Düstere Atmosphärik zwischen Fantasie und Realität - "Der Schimmelreiter", ein literarischer Klassiker in faszinierender Bildgewalt
Nebel wabert über das scheinbar von Kohlestiften gänzlich grau gezeichnete Wasser, dichte Wellen schlagen gegen den Deich und rütteln - gierend nach Ausdehnung und Macht - an dem von Menschenhand gebauten Wall und zwischen dem kahlen Geäst am Meeresufer tanzen düstere Schatten. Ein gespenstisches Geheul des Windes brandet auf, eine Krähe krächzt mit der schaurigen Melodie des Sturms um die Wette und zwischen den jammernden Akkorden der Gezeiten liegt eine durchdringende, ja durch und durch unheimliche Stille über dem kargen Land. Scheinbar verlassen liegt das weite Meer da - doch manchmal trügt der Schein der Einsamkeit mehr als es die prahlerischen Gespräche in großer Runde vermögen, denn hinter dem Vorhang der vermeintlichen Abgeschiedenheit bäumt sich ein dunkles Mysterium zu seiner vollen Größe auf. Manche sagen, es sei ein Verwirrspiel der Sinne; manche behaupten, es sei ein gespenstisches Wesen. Fest steht, es hat erschreckende Ähnlichkeit mit einem Pferd - weiß wie der Schnee und lautlos wie die nächtliche Stille gleitet es mit seinem Reiter dort entlang, wo sich Meer und Horizont vereinen und trotzt dem Sturm mit heroischer Stärke.
Seit jeher fasziniert den Menschen das, was er nicht erklären kann, was eine Gänsehaut hinterlässt und die düstere Dimension der Welt in schaurigen Geschichten zum Ausdruck bringt. Im Schlosstheater Fulda haben es sich die kreativen Köpfe in diesem Jahr zur Aufgabe gemacht, eben jene Faszination für das Gespenstische neu zu entfachen und dem jeden Sommer aufs Neue begeistert mitfiebernde Theaterpublikum ein Bühnenwerk der Atmosphärik mit literarischem Hintergrund zu präsentieren. Mit der Uraufführung des Musicals "Der Schimmelreiter" wagt sich das Produktionsteam an die theatrale Umsetzung einer weltbekannten Novelle von Theodor Storm, die Realität und Übersinnliches vor dem Hintergrund einer rau gezeichneten Natur literarisch verschmelzen lässt. Ein Unterfangen, das voller Herausforderungen steckt, denn trotz seiner gattungsspezifischen Kürze bietet die Novelle aus dem Jahre 1888 einen inhaltsstarken und in seiner Atmosphärik gewaltigen Stoff, dessen Bühnenadaption nach inszenatorischer Erfahrung, schöpferischem Scharfsinn sowie kreativ gefärbtem Ideenreichtum verlangt.
