Theater als Brücke zwischen den gestrigen Schatten und der heutigen Verantwortung für das Morgen - "Die weiße Rose", ein künstlerisches Erinnerungsalbum der Menschlichkeit
Erinnerungen können auf ganz unterschiedliche Weise Gestalt annehmen, sie können sich in klaren Konturen vor deinen Augen entfalten, sie können als leises Flüstern an dein Ohr dringen und sie können voller Gefühl, Melancholie, Hoffnung oder Schmerz deine Seele berühren. Noach Flug, der einst Auschwitz überlebte und den Opfern des Holocaust eine Stimme verlieh, beschrieb das Erinnern wie folgt: "Die Erinnerung ist wie das Wasser: Sie ist lebensnotwendig und sie sucht sich ihre eigenen Wege in neue Räume und zu anderen Menschen. Sie ist immer konkret: Sie hat Gesichter vor Augen, und Orte, Gerüche und Geräusche. Sie hat kein Verfallsdatum und sie ist nicht per Beschluß für bearbeitet oder für beendet zu erklären." Erinnerungen schlagen eine Brücke zwischen den Schatten des Gestern und den schemenhaften Erwartungen an das Morgen. Sie bewegen, sie verpflichten, sie beleben und sie ordnen neu. Gerade im Kontext der Schrecken des Nationalsozialismus kommt dem Begriff der Erinnerung ein ganz besonderer Wert zu - verbindet sie uns doch noch Jahrzehnte später mit Menschen, die unvorstellbares Leid erdulden mussten und deren Geschichten und Andenken niemals in Vergessenheit geraten dürfen.
Mit dem Musical "Die weiße Rose" wird ein dunkles Stück Zeitgeschichte auf der Theaterbühne transparent und ergänzt die deutsche Erinnerungskultur um eine neue Farbe, die von der narrativen Kraft des Musiktheaters zeugt. Alex Melcher und Vera Bolten haben sich an ein Bühnenstück gewagt, das in all seiner Ehrlichkeit und Intensität, seiner künstlerischen Stärke und seiner emotionalen Tiefe als Gedenken an junge Menschen erwächst, die unfassbaren Mut zu einer Zeit bewiesen haben, in der ein Menschenleben schnell zur Währung für den Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit werden konnte.
(c) Jonas Melcher
Die Produktion erzählt ein Stück Lebensgeschichte unterschiedlicher Persönlichkeiten, die in ihrer Überzeugung, ihrem der Menschlichkeit gewidmeten Mut sowie ihrem Willen zum Kampf im Verborgenen für den Wert der Freiheit verbunden waren und ihr Handeln nach dem einst von Sophie Scholl als Lebensmaxime festgesetzten Satz ausgerichtet haben: Es braucht einen harten Geist und ein weiches Herz.
Hans und Sophie Scholl wachsen in einer bewegten Zeit heran, in der die Gesellschaft Kopf zu stehen scheint. Die Strukturen des Zusammenlebens wandeln sich schleichend, die äußeren Bedingungen werden rauer und in den Straßen Deutschlands weht ein eisiger Wind einer neuer politischen Ausrichtung, eines Denkens, das sich nach einem vermeintlichen Sünder der Nation verzehrt. Von der anfänglichen Euphorie der Gesellschaft angesteckt und von der Rhetorik der Versprechen angelockt sind die Geschwister Scholl zunächst überzeugt von den Ideen des Führers und vertrauen in ihrer jugendlichen Leichtigkeit darauf, dass all die neuen Angebote und Jugendgruppen dem Ziel dienen, ein besseres und gerechteres Deutschland aufzubauen. Doch je stärker sich die nationale politische Lage zuspitzt und je mehr Informationen rund um grausame Praktiken und kriegerische Pläne zu den Heranwachsenden vordringen, desto mehr gerät die Begeisterung für die Führerfigur ins Wanken und schon bald müssen Hans und seine jüngere Schwester Sophie ernüchtert feststellen, dass ihr Vater von Anfang an den richtigen Gedanken gefasst und gegen alle Jubelstürme der Gesellschaft verteidigt hat: Adolf Hitler wird mit seinen Ideologien die Werte der Nächstenliebe, der Mitmenschlichkeit und der Sicherheit zerstören. Unter dem Deckmantel der dem Führer treu zugewandten Masquerade gründen die Geschwister gemeinsam mit dem von der Gestapo schon lange kritisch beäugten Halbrussen Alexander