nicht lange und begibt sich auf die beschwerliche Reise in das düstere Transsilvanien - einen sagenumwobenen Ort, um den sich so manche Schauergeschichten zu ranken scheinen. Angekommen im imposanten Anwesen seines Arbeitsgebers wird Jonathan schon bald mit großen Geheimnissen und merkwürdigen Gestalten konfrontiert, denn der Besitzer, der den Titel "Graf Dracula" trägt und das dunkle Schloss mit Argusaugen überwacht, erscheint dem jungen Anwalt in seiner kühlen Omnipräsenz sowie seinen irritierenden Vorlieben und Andeutungen dann doch mehr als skurril. Doch, was bei Tageslicht noch seltsam erscheint, entwickelt sich in der Nacht zu einem wahren Grauen - umhüllt von der Finsternis, in deren Schatten so manche Abgründe lauern, sieht sich Jonathan mit seinen furchterregendsten Alpträumen konfrontiert, die ihren Schrecken aus der einfachen Tatsache ziehen, dass sie sich keineswegs durch einen leichten Kniff in den Arm oder ein beherztes Aufschlagen der Augen vertreiben lassen. 
Währenddessen ereignen sich auch in England mysteriöse Dinge, denn auch Jonathans Geliebte "Mina", die bei ihrer guten Freundin "Lucy" sehnsüchtig auf die Rückkehr ihres zukünftigen Mannes wartet, macht Bekanntschaft mit den Stimmen der Finsternis, die in ihrem Innersten einen Kampf der Gefühle auslösen. Schon bald steht das bis vor kurzer Zeit noch so geordnete und idyllische Leben des verliebten Paares Kopf und das junge Glück sieht sich mit einem Kampf konfrontiert, der mit den gefährlichsten Waffen ausgefochten wird, nämlich tiefen Gefühlen. Welchen Preis zahlt man für einen kurzen Augenblick grenzenüberschreitender Sehnsucht und wie kann es sein, dass so manche Erinnerung, die sich dem Gedächtnis entzieht, für immer im Herzen bestehen bleibt? 


Thomas Schreier vollbringt mit seiner nuancierten Darbietung des "Graf Dracula" eine ganz und gar meisterliche Leistung, die zum Spiegelbild einer großen künstlerischen Klasse wird. Herausragend koloriert der Schauspieler eine gefährliche, blutrünstige Kreatur der Nacht, deren Skrupellosigkeit den Atem stocken lässt. Seine exzellente Darbietung besticht dabei auf spielerischer Ebene insbesondere durch eine außergewöhnliche Bühnenpräsenz, die dem Darsteller in all seiner künstlerischen Kraft anhaftet und die Blicke des Publikums auf ganz natürliche Weise scheinbar magnetisch anzuziehen scheint. In spielerischer Akkuratesse kreiert Thomas in der Rolle des Vampirs einen ganz individuellen Habitus, der der figuralen Komplexität des düsteren Grafen mehr als gerecht wird. Anmutig, ja einer Raubkatze gleich, schreitet der Darsteller über die Bühne, bewegt sich mit einer gefährlichen Eleganz durch die dargebotene Szenerie und entsendet stechende Blicke, die den Saal in pure Kälte zu gießen scheinen. Handwerklich versiert bedient sich der Künstler seines spielerischen Repertoires und setzt Gestik wie Mimik als gehaltvolles Mittel der schaurigen Präsenz perfekt in Szene. Besonders kraftvoll wirken jene Momente, in denen durch die eiskalte, blutrünstige Fassade des Vampirs unerwartete Regungen echter Gefühle blitzen, die der Schauspieler im Rahmen seiner figuralen Portraitierung mit dem nötigen Feingefühl herauszuarbeiten und hinter all der Brutalität des übernatürlichen Wesens freizulegen weiß.
Weiterhin glänzt Thomas mit seiner enormen stimmlichen Wucht, die sich aus der klangvollen Dualität einer grandiosen Technik sowie einer leidenschaftlichen Hingabe für die Schönheit der Musik speist. Brillant gelingt es dem Künstler, aus den Tiefen des natürlichen Resonanzkörpers zu schöpfen und seine kraftvolle Stimme in all ihren klanglichen Nuancen zu zeigen. Mit warmem Timbre bereitet Thomas den Zuschauern in aller gesanglichen Brillanz einen wahren Ohrenschmaus, vor dessen Hintergrund die Theaterbesucher in den Genuss kommen, einer Ausnahmestimme zu lauschen, wie man sie in aller Strahlkraft nur selten auf den Bühnen dieser Welt zu hören bekommt