(c) Michael Werthmüller/Spotlight Musicals
Hauke Haien wächst als Sohn eines Kleinbauern an der Küste Nordfrieslands auf und begeistert sich schon früh für Zahlen, Formen und Logik. Versunken in die Schriften des griechischen Mathematikers Euklid entwickelt er bereits in jungen Jahren ein ausgeprägtes Verständnis für mathematische Zusammenhänge sowie physikalische Gesetzmäßigkeiten. Doch so fasziniert Hauke auch von der Welt der Zahlen und Linien ist, so schwer fällt es ihm, sich im sozialen Gefüge einer von Rivalität, Emotion und althergebrachtem Aberglaube geprägten Gemeinschaft zurechtzufinden. Technische Innovation und mathematisches Verständnis geraten in Konflikt mit den inkorporierten Ideen einer dörflichen Glaubensgemeinschaft, die auf die göttliche Fügung vertraut. Eine tiefere menschliche Verbindung findet der junge Mann lediglich im Kontakt mit der klugen wie temperamentvollen Tochter des Deichgrafen. Elke vermag es als Einzige, hinter die Fassade des rastlosen, nach neuen Ideen strebenden Visionärs zu blicken und ihr Herz an einen empfindsamen Mann zu verlieren, der nie so recht in das gesellschaftliche Raster passen will. Als Hauke an ihrer Seite die Rolle des neuen Deichgrafen einnimmt und das erste Mal Gelegenheit erhält, seine individuellen Ideen voller Überzeugung in der Praxis zu erproben, spitzt sich die Lage im friesischen Küstenort drastisch zu, denn viele der Einwohner sind so gar nicht damit einverstanden, dass die alten Brauchtümer unter Haukes Führung gänzlich missachtet werden. Insbesondere sein langjähriger Rivale und Neider Ole Peters stellt sich gegen jegliche neue Ideen und beäugt Haukes Aufstieg in die eigentlich von ihm selbst favorisierte Position mit erheblicher Missgunst. Spätestens als inmitten des tosenden Meeres die Silhouette eines gespenstisches Pferdes erscheint, ist allen Bewohnern des Küstenortes klar: Hier geht etwas nicht mit rechten Dingen zu. Hauke Haien hat Gott erzürnt und sich mit dem leibhaftigen Teufel eingelassen. Ein mystisches Abenteuer zwischen stürmischen Wellen und übernatürlichen Erscheinungen beginnt...
Sascha Kurth vollbringt mit seiner ausgefeilten sowie nuancierten Darbietung des "Hauke Haien" eine spielerische Höchstleistung, die die Geschichte bestens trägt und der Hauptfigur in darstellerischer Akkuratesse eine markante Kontur verleiht. Mit einem bemerkenswerten Gespür für die charakterlichen Farben der Figur und ihre individuelle Gedankenwelt widmet sich der Künstler einer von Souveränität und spielerischer Leichtigkeit zeugenden Figurenzeichnung und macht das Publikum mit einer von großen Ideen und Visionen getriebenen Protagonisten bekannt, der sich zunehmend in seinem überzeugten Glauben an engagiert entworfene Baupläne zu verstricken und dabei doch so manches Mal den Blick für das soziale Umfeld zu verlieren droht. Präsentiert sich die Figur zu Beginn der Vorstellung zunächst noch als von seiner eigenen Intelligenz angetriebenen Außenseiter, der die Welt aus einem von scheinbarer Andersartigkeit gefärbten Blick betrachtet und dabei in seiner kindlichen Naivität immer wieder an die Grenzen einer auf Konkurrenz und Inszenierung ausgerichteten Gemeinschaft gerät, gewinnt der Charakter im Laufe der Geschichte zunehmend an Durchsetzungsvermögen und Wissen um gesellschaftliche Konventionen, welchen sich Hauke jedoch bis zuletzt auch immer wieder bewusst zu verweigern weiß. Sascha gelingt es hervorragend, über den Abend hinweg einen figuralen Entwicklungsbogen zu spannen, der den durch äußere Geschehnisse angeregten Wandel des Charakters spielerisch impliziert und dabei doch die Individualität der markanten Figur als Kernelement der Darbietung bewahrt. Insbesondere die Beziehung zu seiner Frau Elke und die neue Rolle als Familienvater regen eine Weiterentwicklung des Charakters an, sodass Haukes Blick auf die Welt an neuer Emotionalität und Bodenhaftung gewinnt und doch niemals an Visionarität verliert. Eindrucksvoll zeichnet der Schauspieler den figuralen Zugewinn an neuen Perspektiven und charakterlichen Dimensionen über den Abend hinweg nach und verleiht der Figur dabei vor allem in Laufe des zweiten Akts eine überraschende emotionale Stärke.