Schmorell einen geheimen Bund, der sich dem Kampf gegen die rechten Parolen und die dem Hass entspringende Propaganda verschreibt. Doch entgegen dem Kampf, den die Machthaber in Form von kriegerischer Zerstörung und menschenvernichtender Schlachten preisen, fußt der Widerstand der jungen Studenten keineswegs auf Gewalt. Die als sogenannte "Weiße Rose" betitelte Gruppierung vertraut auf die Kraft der Wörter und widmet sich der in dieser Zeit mehr als waghalsigen Aufgabe, die Wahrheit in Form von mühevoll gedruckten und mit eigenen reflektierten Gedanken versehenen Flugblättern ans Licht zu bringen. Es ist ein Kampf der menschlichen Vernunft, der Eloquenz und der Empathie, der die Heranwachsenden mit zahlreichen für die Herzenswärme eintretenden Weggefährten bekannt macht und sie am Ende alles kosten kann - bis auf eines: ihre unantastbare Menschlichkeit.
(c) Jonas Melcher
Friederike Zeidler beeindruckt in der Rolle der "Sophie Scholl", deren Charakterlichkeit sie dank ihres versierten spielerischen Handwerks sowie ihrem Feingefühl für die farblichen Nuancen der Figur brillant auf der Bühne auszugestalten vermag. Von der ersten Szene an trägt die Künstlerin die Darbietung maßgeblich mit ihrer strahlenden Präsenz sowie ihrem hingebungsvollen Spiel, welchem sich die künstlerische Leichtfüßigkeit einer rundum glaubwürdigen Charakterzeichnung verdankt. Mit einer großen Authentizität legt die Schauspielerin die schleichende Entwicklung eines jungen, verträumten Mädchens offen, das inmitten der sie umgebenden Gräuel zu einer starken, reflektierten Persönlichkeit heranwächst, die für ihre Überzeugungen mutig eintritt und niemals den Blick für die Menschlichkeit in all der Dunkelheit der sich wandelnden Gesellschaftsstrukturen verliert. Hervorragend gestaltet sich hierbei die Balance zwischen der anfänglichen kindlichen Leichtigkeit und der damit einhergehenden natürlichen Neugierde und Gutgläubigkeit einerseits und der mit dem Heranwachsen der Frau verknüpften Standhaftigkeit und dem Bewusstsein für die Fragen nach Recht und Gerechtigkeit. Den besonderen künstlerischen Glanz erfährt Friederikes Darbietung im Angesicht der musikalischen Arrangements, die der stimmstarken Sängerin förmlich wie auf den Leib geschnitten zu sein scheinen. Glasklar und perlig entfaltet sich der Sopran über den Theatersaal und hüllt den Raum in einen satten Klangteppich, der Präzision und Agilität gleichermaßen abbildet.
Jonathan Guth brilliert mit seiner ausdrucksstarken, feinsinnigen und rundum kraftvollen Darbietung in der Rolle des "Hans Scholl", den er voller Fingerspitzengefühl für das fragile Innenleben eines im Schrecken des Nationalsozialismus heranwachsenden Mannes mimt. Mit beeindruckender Sensibilität sowie der nötigen künstlerischen Expression koloriert er eine nahbare, vielschichtige figurale Interpretation, und macht das Publikum so mit einem jungen Mann bekannt, dessen Weitsicht und Entschlossenheit immer wieder zu beeindrucken vermögen. Jonathan gelingt es hervorragend, die Verletzlichkeit des Charakters mit der nicht zu brechenden Willenskraft zu vereinen und in einem Konglomerat aus empathischer Offenheit für den Charakter wie darstellerischer Fertigkeit eine hoch authentische Figur zu kreieren, die voller Ideale als Leuchtturm in einer sehr düsteren Zeit fungiert und die Widerstandsgruppe mit aller Entschlossenheit zusammenhält. Trotz der anfänglichen Euphorie für die vermeintliche Zeitenwende erkennt Hans Scholl in seinen jungen Jahren bereits frühzeitig die hinter dem Heil und Rettung versprechenden Regime lauernde Gefahr und zögert nicht, aktiv für die Menschlichkeit einzutreten und als intellektuell gebildeter wie emotional intelligenter Kopf der "Weißen Rosen" die Fäden eines mutigen Plans zu spinnen, welcher ihm deutlich mehr als "nur" Scharfsinn und Geschicklichkeit abverlangt.