Navina Heyne glänzt in der Rolle der Protagonistin "Mina Murray", die sie mit spielerischer Finesse und darstellerischer Souveränität zum Leben erweckt und so über den Abend hinweg eine starke Frauenfigur kreiert, die mit wachem Herzen durch die Welt geht. Mit der nötigen Portion Sensibilität für die Emotionen und Sehnsüchte der Figur zeichnet die Künstlerin eine sehr nahbare Fassung einer Frau, die zu Beginn der Handlung in all ihrer Liebe eine Leichtigkeit verspürt und glaubt, in ihrem Partner Jonathan ihr Lebensglück gefunden zu haben. Doch schon bald wendet sich das Blatt, Minas heile Welt wird gänzlich auf den Kopf gestellt und sie wird mit einem unerklärlichen Verlangen konfrontiert, das in seiner Unaufhaltsamkeit große Ängste weckt. Die Stimme der Vernunft und die Stimme des Vampirgrafen, die sich über eine telepathische Verbindung in den Kopf Minas schleicht, ringen miteinander um das Gehör der jungen Frau und beschwören tief in ihr eine Zerrissenheit herauf, welche sie zunehmend an ihren Handlungen zweifeln und ihre Selbstbeherrschung bröckeln lässt. Meisterhaft arbeitet Navina den inneren Konflikt der Figur heraus und lässt in ihrem pointierten Spiel die widersprüchlichen Empfindungen der jungen Frau transparent werden, sodass das Publikum bis auf den Grund ihrer Seele blicken kann. 
Das besondere Herzstück ihrer Darbietung ist jedoch ohne Frage ihre phänomenale gesangliche Leistung, die nicht nur jedem Lied eine besondere Strahlkraft entlockt, sondern vielmehr die in sich hervorragend gestrickte Gesamtkomposition in neue Sphären musikalischer Eleganz erhebt. Glockenhell legt sich ihr perliger Sopran über den Theatersaal und hüllt die Duisburger Kulturstätte in ein klangvolles Gewand fein gewobener Koloraturen und musikalischer Verzierungen. Feinsinnig und gefühlvoll und zugleich doch mit einer unbändigen, durchdringenden Klangkraft erweckt sie die musikalischen Arrangements zum Leben und trotzt jeder noch sehr anspruchsvollen Partitur mit ihrer stimmlichen Fulminanz. 


Marius Bingel begeistert mit seinen herausstechenden spielerischen Fähigkeiten in der Rolle des "Professor van Helsing", die es ihm erlauben, über den Abend hinweg einen authentischen Charakter in aller Plastizität zu zeichnen und dabei eine figurale Identität in all ihrer menschlichen Vielschichtigkeit herauszuarbeiten. In einem dynamischen Spiel verleiht er der Figur eine emotionale Tiefe und gewährt den Zuschauern dabei einen Blick hinter die Fassade eines von der Aura eines dramatischen Schicksalsschlags gezeichneten Charakters. Van Helsing hat seine Gefühle hinter Mauern der Abgeklärtheit verborgen, die jedoch in der Konfrontation mit den tragischen Ereignissen zu bröckeln beginnen und die dahinterliegende Trauer um den Verlust seiner großen Liebe freilegen. Mit viel Fingerspitzengefühl lässt Marius die figurale Vulnerabilität durch die scheinbare Souveränität und den Kampfgeist des Vampirjägers blitzen und balanciert die beiden Dimensionen im Sinne einer versierten Charakterzeichnung hervorragend aus, sodass das Publikum Gelegenheit erhält, den Beweggründen des Mannes nachzuspüren und seine im Inneren verschlossene Trauer als Antrieb für einen verbitterten Rachefeldzug zu ergründen. Seinen künstlerischen Scharfsinn sowie sein Feingefühl für die Emotionalität der Rolle, die sich zunächst hinter einer gut gehüteten Professionalität und Distanziertheit verbirgt, vermag der Darsteller insbesondere im Rahmen des Liedes "Rosanne" herauszuarbeiten, in deren Kontext der Künstler den tiefen Schmerz des Mannes spielerisch wie gesanglich grandios nachzuzeichnen vermag. Die Stimme wird hierbei zu einem Spiegelbild der charakterlichen Vielschichtigkeit - ebenso, wie die Figur selbst als Persönlichkeit mit starker Fassade und verletzlichem Kern angelegt ist, zeichnet sich auch die gesangliche Darbietung aus einer Symbiose von bemerkenswerter stimmlicher Stärke und gleichzeitiger gefühlvoller Zerbrechlichkeit aus, die in ihrer exzellenten Melange große Emotionen wecken.