Diese charakterliche Kraft spiegelt sich auch grandios in Saschas stimmlicher Präsentation wider, die wieder einmal rundum beweist, warum man in keiner Spotlight-Produktion auf den versierten Sänger verzichten mag. Mit seinem unverwechselbaren warmen Timbre lässt der Künstler die ihm zugedachten Kompositionen in musikalischer Fulminanz erblühen und legt dabei - trotz oder gerade in aller klanglichen Wucht - das Augenmerk zugleich stets auf den narrativen Auftrag der Lieder, die sich in der strahlenden Intonation des Hauptdarstellers als zentrales erzählerisches Strukturelement entpuppen.
An seiner Seite steht Pamina Lenn, die die Rolle der "Elke" mit einer gehörigen Portion Esprit und Sensibilität als starke, emanzipierte Frauenfigur mit eigenen Überzeugungen und Sehnsüchten zu kolorieren vermag. In spielerischer Vortrefflichkeit entfaltet die Künstlerin eine standhafte sowie weitsichtige Persönlichkeit, deren Charakterlichkeit Feingefühl und Resolutheit zu vereinen weiß. Entsprechend arbeitet Pamina im Sinne der Figurenzeichnung die Vulnerabilität der jungen Tochter des Deichgrafen, die für den eigensinnigen Hauke schwärmt und sich in ihrer Annäherung doch mit so mancher Herausforderung konfrontiert sieht, wunderbar heraus und verwebt diese mit einer insbesondere für die zugrundeliegende Zeit des Geschehens bemerkenswerten weiblichen Entschlusskraft und Souveränität. Mit dem nötigen Fingerspitzengefühl für die Rolle und ihre verborgenen Wünsche und Zweifel macht sie die Lebensfreude und Leichtigkeit transparent, die im Angesicht sich zuspitzender gesellschaftlicher Konflikte sowie in der Konfrontation mit einer wachsenden familiären Verantwortung sukzessive an Unbeschwertheit einbüßt. Diesen Prozess der sich wandelnden Rolle in einem Konstrukt aus an die heranreifende Frau herangetragenen Erwartungen legt die Schauspielerin mit großem darstellerischen Geschick sowie einem außerordentlich empathischen Zugang zur Figur offen.
Besondere Strahlkraft gewinnt der Auftritt jedoch sicherlich durch die feinsinnige gesangliche Darbietung, im Rahmen derer die Sängerin ihre große stimmliche Qualität unter Beweis stellt und die Melodien mit einer klanglichen Brillanz veredelt, die sich der Finesse des zarten, klaren und zugleich unglaublich kraftvollen Soprans verdankt. Glockenhell schweben die von Pamina vertonten musikalischen Arrangements über den Theatersaal, sodass jeder Ton in seiner stimmlichen Präsenz förmlich zu flirren scheint. Mit einem feinen Sinn für musikalische Linien und Verzierungen füllt die Künstlerin die Lieder mit Leben und setzt in wohldurchdachten Koloraturen entsprechende Akzente, sodass die Melodien dank pointiert platzierten Ornamenten an klanglicher Stärke gewinnen.