Ebenso wie sich mit Blick auf das schauspielerische Handwerk eine enorme Versiertheit seitens des Künstlers verzeichnen lässt, begeistert auch seine stimmliche Darbietung über den gesamten Abend hinweg dank einer großen gesanglichen Souveränität, die Technik und Emotionalität gekonnt zu verbinden weiß. Geschickt bewegt sich der Sänger mit seiner Stimme auf der tonalen Leiter, die er aufgrund seiner bemerkenswerten Range scheinbar mühelos emporklettern kann und setzt sein warmes Timbre ebenso exzellent wie seine hervorragend ausgebildete Kopfstimme im Sinne einer die Handlungs- sowie Figurenentwicklung tragenden musikalischen Darbietung ein.
(c) Jonas Melcher
Die Figur des sich dem Widerstand anschließenden "Alexander Schmorell" füllt Adam Demetz mit einer erstklassigen spielerischen Agilität sowie einem guten Gespür für die verborgenen Sehnsüchte, Ängste und Zweifel der Figur. In spielerischer Vortrefflichkeit reichert der Darsteller seine Interpretation des jungen, stürmischen Mannes mit einer gehörigen Portion charakterlicher Tiefe an und macht das Aufbegehren eines die Ideologien des NS-Regimes kritisch hinterfragenden Heranwachsenden transparent, der hinter die Propaganda des Staates blickt und sich seine tiefen Überzeugungen inmitten des indoktrinierenden Lärms bewahrt. Besonders überzeugend stellt Adam dabei den identitären Konflikt der Figur im Angesicht einer stetigen Konfrontation mit einem totalitären System heraus, das seine Wurzeln von Grund auf ausradieren möchte und ihn aufgrund seiner familiären Herkunft und seiner Verbindung zu Russland als potenziellen Staatsfeind beäugt. Den Moment des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, der das deutsch-russische Herz des jungen Alexander entzwei zu reißen droht, nimmt der Schauspieler mit solch einer bemerkenswerten Emotionalität als zentralen Wendepunkt einer charakterlichen Entwicklungskurve auf, dass all das Leid, die Ungläubigkeit sowie die Verzweiflung des Mannes für das Publikum spürbar werden. Doch aus dieser prägenden Nachricht erwächst keine figurale Ohnmacht, nein, vielmehr destilliert sich hieraus ein unbändiger Zorn, der den jungen Mann antreibt, in den Widerstand einzutreten und für seine Grundsätze nicht weniger als sein Leben selbst aufs Spiel zu setzen. Diesen emotional aufgeladenen Moment vermag Adam spielerisch wie stimmlich mit einer außerordentlichen Kraft anzureichern, die sich nicht zuletzt der grandios ausgebildeten rockigen Farbe verdankt. Eingetaucht in die Rolle und ihren inneren Sturm legt der Künstler augenscheinlich sein ganzes Herzblut in die Ausgestaltung der ihm zugedachten Kompositionen und trifft damit den Ton der musikalischen Arrangements punktgenau.