In der Rolle von Minas Verlobtem "Jonathan Harker" überzeugt Vincent van Gorp mit einer fein ausgearbeiteten, gefühlvollen Figureninterpretation, die die Rolle in weichen Konturen filigran umzeichnet. Mit einem feinen Gespür für das emotionale Erleben Jonathans koloriert der Künstler einen nahbaren Charakter mit hohem Identifikationspotenzial, der es dem Publikum leicht macht, bereits zu Beginn der Geschichte eine emotionale Verbindung zu der figuralen Persönlichkeit aufzubauen und mit dem feinfühligen Mann zu sympathisieren. Spielerisch versiert mimt der Darsteller einen jungen, eifrigen Mann, der eine große Loyalität in sich trägt und sich seinen Freunden sowie insbesondere seiner großen Liebe Mina bedingungslos verpflichtet fühlt. Dank Vincents leidenschaftlichem Spiel können die Zuschauer die Figur nicht nur auf ihrem gefährlichen Weg nach Transsilvanien begleiten, sondern werden zugleich Zeugen einer emotional aufgeladenen Reise in das Innenleben eines Charakters, der sich mit der Antithetik von Vernunft und Gefühl konfrontiert sieht. Der Künstler macht jenen Konflikt, der angesichts der zunehmenden Veränderungen seiner Frau in Jonathan tobt, in all seiner spielerischen Finesse und seinem sensiblen Gespür für das Seelenleben des verunsicherten Charakters transparent und setzt seinen wohklingenden Tenor perfekt ein, um im Rahmen klug gestrickter Partien das emotionale Erleben auch auf musikalischer Ebene zu beleuchten.


Die Rolle der zweiten weiblichen Hauptfigur "Lucy" erweckt Munja Viktoria Meier mit einem ausgeprägten spielerischen Talent sowie einer sichtlichen Hingabe für die charakterliche Reise zum Leben und koloriert somit eine starke Persönlichkeit, die als treue Freundin an der Seite Minas agiert. Buchbedingt kann die Darstellerin vor allem im ersten Akt ihr spielerisches Geschick hervorragend unter Beweis stellen und über den Abend hinweg ihre künstlerische Wandelbarkeit in Szene setzen. Ausdrucksstark bringt Munja die selbstbewusste, energiegeladene Frauenfigur auf die Bühne und durchlebt in ihrer Rolle einen durch die Begegnung mit den Untoten hervorgerufenen eindrucksvollen Wandel. In spielerischer Feinarbeit kontrastiert die Künstlerin das Bild der wohlerzogenen Frau aus gutem Hause brillant mit der gierigen, triebgesteurten Vampirdame, die nach ihrem Biss in eine charakterliche Zügellosigkeit verfällt, sich dem Rausch des Blutes hingibt und sich von den Fesseln jeglicher Moral befreit.
Auch gesanglich glänzt die Darstellerin mit einer stimmlichen Finesse, dank derer sie die musikalischen Arrangements mit einer ordentlichen Portion Twang und Verve anzureichern weiß. Mit ihrer gut ausgebildeten Stimme intoniert die Sängerin die Lieder aus der Feder Frank Wildhorns allesamt souverän und versprüht einen besonderen musikalischen Esprit, der sich ihrer unverwechselbaren Klangfarbe verdankt.