(c) Christian Tech/Spotlight Musicals
Die Rolle des "Ole Peters" verkörpert Dennis Henschel mit einem erstklassigen Gespür für das Innenleben einer Figur, die nach Anerkennung und einer hohen Position auf der gesellschaftlichen Treppe lechzt und in ihren Bemühungen doch ständig das Gefühl hat, nicht gesehen und ihrer Ressourcen entsprechend gewürdigt zu werden. Dank seiner eindrucksvollen Bühnenpräsenz gelingt es dem Künstler scheinbar mühelos, der Figur eine charakterliche Kernigkeit sowie Markanz zu verleihen und in darstellerischer Feinarbeit eine ausdrucksstarke Persönlichkeit zu kreiern, die sich von Haukes geistigem Vermögen in seiner Hoffnung auf das große materielle Vermögen bedroht sieht. Angetrieben von seiner Raffgier und seiner nur schwer zu zügelnden Impulsivität stachelt Ole beständig die Dorfgemeinschaft gegen Hauke auf und legt dem jungen Mann sprichwörtlich alle Steine in den Weg, die er nur finden kann. Hervorragend wird die figurale Expressivität von Dennis' bravourösem Spiel getragen, das zwischen grobschlächtigem Charme und scharfzüngiger Feindseligkeit changiert und die Figurenzeichnung mit einer ihr eigenen Bissigkeit unterlegt, die sich in spöttischen Kommentaren gegenüber dem vermeintlichen Kontrahenten entlädt. In spielerischer Nuanciertheit gewinnt die figurale Präsentation nicht nur an Schärfe, sondern entfaltet sich vollumfänglich in einer beeindruckenden Authentizität, die den Charakter aus einem fiktiven Rahmen befreit und sie in ihrer realitätsnahen Koloration scheinbar direkt in die heutige Lebenswelt transferiert. Zu der besonderen Ausdrucksstärke der Darbietung trägt dabei nicht zuletzt das Spiel mit der Intonation bei, das sich in einem herausragenden Gesang ebenso wie in einer vor Präsenz nur so strotzenden dialogischen Fertigkeit offenbart. Stets im Sinne der Figurenzeichnung agierend trägt Dennis die ihm zugedachten Texte mit der nötigen sprachlichen Direktheit und setzt gezielt stimmliche Akzente und Betonungen, um den figuralen Aussagen auf einer sprachlichen Ebene zusätzlichen Nachdruck zu verleihen. In puncto Gesang vermag es der Darsteller ebenfalls meisterhaft, die außergewöhnliche Präsenz und Brillanz seiner Stimme abzubilden und den musikalischen Nummern damit eine ungeahnte Tiefe zu entlocken.
Weiterhin begeistert Anja Backus in der Rolle der "Vollina Harders" mit ihrer grandiosen Schauspielkunst, derer eine lebendige Zeichnung einer profitsüchtigen Frau entspringt, die ihre Gier nach Reichtum und Ansehen unter dem Deckmantel der Frömmigkeit und Religiosität verbirgt. Mit sichtlicher Spielfreude konturiert die Künstlerin eine extrovertierte Persönlichkeit mit Ecken und Kanten, die selbstsicher durch das Leben geht und dabei stets nach ihrem eigenen Vorteil Ausschau hält. Hervorragend gestaltet die Darstellerin die koketten Annäherungsversuche der jungen Frau an potenzielle Ehemänner, die erfolgversprechend im Ringen um den gesellschaftlichen Aufstieg scheinen und kombiniert diese charmante Seite der Figur in ihrem Spiel mit kraftvollen Momenten, in denen die Eifersucht und die Begierde der Frau aufblitzen. Anja setzt ihre ausgeprägten spielerischen Fertigkeiten im Sinne einer markanten Figurengestaltung ein, vor deren Hintergrund sich eine stets auf ihre Außenwirkung und ihren Ruf bedachte Persönlichkeit entwickelt, die im Hintergrund durchtrieben ihre Fäden spinnt, um Haukes Stellung in der Dorfgemeinschaft zu schädigen. Garniert wird die Darbietung von einer sensationellen gesanglichen Leistung, in deren Kontext sich Anjas darstellerische Souveränität fortsetzt. In perfekter Beltmanier trägt die Sängerin die Songs mit klanglicher Präsenz und entlockt ihrer Stimme ihr den gesamten Saal erfüllendes Klangvolumen.
(c) Sophia Walkenhorst/Spotlight Musicals
Eine besondere spielerische wie gesangliche Leistung bringt Kaatje Dierks auf die Bühne, die die Rolle der geheimnisvollen "Trin Jans" mit einem überwältigenden darstellerischen Geschick zum Leben erweckt und ihre Figurenzeichnung mit der nötigen Exzentrik und einem deutlich herausgearbeiteten Hang zum Mystizismus unterlegt. Ihre ausdrucksstarke Verkörperung der alten Frau, die in ihrem Aberglauben durchweg skurril anmutet und ihre Nachbarschaft immer wieder mit schrägen Schauergeschichten konfrontiert, offenbart eine bemerkenswerte spielerische Klasse, die sich aus einem perfekt abgestimmten Konglomerat einer starken Mimik, einer spielerischen Physis sowie einer stimmlichen Variabilität speist. In darstellerischer Akkuratesse mimt die Künstlerin die eigenbrödlerische Persönlichkeit mit dem hierbei immer wieder gekonnt eingewobenen expressiven Gestus, der die Verschrobenheit des Charakters bestens betont und der Figur somit eine individuelle Körperlichkeit verleiht.