Wolfram Föppl zeichnet die Figur des "Christoph Probst" mit einer beeindruckenden spielerischen Fertigkeit, die es ihm erlaubt, die inneren und äußeren Handlungen der Rolle gleichermaßen in darstellerischer Pointiertheit offenzulegen und den Theaterbesuchern damit einen unverstellten Blick in die Seele der Figur zu ermöglichen. In seiner Darbietung spiegeln sich alle emotionalen Farben des sensiblen, klugen und wortgewandten jungen Mannes, für den das Heil seiner Familie das höchste Gut darstellt. Hierbei gewinnt insbesondere die innere Zerrissenheit zwischen der Treue zu seiner Familie und dem Gefühl, den Widerstand aktiv unterstützen und für seine Überzeugungen eintreten zu wollen, in einem von tiefer Ehrlichkeit geprägten Spiel an Transparenz. Ebenso wie seine Freunde erkennt Christoph schnell den Mangel an Menschlichkeit im nationalsozialistischen System und stößt entsprechend immer häufiger auf den Wunsch, gegen die Ungerechtigkeiten anzukämpfen. Doch in seiner Loyalität und Liebe zu seiner Ehefrau und seinen Kindern schreckt Christoph vor der Gefahr eines mehr oder minder offenen Bruchs mit dem Regime zurück - aus Angst, schon bald nicht mehr als Versorger und Beschützer über das familiäre Glück wachen zu können, und versucht standhaft, seiner Besonnenheit die Treue zu halten. Wolfram Föppl legt den Konflikt, der im Inneren des Charakters tobt, mit dem nötigen Feingefühl für die Ängste und Unsicherheiten der Figur offen und beweist dabei eine spielerische Filigranität, vor deren Hintergrund eine zarte, vulnerable und zugleich doch so starke Figur Gestalt annimmt.
(c) Jonas Melcher
Mit seiner nuancierten Darbietung des "Willi Graf" vermag es Julius Störmer über den Abend hinweg, in spielerischer wie gesanglicher Perfektion zu glänzen und das Potpourri nahbarer Charaktere mit einer ganz sensibel geschliffenen Fassung des jungen Studenten figural zu bereichern. Seine Darstellung des sich der Widerstandsgruppe anschließenden Heranwachsenden zeichnet sich in erster Linie durch eine besonders leidenschaftliche künstlerische Auseinandersetzung mit der Figur und ihrer Gefühlswelt aus, die den jugendlichen Tatendrang ebenso wie das Gespür für die Ungerechtigkeiten einer Welt, die unter der Last der Totalität in Schieflage gerät, schauspielerisch zu ergründen ermöglicht. In der sich über die gesamte Vorstellung hinweg entfaltenden Ausgestaltung des Charakters offenbart sich die beeindruckende darstellerische Qualität eines spielfreudigen Künstlers, der hingebungsvoll in die Rolle eintaucht und dabei nicht davor zurückschreckt, seine eigenen Gefühle als Teil des künstlerischen Prozesses anzuerkennen und im figuralen Gewand auf der Bühne auszuleben. In der narrativen Ausgestaltung des figuralen Wirkens und Empfindens kommt Julius auch seine stimmliche Klasse zugute, die den Songs ihre klangliche Finesse entlockt und zugleich doch auch die narrative Dynamik der musikalischen Nummern in den Vordergrund rückt.
Juliette Lapouthe steht in der Rolle der "Inge Scholl" auf der Bühne und zeichnet feinsinnig eine sensible, mitfühlende Frauenfigur, deren Heranwachsen maßgeblich durch die gesellschaftliche Wende um sie herum geprägt ist und die doch trotz all der Unsicherheiten die Familie immer wieder mit ihrer Loyalität und Fürsorge zusammenhält. Liebevoll stärkt sie stets den familiären Bund und wacht dabei vor allem mit Argusaugen über ihre jüngere Schwester Sophie, deren anfängliche Unbedarftheit sowie gleichermaßen Resolutheit im Verfolgen ihrer eigenen Ziele Inge aufgrund der unruhigen Zeiten zunehmende Sorge bereitet. Die Künstlerin reichert die Figur mit einer allseits spürbaren menschlichen Wärme an, die ihre charakteristischen Attribute der Hilfsbereitschaft und des Pflichtgefühls ausgezeichnet herausstellt. Voller Feingefühl und spielerischer Gewandtheit bringt sie eine junge Persönlichkeit auf die Bühne, die sich stets um ihre Familie sorgt und versucht, jeglichen vermeintlichen Fehltritt wohlbedacht zu vermeiden, um kein Aufsehen in der von der Politik instrumentalisierten Welt zu erregen.