Die Rolle des charismatischen Arztes "Dr. Jack Seward", der in einer psychiatrischen Anstalt seiner Neugier für sonderbare Verhaltensweisen nachgeht, verkörpert Felix Heller mit spielerischer Vortrefflichkeit und künstlerischer Leichtigkeit. Im Rahmen seiner ausgezeichneten Darbietung balanciert er die Professionalität eines pflichtbewussten Arztes perfekt mit der Sensibilität und Empathie eines warmherzigen Mannes aus und weiß dabei Rationalität und Emotionalität in einer feinsinnigen Darstellung zu vereinen, sodass sich dem Publikum der große Genuss offenbart, den Schauspieler auf seiner figuralen Reise zu begleiten und mit ihm in eine unberechenbare Welt der Mystik einzutauchen, in der man selbst den eigenen Sinnen nicht mehr trauen kann. Mit sichtlicher Spielfreude mimt Felix einen neugierigen wie gefühlvollen Charakter, der sich als starker Partner im Kampf gegen die Untoten erweist, und interagiert dabei hervorragend mit Spielpartner Marius Bingel, sodass sich eine besondere darstellerische Kraft aus dem harmonischen Zusammenspiel entspinnt. 


Mit einer besonderen schauspielerischen Aufgabe sieht sich Nico Went konfrontiert, der mit der Figur des "Renfield" einen psychisch erkrankten Mann mit sonderbaren Verhaltensweisen und einer verblüffenden Begeisterung für Insekten verkörpert und dabei ganz tief in das Seelenleben einer ihrer Fantasien verfallenen Figur blicken muss. Diese darstellerische Herausforderung meistert der Künstler dank seines schauspielerischen Geschicks und Scharfsinns mit Bravour und nutzt sein volles darstellerisches Können, um den von der Gesellschaft verstoßenen Mann in einer bemerkenswerten Nuanciertheit zu zeichnen, die dem Spiel eine eindrucksvolle Authentizität verleiht. So wird das Publikum mit einer Figur konfrontiert, die die Welt aufgrund ihrer Psychosen aus einer ganz individuell gefärbten Perspektive wahrnimmt, die dem Irrsinn verfallen scheint und deren Botschaften in dem Stigma des "Wahnsinnigen" doch so manches Mal verkannt werden. Mit spielerischer Exzellenz und einer expressiven Darbietung vermag es der Künstler, ein sehr glaubhaftes Bild des jungen Mannes zu zeichnen, der dem Ruf seines Meisters folgt und in seiner Rolle als sprechendes Medium eines übernatürlichen Wesens von der Gesellschaft als ganz und gar verrückt abgestempelt wird. Mit entrücktem Blick und merkwürdig verzerrt anmutenden Bewegungen spiegelt Nico den charakterlichen Kern in einem eigens für die Rolle kreierten Habitus und verleiht der Figur mit allen Mitteln des schauspielerischen Handwerks eine individuelle Körperlichkeit, die in einer Trinität aus Mimik, Gestik sowie Intonation wurzeln.

