Ein Plädoyer für theatralen Mut - Im Gespräch mit Vollblutkünstler Gerd Achilles
Gerd Achilles absolvierte seine Ausbildung zum Musicaldarsteller an der Bayerischen Theaterakademie "August Everding" sowie an der "Royal Academy of Music" in London. Bereits während seiner Studienzeit war der Künstler Teil der Originalinszenierung des Musicals "Tanz der Vampire", die umjubelte Premiere am "Raimund Theater" in Wien feierte. Nach erfolgreich abgeschlossener künstlerischer Ausbildung führte Gerd sein Weg an die unterschiedlichsten Spielorte der deutschsprachigen Musicallandschaft. So stand er unter anderem in der Bremer Inszenierung von "Marie Antoinette" auf der Bühne und wirkte bei der deutschsprachigen Uraufführung der Produktion "Lady Bess" in St. Gallen mit. Weiterhin war der gebürtige Siegburger bereits in Shows, wie beispielsweise "Ludwig II", "Dracula", "Mamma Mia" und "Der Graf von Monte Christo", zu sehen. Im Disney-Klassiker "Tarzan" verkörperte er die Rolle des "Kerchak" und begeisterte als "Marius" in der Bad Hersfelder Inszenierung des Musicals "Les Misérables".
In diesem Sommer schlüpft der versierte Künstler bei den Burgfestspielen Bad Vilbel in die Hauptrolle des Stücks "Wie im Himmel" und bereichert damit eine Produktion, die die Kraft der Musik in atmosphärischer Freilichtkulisse zelebriert. Anlässlich dieses bevorstehenden Engagements hatte ich die wunderbare Möglichkeit, ein paar Fragen an den sympathischen Darsteller zu richten und damit Auszüge einer beeindruckenden künstlerischen Laufbahn zu beleuchten. In diesem Sinne: Vorhang auf und Bühne frei für Gerd Achilles...
(c) Stephan Walz
Du hast sowohl in München als auch in London studiert. Inwiefern hat sich die Ausbildung in Abhängigkeit vom jeweiligen Studienort unterschieden und was waren für dich die prägendsten Erfahrungen während dieser Zeit?
In München waren wir an der "Bayerischen Theaterakademie" erst der zweite Musical-Jahrgang überhaupt. Das hatte Vor- und Nachteile, hohe Fluktuation an Lehrern und ein etwas chaotischer Lehrplan einerseits, viele kreative Freiräume andererseits.
Das Besondere an der Theaterakademie in München ist - damals wie heute - dass von
Anfang an fächerübergreifende Projekte mit anderen Abteilungen stattfinden, wie zum Beispiel mit Oper, Schauspiel- oder Regiestudiengängen.
Wir sind als damals neuer Studiengang während dieser vier Jahre dreimal in München umgezogen, von einer verlassenen Fabrikhalle neben dem Gefängnis in München Stadelheim, wo die Häftlinge beim Ballett zuschauen konnten, bis hin zur feudalen Bogenhausener Villa, wo der Studiengang Musical heute immer noch residiert.
Anders als in München dauerte das "Postgraduate" Studium an der Royal Academy in London nur ein Jahr. Als ich dort anfing, hatte ich bereits sechs Jahre Berufserfahrung, da wusste ich schon eher, worauf ich mich da einlasse.
Das Besondere an dem Studiengang ist natürlich, dass man vor Ort in einem Mekka des Theaters ist, viele Dozenten arbeiten aktiv am West End, es gibt spannende Workshops und Projekte und man kann auch mal nach dem Unterricht noch eine Show erwischen.
In St. Gallen warst du Teil der deutschsprachigen Uraufführung des Musicals "Lady Bess"? Welche Möglichkeiten bzw. Herausforderungen bietet die Arbeit an einer Uraufführung und wie hast du den kreativen Prozess rund um diese Inszenierung wahrgenommen?
Uraufführungen sind immer etwas Besonderes, weil man unmittelbar an dem künstlerischen Prozess des Kreativteams beteiligt ist, in meinem Fall etwa bei "Ludwig2" in Füssen oder in kleineren Uraufführungen wie "Bahn frei" oder "Luther- Rebell Gottes" am Theater Fürth.
"Lady Bess" war nicht wirklich eine Uraufführung, sondern - ebenso wie "Marie Antoinette" am Theater Bremen - eine europäische Erstaufführung, da beide bereits in Asien uraufgeführt wurden. Es wird je nach Kreativteam zwar einiges geändert, aber das Stück als solches steht schon. Trotzdem gab es auch da kreativen Freiraum. In beiden Fällen haben die Autoren Michael Kunze und Silvester Levay das Stück überarbeitet, sodass letztendlich eine neue Version des Stückes auf der Bühne zu sehen war.