Doch nicht nur ihr tiefsinniges Eintauchen in den Charakter, seine dem Alter entsprechende körperliche Konstitution sowie seine Eigenarten weiß den Theaterbesucher gänzlich von der Exzellenz der Rollenbesetzung zu überzeugen, nein, vor allem Kaatjes stimmstarke Intonation der musikalischen Zeilen sorgt für der klanglichen Opulenz angemessene Begeisterungsstürme im Zuschauerraum. Die große Nummer "Die Sündenflut" füllt die Darstellerin in gesanglicher Extravaganz fabelhaft aus und webt dem musikalischen Arrangement dabei eine gehörige Atmosphärik ein, die sich durch Kaatjes kraftvolle, mit klanglichen Farben und Akzentuierungen spielende Darbietung eindrücklich entfaltet.
Thorsten Tinney begeistert gleich in einer Dreifachrolle, die ihm eine enorme spielerische Wandelbarkeit abverlangt und seine darstellerischen Qualitäten im Sinne eines stetigen Justierens der jeweils geforderten figuralen Charakterlichkeit beweist. Steht er zu Beginn und zum Ende der Vorstellung in der Rolle des "Schulmeisters" als rahmende Figur mit narrativem Auftrag auf der Bühne und strahlt eine angenehme Ruhe aus, schlüpft er schon kurz darauf in die Rolle von Haukes Vater "Tede Haien", der der Begeisterung seines Sohnes für Zahlen und Formen zunächst mit Skepsis begegnet, doch nach und nach die Intelligenz des Haien Junior anerkennen muss. Einen spielerischen Höhepunkt kreiert Thorsten Tinney jedoch schließlich mit seiner von komödiantischem Talent geprägten Verkörperung des "Oberdeichgrafen", der sich gerne von der Freude des ihm unmittelbar unterstellten Deichgrafen an großen Festessen und erholsamen Stunden anstecken lässt und seinen Job eher lau und entspannt angeht. Dank seiner besonders ausgeprägten Präsenz auf der Bühne gelingt es dem Darsteller in scheinbar spielerischer Leichtigkeit, den Charakter entsprechend seines Amtes mit einer implizierten Autorität zu versehen und dabei zugleich den in seinen Verhaltensweisen angelegten Witz des Oberdeichgrafen pointiert auszuarbeiten. Im Zusammenspiel mit seinem Kollegen Volker Metzger harmoniert Thorsten Tinney hervorragend und wirft sich mit seinem Spielpartner geschickt die sprichwörtlichen Bälle hin und her, sodass die Komödiantik der sich gegenseitig in ihrer bequemen und phlegmatischen Art bestärkenden Figuren fabelhaft herausgestellt wird.
Auch auf gesanglicher Ebene entpuppt sich der Künstler als großer Gewinn für die Produktion, verfügt Thorsten Tinney doch über ein außergewöhnliches technisches Repertoire, welches seine warme, ja beinahe schon umarmende Stimme in den schönsten Klangfarben erstrahlen lässt.