Das gesamte Ensemble wartet mit einer solchen Spielfreude und gleichzeitigen Akkuratesse auf der Bühne auf, dass man als Theaterbesucher nur staunend das mitreißende Geschehen auf den Brettern, die die Welt bedeuten, verfolgen und sich der Kraft einer brillanten Ensembleleistung hingeben kann. Besonders bemerkenswert gestaltet sich dabei beispielsweise die in sich bestens aufeinander abgestimmte Darbietung von Stephanie Löblich, Noraleen Amhausend und Duygu Yüzbasioglu, die als schaurige Vampirbräute nicht nur auf die anderen Handlungsträger der Geschichte eine besondere Anziehungskraft ausüben, sondern in ihrer Präsenz auch die Aufmerksamkeit des Publikums vom ersten Moment an erobern. Als harmonisches Trio verleihen die drei Künstlerinnen der Darbietung eine düstere Eleganz und schenken dabei den musikalischen Arrangements in ihrer stimmlichen Fulminanz ein klangvolles Fundament. Auch Johannes Pinkel und Vincent Treftz bestechen durch ihre schauspielerischen Qualitäten, die es ihnen erlauben, die Rollen von Lucys Ehemann "Arthur Holmwood" sowie dem zweiten potenziellen Hochzeitskandidaten "Quincey Morris" darstellerisch sicher und mit einem scharfen Blick für die Melange aus schicksalhafter Dramatik und hin und wieder hevorblitzender figuraler Humoristik auszufüllen. So gelingt es den beiden Künstlern phänomenal, die individuellen Charakterzüge der beiden Männer, die sich der erbitterten Vampirjagd anschließen, herauszustellen und das Bild unterschiedlicher Bühnenpersönlichkeiten mit entsprechenden Farben zu komplettieren.
Die gesamte Cast begeistert mit ihrer energetischen, ausdrucksstarken Performance über den Abend hinweg und trägt das Stück sowohl spielerisch als auch stimmlich in all seiner Größe und Vielschichtigkeit. Ausdrucksstark arbeitet jedes Mitglied des Ensembles seine Rolle in ihren Charakterfarben aus und bereichert so die Produktion mit seiner individuellen künstlerischen Identität. 


In aller flirrenden Intensität des Stücks wird eine ganz bedrückende Grundstimmung spürbar, vor deren Hintergrund die Nerven zum Zerreißen gespannt sind und der Bass im Takt der rasenden Herzen dröhnt. Die Inszenierung spielt so bravourös mit der dunklen Atmosphärik und der Mystik der obskuren Thematik, dass sich die schaurige Stimmung in Windeseile auf den gesamten Zuschauersaal überträgt und so mancher Theaterbesucher im Angesicht der stetig unterschwellig lauernden Gefahr seine schweißnassen Hände trocknen muss.
Die Produktion zeichnet sich dabei durch eine stark verdichtete Narration aus, die gegenwärtige Handlungsstränge mit Rückblenden in die Vergangenheit vereint. Bereits zu Beginn der Vorstellung wird der Zuschauer unmittelbar in die Handlung geworfen und folgt einer dichten Erzählkunst in hohem Tempo. Angesichts der ständig über allem schwebenden Bedrohung geht es Schlag auf Schlag und so wird den Theaterbesuchern ebenso wie den handlungstragenden Figuren selbst kein Moment zum Durchatmen gegönnt. Besonders positiv macht sich mit Blick auf die Erzählstruktur des Musicals die Tatsache bemerkbar, dass nicht nur ein Ereignis an das nächste gereiht wird, sondern die Inszenierung ebenso den nötigen Raum offeriert, um die dahinterstehenden figuralen Beweggründe deutlich zu machen und prägende Erfahrungen als Intention für bestimmte Handlungsweisen der Charaktere offenzulegen. So fungiert die Darbietung als Psychogramm, das dunkle Gelüste, folgenschwere Begierden, lauernde Ängste und tiefe Liebe transparent macht und das Publikum mit den individuellen Erfahrungsgeschichten und Biographien der Charaktere konfrontiert. Geschickt verweben sich die Lebenswege ganz unterschiedlicher Persönlichkeiten vor dem Hintergrund einer schicksalsträchtigen Szenerie, die einen Wendepunkt in dem bislang doch scheinbar geordneten Leben aller Figuren markieren soll. 