"Lady Bess" trägt zudem noch die Handschrift von Regisseur Gil Mehmert, der dem Stück einen etwas moderneren Anstrich gegeben hat. Für mich als Fan der Wiener "Elisabeth" Original Version von 1992 war es natürlich toll, nach "Rebecca" und "Marie Antoinette" zum dritten Mal bei einer Kunze/ Levay Erstaufführung dabei zu sein und mit "Simon Renard" eine kleine und doch wichtige Rolle zu kreieren.
(c) Edyta Dufaj
Im Oldenburgischen Staatstheater wirkst du aktuell im Musical "Next to normal" mit und verkörperst dort die Hauptrolle des "Dan Goodman". Damit bist du Teil einer Produktion, die in ihrer emotionalen Tiefe und ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit existenziellen Themen viel von jedem Schauspieler und jeder Schauspielerin abverlangt. Wie seid ihr als Cast mit dieser großen Herausforderung umgegangen und inwieweit gelingt dort die Balance zwischen
Nähe und Abgrenzung von der fiktiven Figur?
"Next to Normal"… wo fange ich da an?! Mit dem Stück bin ich seit Jahren vertraut, hatte es auch schon auf der Bühne gesehen, aber es hat mich nie so richtig gekriegt. Bis ich vor vier Jahren in Barcelona eine moderne Version des Stückes mit der Original "Diana", Alice Ripley, gesehen habe, die mich umgehauen hat. Seitdem war das Stück auf meiner "To Do-List". Die Regisseurin unserer Oldenburger Produktion, Konstanze Kappenstein, kommt vom Schauspiel, es war ihr erstes Musical überhaupt. Das klingt abenteuerlich, aber hat sich für uns hier als Glücksfall erwiesen, es hat einfach gepasst. Es gab keinen Choreographen, kein Staging, keine Musicalposen, jede Aktion sollte aus der Motivation der Figur begründet sein.
Zu der Frage der Abgrenzung zu problematischen Themen der Show: Das war bei uns irgendwie nie Thema. Angeführt von der Regisseurin und unserer Hauptdarstellerin Femke Soetenga waren wir insgesamt eine sehr lustige Gruppe. Weinen und Lachen lagen immer nah beinander, sodass bei aller Schwere der Thematik immer eine Leichtigkeit über den Proben schwebte.
Was das Stück für mich so besonders macht, sind Thematiken, die man sonst so im Genre Musical nicht findet. Gerade im deutschsprachigen Raum hat es sich etabliert, dass neue Musicals nach bestimmten Mustern konzipiert werden. Man nimmt eine historische Figur, eine populäre Geschichte oder ein Märchen, bastelt eine Liebesgeschichte dazu, einen Bösewicht, ein paar lustige Figuren - Hauptsache, der Titel ist bekannt und man kann ihn gut bewerben.
Das macht kommerziell Sinn, aber umso erfreulicher ist es, wenn ab und an Stücke wie "Next to Normal" auf dem Spielplan stehen und zeigen, dass Musical mehr kann.
Ab Juli wirst du in der Rolle des "Daniel Daréus" in der Produktion "Wie im Himmel" in Bad Vilbel zu sehen sein. Verrate doch bitte einmal all jenen, die die Geschichte noch nicht kennen, worum es in dem Stück geht und was für dich den Zauber dessen ausmacht.
Das Musical basiert auf einem schwedischen Film gleichen Namens aus dem Jahre 2004. Ein weltberühmter Dirigent erfährt auf dem Höhepunkt seiner Karriere, dass er nur noch wenige Monate zu leben hat, und zieht zurück in das Dorf seiner Kindheit. Dort übernimmt er eher unfreiwillig den Kirchenchor und findet mit Hilfe der skurrilen Chormitglieder letztendlich zu sich selbst. Das klingt dramatisch, ist aber eine wundervolle Geschichte mit viel Herz und Humor!
(c) Stephan Walz
Wie lange dauert die Probenzeit für die Show und wie gelingt es dir in dieser Zeit, deine eigene Interpretation der Figur zu kreieren? Hast du den Film oder eine der Bühnenadaptionen bereits in der Vergangenheit gesehen oder auf welche Weise näherst du dich der Geschichte um den musikliebenden und zugleich völlig überarbeiteten Dirigenten an?