Eine bemerkenswerte schauspielerische Klasse im Umgang mit humoristischen Spitzen sowie einer figural angelegten Komödiantik offenbart sich dem Zuschauer mit Blick auf die Darbietung Volker Metzgers, der die Rolle des "Deichgrafen" finessenreich zum Leben erweckt und dabei gekonnt mit der überspitzten Zeichnung eines arbeitsscheuen und zugleich ständig überforderten Mannes spielt. Felsenfest davon überzeugt, das wirtschaftliche Geschäft rund um den Deich alleine am Laufen zu halten, redet der Deichgraf sich selbst und seinen Mitmenschen ein, gänzlich überarbeitet zu sein und bietet so stets die perfekte Rechtfertigung für die tägliche Völlerei im großen Stil. Die in dem Verhalten der oftmals ein wenig mürrisch gestimmten Figur angelegte Diskrepanz zwischen äußeren Handlungen und Selbstwahrnehmung macht der Schauspieler in all seinem darstellerischen Geschick durchweg transparent und gründet die figurale Interpretation auf einer akzentuierten Komödiantik, die insbesondere ein Gespür für das richtige Timing beweist.
Mit seinem Auftritt in der Rolle des "Arztes", der für die Geburt von Haukes und Elkes Tochter herbeieilt und dabei mit einer scheinbar aussichtslosen Situation konfrontiert wird, offenbart sich zugleich Volker Metzgers spielerische Wandelbarkeit, im Rahmen derer Ernsthaftigkeit und Humoristik gleichermaßen mit Präzision gefüllt und unterschiedliche Charaktere variabel angelegt werden können.
Heimliche Stars an diesem Abend sind sicherlich Christopher Dederichs, Antonello Papagno und Robin Scheel, die als eingespieltes Trio der Figur des Schimmels Leben einhauchen, indem sie in feiner Abstimmung aufeinander die übergroße Pferdepuppe bewegen und als mystische Hauptfigur über die Bühne führen. Äußerst bemerkenswert gestaltet sich dabei die pure spielerische Harmonie, in der die drei Künstler als Puppenspieler agieren und vor deren Hintergrund die drei einzelnen darstellerischen Leistungen zu einer figuralen Symbiose verschmelzen. Den drei Schauspielern gelingt es durchweg mit scheinbarer Mühelosigkeit, die Natürlichkeit des tierischen Charakters mit der Mystik der Figur entsprechenden geheimnisvollen Akzenten zu verknüpfen und die Puppe mit solch einem famosen Geschick und handwerklicher Sicherheit zu führen, dass sich die Bewegungen des Schimmels ganz fließend vollziehen. So vergisst der Zuschauer über den Abend hinweg schnell, dass die Puppe eigentlich von Menschenhand gelenkt wird und gibt sich bereitwillig der Illusion eines am Deich gespenstisch auftauchenden Pferdes hin, das seinen eigenen Willen hat und den Menschen vor Ort nicht selten mit großer Skepsis und Impulsivität begegnet.
(c) Christian Tech/Spotlight Musicals
Wie so oft bereits im Fuldaer Schlosstheater erlebt, lebt auch diese Produktion wieder einmal von der künstlerischen Kraft sowie der spielerischen Leichtfüßigkeit eines hervorragend aufeinander abgestimmten Ensembles, das kleinere und größere Rollen finessenreich zum Leben erweckt und dabei unterschiedlichen Figuren eine charakterliche Markanz verleiht. Hierbei trifft eine ausgebildete Technik auf spielerisches Feingefühl, sodass die Darbietung aller in ihrer Gesamtheit die Pole von versierter Präzision und dynamischer Agilität perfekt ausbalanciert. Stimmstark entlockt das Ensemble der Geschichte vor allem auf musikalischer Ebene ihre volle Wirkkraft und kitzelt dabei die einzigartige Atmosphärik des Stücks in jeder feinsinnig ausgearbeiteten melodischen Linie hervor.