Musikalisch wartet die Produktion mit ebenso anspruchsvollen wie wundervoll umschmeichelnden Arrangements auf, die das Musical in ein zauberhaftes Gewand klangvoller Melodien hüllen und die Ausdrucksstärke der Inszenierung ebenso in die Kraft geschickt komponierter Nummern zu übersetzen vermögen. Mit dieser Komposition ist es Frank Wildhorn abermals gelungen, sein Gespür für große Melodien unter Beweis zu stellen und ein stimmungsgewaltiges Potpourri an Liedern zu arrangieren, die die unverwechselbare Handschrift des Komponisten tragen. Die musikalische Linie ist klassisch angehaucht und offeriert lyrisch anmutende Perlen, die die düstere Eleganz des Stücks hervorragend vertonen. Doch auch rockige Einflüsse finden ihren Weg in die klangvollen Arrangements, sodass sich jene Spannung, die sich vor dem Hintergrund der stetig lauernden Gefahr sowie der allumfassend spürbaren Konflikte in entsprechenden Beats widerspiegelt. Dabei verweben sich emotionsgewaltige Balladen mit kraftvollen Duetten und Terzetten, deren Schönheit sich aus der Strahlkraft einer stimmlichen Vereinigung speist.
Unter der versierten Leitung von Simon Münzmay spielt die achtköpfige Band schwungvoll wie lebendig auf und entlockt der tiefsinnigen Komposition ihre volle akustische Brillanz. Einen wesentlichen Anteil an der klanglichen Opulenz der Darbietung trägt die ausgezeichnete Abmischung, die einen absoluten Kontrast zu der sonst doch oftmals eher nicht bis ins Detail perfekt abgestimmten Akustik bei Produktionen mit wechselndem Spielort abbildet. Dank der hervorragenden Soundqualität übertragen sich die instrumentale Energie ebenso wie die Stimmgewalt der Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne vollumfänglich in den Zuschauersaal und sorgen dort in ihrer kraft- wie klangvollen Präsenz für zahlreiche Gänsehautmomente. Das gesamte Sounddesign begeistert mit Qualitäten, die nicht erst mit Vorstellungsbeginn transparent werden, denn bereits beim Betreten des Saals wird das Publikum von einer schaurigen Geräuschkulisse empfangen, die ein durchdringendes Heulen der Wölfe mit markerschütterndem Vogelgeschrei und einem unheimlichen Quietschen und Knarzen verbindet und so sein Übriges dazu beiträgt, das Theater in einen Ort des Schauderns zu verwandeln. 

Glaubt man, bereits in der musikalischen Darbietung die gesamte Düsternis des Stücks zu spüren, so setzt die visuelle Produktionsgestaltung noch einen obendrauf und offeriert den Zuschauern eine gewaltige Kulisse, deren durchdachte Konzeption ebenso den Handlungsverlauf szenisch unterstützt wie auch die Atmosphäre der Geschichte meisterhaft unterstreicht. Die Konzeption des Bühnendesigns eröffnet in der Arbeit mit einer beidseitig zugänglichen Empore oberhalb der zentralen Bühnenfläche die Möglichkeit des Spiels auf zwei Ebenen, sodass unterschiedliche Handlungsstränge parallel abgebildet und voneinander entfernte Handlungsorte nebeneinandergestellt werden können. Ein geheimnisvolles Portal im Zentrum des Kulissenbildes verleiht eine zusätzliche Tiefe im Sinne einer plastischen Multidimensionalität und komplettiert die grundlegende Bühnenkonzeption, vor deren Hintergrund mit Bedacht ausgewählte Kulissenelemente und Requisiten zu entsprechend der Szenerie aufgebauten Motiven vereint werden. Mit kleinen Kniffs und kreativen Ideen ist es im Rahmen der Tourproduktion grandios gelungen, eine ebenso funktionale wie visuell eindrucksvolle Kulisse zu kreieren, die den schaurigen Unterton des Bühnengeschehens ausgezeichnet in Szene setzt. Dazu trägt nicht zuletzt das atemberaubende Lichtdesign von Michael Grundner bei, welches die Atmosphärik perfekt transportiert, indem es die Darbietung konsequent in eine dunkle, bedrückende Kulisse hült und durch prägnante Lichtakzente, blitzartig aufleuchtende Spots sowie ein Zusammenspiel mit einfachen theatralen Elementen, wie beispielsweise wallenden Stoffbahnen, für den nötigen Gruselfaktor sorgt. Dabei bedient sich die lichttechnische Gestaltung überwiegend der Farben Blau und Rot, die zwischen Bildern eisiger Bedrohung und fließenden Blutes wechseln. Abgerundet wird das optische Werk von einem pointiert eingebundenen Einsatz der Nebelmaschinen, die dichte Nebelschwaden über die Bühne entsenden und mit den Sinnen des Zuschauers spielen. 