(c) Jonas Melcher
Komplettiert wird die Familie "Scholl" von den Eltern "Magdalena" und "Robert", die von Claudia Dilay Hauf und Martin Planz mit exzellenter spielerischer Souveränität und künstlerischer Vortrefflichkeit gemimt werden. Die beiden Künstler harmonieren hervorragend als sich stets zugewandtes Bühnenehepaar, das liebevoll miteinander interagiert und sich umeinander sorgt. Die Garnitur der Darbietung mit einem sicher integrierten schwäbischen Dialekt verleiht der Figurengestaltung einen besonderen Lokalkolorit, welcher dem Auftritt eine eindrucksvolle Natürlichkeit zuspricht und dem Zuschauer den Eindruck vermittelt, einen unverstellten Blick in das Wohnzimmer der Familie Scholl zu erhaschen.
Martin Planz begeistert jedoch nicht nur in der Rolle des warmherzigen Familienvaters, der seine Skepsis gegenüber der politischen Riege manchmal etwas zu leidenschaftlich kundtut. Der Darsteller überzeugt ebenso mit seiner ausgefeilten Interpretation des Professors "Kurt Huber", der das totalitäre System unter dem Deckmantel seiner beruflichen Stellung zunehmend kritisch beäugt und die Wurzeln des Geschehens aus philosophischer und humanistischer Perspektive reflektiert. Der Schauspieler offenbart in seiner Verkörperung des belesenen Professors die wachsende Sorge um die Welt und das Miteinander ausdrucksstark und unterlegt die Figurenzeichnung mit der für diese Rolle notwendigen Tiefe, die der Figur trotz einer begrenzten Zahl an Auftritten eine fundamentale Kraft verleiht.
Eine außergewöhnliche starke spielerische Leistung vollbringt Daniel Berger, der gleich mehrere historisch angelegte Rollenprofile ausfüllt und unterschiedliche Charaktere verkörpert, die sich in der Zeit des Nationalsozialismus großen Einflussreichtum gesichert und skrupellos agiert haben. Der Schauspieler widmet sich dieser besonderen Herausforderung, die von verschiedenen Motiven angetriebenen Akteure des totalitären Systems darzustellen, mit einer unvergleichlichen Ausdrucksstärke und lässt seine gesamte spielerische Präsenz zugunsten der Zeichnung herrischer, grausam handelnder und von den rechten Ideologien zerfressener Charaktere in die Darbietung einfließen. Schockierend authentisch mimt der Künstler Gestapo-Beamte wie politische Machthaber und stellt die figurale Schärfe ebenso wie eine ständig präsente menschliche Kälte und Verrohung im Rahmen fein nuancierter Akzentuierungen heraus. Besonders nachhaltig brennt sich sicherlich Daniel Bergers Bühneninterpretation des allseits gefürchteten Richters "Roland Freisler" in die Erinnerungen der Theaterbesucher ein, deren spielerische Konturierung einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Im Zuge des die Erzählung zuspitzenden Gerichtsprozesses, porträtiert der Schauspieler den sogenannten "Blutrichter" mit einer nach außen getragenen eisigen Kälte, die die Hartherzigkeit des Mannes schonungslos ehrlich und erschreckend eindrücklich betont. Der Darsteller setzt seine gesamte stimmliche Kraft ein, um dem impulsiv wütenden Juristen eine individuelle Physis zu verleihen und die Anklage der jungen Widerständler mit einer figural verankerten Unbarmherzigkeit vorzutragen.