Besondere Anerkennung für ihre überzeugende Darbietung verdienen dabei ohne Frage die beiden Kinderdarsteller Amii und Tilda, die sich mit ihrer grandiosen Schauspielkunst keinesfalls hinter den an ihrer Seite agierenden ausgebildeten Musicaldarstellern verstecken müssen. Amii mimt den jungen "Hauke", der sich tendenziell von anderen Kindern isoliert und sich in seine einsame Begeisterung für architektonische Gegebenheiten stürzt, mit sichtlicher Freude sowie spielerischer Raffinesse und verleiht der Figur eine jugendliche Neugierde, die die Wissbegierigkeit des Charakters hervorragend betont. Tilda verleiht Haukes und Elkes Tochter "Wienke" hingegen eine grundsätzlich durchschlagende Sanftmut und zeichnet die Figur mit ganz zarten spielerischen Konturen, die der Rolle eine beinahe elfenhafte Farbe verleihen. Großartig fühlt sich die Nachwuchskünstlerin in die introvertierte Figur ein und betont in ihrem Spiel die ungewöhnliche kindliche Perspektive, aus der Wienke die Welt in sich aufnimmt.
(c) Sophia Walkenhorst/Spotlight Musicals
In seiner Gesamtkomposition setzt die Produktion den Trend der Fuldaer Bühnenstücke fort und beweist wieder einmal, mit welch einem Blick für Details und welcher Hingabe zum inszenatorischen Feinschliff die Macher hier am Werk sind und historische Stoffe in fesselnde und zugleich für den Querschnitt der Zuschauer gut zugängliche Theaterarrangements übersetzen. Trotz seiner gattungsspezifischen Kürze wartet der zugrundeliegende Klassiker aus der Feder Storms mit einer beeindruckenden narrativen Komplexität auf, die die Umsetzung im Musiktheater mit so manch einer Herausforderung versieht und zugleich gerade aufgrund ihrer sich verwebenden Erzählebenen eine eindrucksvolle Handlungsdynamik offenbart, deren Kern im Wechselspiel zwischen unterschiedlichen Akteuren sowie der sie umgebenden rauen Natur verborgen liegt. Die Produktion vermag es bravourös, eben jene Abhängigkeit zwischen menschlichen Handlungen und den Einflüssen der Natur sowie ihren schwer zu durchschauenden Gesetzmäßigkeiten in einem verdichteten Bühnenstück abzubilden, das die innerhalb der literarischen Vorlage angelegte Verzahnung der weltlichen Realität mit einer überirdischen Sphäre künstlerisch einzufangen weiß. Fällt es aufgrund der Handlungsgetriebenheit und der Überkreuzung unterschiedlicher Dimensionen im ersten Akt zunächst tendenziell noch etwas schwer, eine direkte Verbindung zu den Figuren, ihren Entscheidungen sowie den sich verwebenden Handlungsebenen aufzubauen, findet im zweiten Akt eine deutliche emotionale Verdichtung statt, die die Intensität der Produktion in ihrer Gefühlskomposition potenziert und den Theaterbesucher förmlich in das Geschehen voller inhaltlicher Tiefe saugt.
Besondere Wirkkraft entfaltet dabei das Spiel mit unterschiedlichen Erzählebenen im Kontext einer dichten Handlungsstruktur, die mehrere Geschichten in der Geschichte miteinander verstrickt und so Binnenerzählungen in ein narratives Rahmenkonstrukt einbettet. Die Ebene der intradiegetischen Erzählung legt dabei die sagenumwobene Geschichte rund um den gespenstischen Schimmel und seinen Reiter offen, die auch von den durch die Figur Trines immer wieder aufgegriffenen Schauermärchen mit narrativem Inhalt angereichert wird.