Auch das detailverliebte Kostümdesign gliedert sich nahtlos in die Reihe feinsinnig aufeinander abgestimmter Elemente der Visualität ein. Besonders gelungen erscheint hierbei das bildliche Spiel mit den zwei Polen, die in der Gegenüberstellung von Mensch und Blutsauger offengelegt werden. Hervorragend kontrastiert die Bühnenkleidung die frivole Lust der Untoten mit der Etikette der Londoner Gesellschaft und stellt den schicken, adretten Kleidungsstücken der Menschen ein Bild wilder, freizügiger Kostüme entgegen, das die Wollust und Zügellosigkeit der Vampire punktgenau betont. Neben der Laszivität rückt das Kostümdesign von Irina Hofer jedoch ebenso die von den Vampiren ausgehende Gefahr sowie deren Unberechenbarkeit in das Zentrum der Visualität, indem immer wieder schwarze Schleier das Gesicht der Vampirfiguren bis zur Unkenntlichkeit verhüllen und schemenhafte Kostümzeichnungen rätselhafte Silhouetten heraufbeschwören.


Mit der Inszenierung des Musicals "Dracula" ist es "ShowSlot" erstklassig gelungen, einen faszinierenden Mythos in ein imposantes Bühnenstück zu überführen. Hervorragend werden die Bedingungen eines Tourformats, das einer Inszenierung in seiner besonderen Spezifik stets gewisse Einschränkungen auferlegt, mit einer beeindruckenden Kulisse in Einklang gebracht und ein Bild opulenter Visualität kreiert, welches den Zuschauer förmlich in die Finsternis saugt. Die große Stärke der Produktion liegt dabei ohne Frage in dem hohen Gehalt einer schaurigen Atmosphäre, die mit allen Sinnen als Medium einer nachhallenden Theaterinszenierung erfahren werden kann. Dabei gestaltet sich die Aufbereitung des Stoffes entsprechend seiner Thematik intensiv und mit einer nicht zu verhehlenden Grausamkeit, die die Rohheit der vampirischen Triebe ohne den Einsatz sinnentstellender Euphemismen darlegt. Der Mythos um die Blut dürstenden Vampire wird hier trotz der Einbettung einer bewegenden Liebesgeschichte nicht gänzlich romantisiert, vielmehr werden die Untoten in all ihrer Gier und Kälte als brutale, gnadenlose und enthemmte Wesen gezeichnet, die dem Menschen das Fürchten lehren und dabei zugleich eben doch tief in sich die Erinnerungen an Gefühle - Relikte aus ihrem scheinbar längst vergessenen Leben als Mensch - tragen.
Klangvoll wie bildgewaltig kommt das Musical als düsteres Meisterwerk daher, das aus den Vollen der Atmosphärik schöpft und den Zuschauer zu einer schaurigen Reise in eine Welt des Grauens lädt, die nicht nur von gefährlichen Abgründen zu erzählen weiß, sondern auch offenlegt, warum Liebe manchmal bedeutet, jemandem die Freiheit zu schenken.
Freut euch auf einen Abend hoher Theaterkunst und taucht gemeinsam mit einer phänomenalen Cast in ein Gefühlskaleidoskop voll düsterer Farben ein, das von Beklemmung, Schrecken, Begierde, Trauer und Verwundbarkeit zu erzählen weiß und in dessen Mitte ein zaghaftes Licht einer unerklärlichen Verbundenheit glimmt - eine Verbundenheit zweier vertrauter Seelen.

                     Fotos: (c) Nico Moser



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Historizität in musikalischer Brillanz - "Elisabeth", ein virtuoses Rendezvous mit dem Tod im Schatten menschlicher Abgründigkeit

Ein wortgewaltiger Flug an der Seite von Sängerin und Musikliebhaberin Madeleine Haipt

Revolution zwischen den Schatten der Vergangenheit und den Sehnsüchten der Zukunft - "Die Räuber", ein atmosphärisches Kunstwerk im mutigen Farbenrausch