(c) Jonas Melcher
Der junge "Fritz Hartnagel" wird von Schauspieler Louis Dietrich mit großer darstellerischer Akkuratesse und künstlerischem Esprit verkörpert, sodass in spielerischer Feinarbeit ein charismatischer, leidenschaftlicher Charakter an Transparenz gewinnt, der für die lebensfrohe Sophie schwärmt. Dabei legt der Schauspieler die bereits beim ersten Treffen entflammende Faszination des jungen Mannes für Sophie offen und gestaltet einen realitätsnahen Charakter mit hoher Anziehungskraft. Brillant gelingt es dem Darsteller, die große Sehnsucht von Fritz nach seiner Liebe auch im Kontext des den Charakter langsam zermürbenden Krieges transparent zu machen und die im Herzen verankerte Verbindung als Kraftquelle in einer von Aussichtslosigkeit und zerstörerischen Monotonie geprägten Zeit zu plastizieren.
Besonderen Einfluss nimmt hierbei vor allem das grandiose Zusammenspiel mit Spielpartnerin Friederike Zeidler, das auf einem scheinbar blinden Verständnis der beiden Künstler auf der Bühne gründet und eine für die Entfaltung der charakterlichen Beziehung elementare spielerische Harmonie beweist. Diese künstlerische Symbiose setzt sich auch auf gesanglicher Ebene ausnahmslos fort - vereinen sich die Stimmen von Louis und Friederike doch stets in einem warmen Klangduett, das die Zuneigung der beiden jungen Figuren in emotionaler Farbigkeit aufleben lässt.
Komplettiert wird das Ensemble an diesem Abend von Tamara Köhn, deren von sichtlicher spielerischer Freude und Lebendigkeit getragene Darstellung der "Traute Lafrenz" das bunte Potpourri expressiver Figurenporträts bestens abrundet. Die warmherzige Interpretation einer von Willenskraft und Überzeugung angetriebenen Frauenfigur, deren kurzzeitige Liaison mit Hans Scholl zum Ausgangspunkt eines mutigen Kampfes als Verbindungsmitglied der Widerstandsgruppe wird, stellt das enorme spielerische Geschick der Künstlerin über die Vorstellung hinweg ausgezeichnet unter Beweis und überzeugt mit einer Nahbarkeit, die sich dem versierten spielerischen Handwerk ebenso wie der hingebungsvollen Auseinandersetzung mit dem Charakter und seinem inneren Antrieb verdankt. Souverän bringt Tamara eine beeindruckende Persönlichkeit auf die Bühne, die sich selbst trotz ihres heroischen Mutes niemals als Heldin sondern als Mensch versteht, dessen tiefe, vom Kampf für den Humanismus geprägte Beziehung zu Hans Scholl trotz all der äußeren Unruhen niemals abbricht.
(c) Jonas Melcher
Vera Bolten und Alex Melcher beweisen mit ihrer Konzeption des Musicals nicht nur ein ungeheures inszenatorisches Verständnis, sondern legen zugleich ihr Fingerspitzengefühl für die künstlerische Umsetzung eines Ausschnitts der deutschen Vergangenheit offen, deren Thematisierung auf der Bühne einer großen Sensibilität bedarf.
Die Inszenierung erzählt die Chronologie der historischen Ereignisse und setzt dabei doch zugleich auf eine fragmentarische Strukturierung, deren Rezeption einem Blättern durch Erinnerungsalben ähnelt. Das Publikum begleitet Hans, Sophie und all die anderen Persönlichkeiten über mehrere Jahre hinweg, erlebt ihr Heranreifen in Wechselwirkung zu den politischen Geschehnissen und erhält dabei doch immer bruchstückhafte Einblicke, die auf ganz natürliche Weise den Alltag zu der damaligen Zeit miterzählen und eben solche alltäglichen Situationen, in denen sich die gesellschaftliche Lage zuspitzt, mit den daran anknüpfenden großen Momenten des Widerstands verwebt.