(c) Christian Tech/Spotlight Musicals
Die musikalische Linie des Musicals trägt unverkennbar die individuelle Handschrift von Dennis Martin, der mit scharfem Verstand für facettenreiche Arrangements jedes Mal aufs Neue den richtigen Ton in der musikalischen Ausgestaltung neuer Spotlight-Produktionen trifft und dabei auf die Kombination bewährter Muster und neuer Akzente setzt. Der musikalische Kanon der diesjährigen Fuldaer Produktion reicht von schwungvollen Ensemblenummern bis hin zu empfindsamen Balladen und fängt damit die unterschiedlichen Farben der Geschichte ausgezeichnet ein. Während Songs, wie "Wer nicht deichen will, muss weichen" als beschwingte Nummern schnell ins Ohr gehen und der Darbietung entsprechend der harten Arbeit an der Küste eine charmante Rustikalität verleihen, zeichnen sich emotional vorgetragene Soli mit monologischem Charakter als gefühlvolle Höhepunkte der Komposition ab und gewähren in ihrer Verbindung von textlicher Inhaltstiefe und klanglicher Atmosphärik unmittelbare Einblicke in das Innenleben und die Zerrissenheit der Figuren. So entpuppt sich beispielsweise der Titel "Für wen?" als emotionaler Ankerpunkt eines sich zuspitzenden zweiten Akts, der die schleichende Entwicklung der weiblichen Hauptfigur vertont und das Publikum dabei unmittelbar in die Gedanken- und Gefühls- welt des Charakters entführt.
Entsprechend der stark ausgeprägten Atmosphärik des Stücks setzt das gesamte musikalische Design auf eine stimmungsgewaltige Soundkulisse, die in ihrer orchestralen Abmischung kraftvoll daherkommt und den Spannungsbogen der Handlung mittels eines dynamischen Klangerlebnisses auch akustisch trägt. Zusätzliche expressive Kraft gewinnen insbesondere die energiegeladenen Ensemblenummern in ihrer Synthese mit den ausdrucksstarken Choreografien von Simon Eichenberger, die eine weitere künstlerische Ebene zum Erzählen von inneren Handlungen eröffnen.
Trotz aller handwerklichen Kunst in puncto Regieführung und Komposition lässt sich eine Dimension des diesjährigen Theatererlebnisses ohne Frage als treibende Kraft der Show herausstellen, denn die stimmungsgewaltige Szenerie wurde mittels eines mehr als eindrucksvollen Bühnenbildes visualisiert, das den düsteren Grundton der Narration brillant einfängt.
Das von Charles Quiggin konzipierte Bühnenbild fängt den im Stück fokussierten Naturraum in all seiner ungezügelten Lebendigkeit perfekt ein und verwandelt die Bühne in einen stürmischen Küstenort, an dem karge Landstriche und farbenprächtig erblühende Pflanzen gleichermaßen ganz selbstverständlich Einzug in verschiedene Szenenbilder halten. Die Drehbühne bietet dabei eine große Spielfläche zur Gestaltung einer lokalen Variabilität an, die den symbolisch aufgeladenen und visuell immer wiederkehrenden Deich ebenso konkret visualisiert wie das große Anwesen des Deichgrafen selbst. Sorgfältig ausgewählte Requisiten sowie das aufwändig und der zugrundeliegenden Zeit entsprechend gestaltete Kostümbild bereichern die Kulisse zusätzlich und setzen durch additive Elemente kleine Akzente, die im Zusammenspiel mit dem gewählten Hintergrund jedoch eine große Wirkung erzielen.
Die gesamte atmosphärische Opulenz offenbart sich dem Zuschauer jedoch erst in der Kombination des Haptischen mit dem Videografischen sowie einem akkurat konzipierten Lichtdesign. Die Videobilder von Michael Balgavy erschaffen einen Raum, der der Weite des Landstrichs bestmöglich Ausdruck verleiht und Hintergrundbilder kreiert, die ein scheinbar natürliches und zugleich unglaublich kunstvolles Portrait von Meer und Horizont konturieren. Die unterschiedlichen Dimensionen der theatralen Visualität greifen hierbei so geschickt ineinander, dass Übergänge ganz fließend gestaltet werden können und sich eine Inszenierung voller Bildgewalt und düsterer Opulenz entfaltet, die der Produktion einen ganz individuellen Grundton verleiht.
(c) Christian Tech/Spotlight Musicals
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