Die Premiere ist am 3. Juli. Wir proben offiziell seit dem 18. Mai, allerdings ist der Großteil unseres Ensembles auch an anderen Produktionen der Burgfestspiele Bad Vilbel beteiligt, sodass wir mit dem gesamten Ensemble erst ab dem 1. Juni in den gemeinsamen Probenprozess eingestiegen sind - also gar nicht so viel Zeit. Die Proben laufen gerade auf Hochtouren.
In der Vorbereitung habe ich verschiedene Biographien großer Dirigenten gelesen und natürlich den Film nochmal angeschaut, den ich sehr mag. Letztendlich wollte ich aber ohne eine zu konkrete Vorstellung in diese Produktion gehen. Ich versuche, offen zu sein und die Figur authentisch aus mir selbst heraus zu entwickeln - mit meiner Stimme, meinem Körper und meiner Empathie für die Figur.
Es ist nicht das erste Mal, dass du im Rahmen der Freilichtsaison auf einer Bühne
stehst. So hast du beispielsweise bereits bei den Bad Hersfelder Festspielen oder auch bei den Schlossfestspielen Ettlingen Bühnenluft im Freien geschnuppert. Inwiefern unterscheidet sich deine Arbeit in Abhängigkeit von der Bühne und hast du hinsichtlich des Spielortes eine persönliche Präferenz?
Sommerfestspiele haben eine eigene Magie, durch das (hoffentlich) gute Wetter und das "draußen sein" kommt immer eine gewisse Ferienlager Atmosphäre auf.
In Bad Vilbel bin ich zum ersten Mal, wir proben bisher nur in einer alten Reithalle, daher kann ich da noch gar nicht so viel sagen. Aber jeder Freilichtspielort hat etwas Besonderes. In Bad Hersfeld ist die Bühne in der Ruine einfach großartig, die Kulisse in Ettlingen vor dem Schloss ist eher gemütlich.
Mein ganz persönlicher Favorit sind die Freilichtspiele in Schwäbisch Hall. Ich bin da vielleicht etwas voreingenommen, weil es meine ersten Festspiele waren, aber ich liebe die majestätische Treppe. Zudem wirkt der gesamte Ort wie aus einer anderen Zeit.
(c) Stephan Walz
Welche Wünsche hast du für die deutschsprachige Musicalszene der
kommenden Jahre? In welchen Bereichen siehst du vielleicht noch Entwicklungspotenzial oder Möglichkeiten, mit mehr Mut in die Zukunft zu blicken?
Seit ich in dem Beruf bin, hat sich so viel Tolles getan. Theater, wie St Gallen, das Theater Regensburg oder die Oper Dortmund bieten tolles, aufregendes Musical. Es hat sich um die Deutsche Musicalakademie und die "Schreibmaschine" eine Szene entwickelt, die neuen Stücken und Autoren eine Plattform bietet und mich persönlich hauen regelmäßig die vielen tollen jungen Kollegen um, die gerade ihre Ausbildung beendet haben. Auch in diesem Bereich hat sich so viel entwickelt.
Gerade bei so viel tollem Nachwuchs wundert es mich allerdings immer wieder, dass beim Besuch von Großproduktionen Texte nach wie vor phonetisch schwer verständlich aufgesagt werden. In dem Bereich sehe ich auch nach 40 Jahren En-Suite Musicals in Deutschland Verbesserungspotential. Außerdem würde ich mir eine progressivere Stückauswahl der großen Musicalanbieter wünschen, denn ich habe das Gefühl, dass seit einigen Jahren eher mittelmäßige Stücke basierend auf bekannten Filmtiteln den Weg nach Deutschland finden. Das ist subjektiv und hat vermutlich kommerzielle Gründe, die ich nachvollziehen kann, aber es geht ja um Wünsche. :-)
Schnellfragerunde:
- Eine Sache, die du gerne vor deiner Ausbildung gewusst hättest? - …ich glaube, nichts hätte mich damals von meinem Berufswunsch abhalten könnten.
- Letztes Musical, das dich als Zuschauer begeistert hat? - Gemocht habe ich einiges, aber richtig begeistert haben mich zuletzt:
"Maybe Happy Ending" in New York und "Benjamin Button" in London
- Bester Start in einen Tag? - Ausschlafen, drei Tassen Kaffee und zehn Minuten meditieren. Langweilig, ist aber so. :-)
Vielen Dank für dieses interessante und offene Gespräch, lieber Gerd! Es war mir eine Freude, gemeinsam mit dir die eine oder andere Station aus deiner Vita Revue passieren zu lassen und auch bereits einen ersten neugierigen Blick auf den bevorstehenden Theatersommer werfen zu dürfen. Ich wünsche dir eine erlebnisreiche und bewegende Festspielzeit und ein gutes "Kennenlernen" mit einer ganz besonderen Figur!
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