Geprägt ist die Inszenierung von einer künstlerischen Mixtur, die sowohl mit lauten Ausbrüchen und kraftvollen Auftritten spielt als auch in den Farben der Intimität, der Vulnerabilität und der Zerbrechlichkeit changiert. Entsprechend lebt in den unterschiedlichen theatralen Tönen über die Vorstellung hinweg ein Paradoxon der lauten Stille auf, das dem Zuschauer Schicksale auf ganz ehrliche, tief ergreifende Weise näherbringt. Das Stück erinnert an die Familie Scholl und ihre Freunde und Weggefährten als Helden ihrer Zeit, aber auch als Menschen mit Stärken und Schwächen, mit Ängsten und Sehnsüchten. Die Produktion verschreibt sich weniger der Idee, eine heroische Geschichte zu erzählen, als vielmehr dem künstlerischen Zugang, lebensnahe Persönlichkeiten auf die Bühne zu bringen, die nicht nach Heldentum gesucht und dabei genau in jenem selbstlosen Handeln als Vorbilder eines freiheitlichen, Gerechtigkeit ersehnenden Denkens gewirkt haben.
Entsprechend der Idee, im Schutzraum des Theaters eine Nähe zu den historischen Ereignissen und ihren Akteuren zu generieren, setzt die Regie auf eine deutlich akzentuierte immersive Ebene, die sich nicht nur in der besonderen Nahbarkeit der Figuren entfaltet. So nimmt beispielsweise auch im punktuellen Bespielen des Zuschauerraums der Kölner Philarmonie, der in seiner Konstitution den Charakter des fiktiven Hörsaals hervorragend abbildet, die Idee Gestalt an, ein Stück Theater zu schaffen, das unverstellt und ehrlich mitten ins Herz trifft.
(c) Jonas Melcher
Bei dieser Produktion greifen die einzelnen Zahnräder einer hochwertigen Musicalinszenierung grandios ineinander, sodass jede Ebene des Theatererlebnisses im Dienst der Geschichte steht und die Entfaltung des historischen Stoffs in ein feinsäuberlich geschliffenes künstlerisches Gewand kleidet. Entsprechend folgt auch die Konstitution der musikalischen Linie dem Gedanken der narrativen Intention und treibt die Handlung in musikalischer Sprache voran. So werden einzelne Handlungsschritte klangvoll erzählt und innere Höhen und Tiefen der Charaktere in die jeweilige Stimmung hervorragend transportierenden Arrangements widergespiegelt. Dabei sind Melodie und Liedtext eng miteinander verwoben, sodass eine treffsichere Melange im Sinne einer musikalischen Emotionalität entsteht. Die musikalische Linie bedient sich unterschiedlicher Einflüsse - die Songs kommen mal als getragene Balade, mal als poppig angehauchte Ensemblenummer und mal als kraftvolle Rocknummer daher. Stakkatoartiger Sprechgesang und kunstvoll fließende Melodien verweben sich, sodass sowohl Spitzen in der Dynamik als auch bewusst gesetzte Tempiwechsel als die Empfindungen der jeweiligen Figur tragendes Element fungieren.
Der siebenköpfigen Band gelingt es hervorragend, gerade mit dieser Variabilität zu spielen und die musikalischen Spitzen unter der Leitung von David Holz akzentuiert herauszuarbeiten. Bedarf es der ersten paar Minuten, um Soundkulisse und Gesangsstimmen in der Abmischung perfekt aufeinander abzustimmen, gehen instrumentale und gesangliche Linien schon bald eine wunderbare Symbiose ein, die das theatrale Erlebnis auf ein stabiles Fundament einer satten Klangkulisse stellen.
Besonders bemerkenswert erscheint mit dem Blick auf die musikalische Gestaltung zudem die in den Liedtexten verborgene sprachliche Kraft, die das meisterhafte Verständnis der kreativen Schöpfer für sprachliche Tiefenstrukturen beweist. Manchmal schonungslos ehrlich und direkt, manchmal schnörkelig, bildhaft und kunstvoll arrangiert führen die Texte durch die Geschichte und machen im Rahmen präzise gesetzter und zugleich einen natürlichen Ton treffender Dialoge sowie in den Songs verbalisierter innerer Monologe das Innenleben der Charaktere transparent, sodass innere und äußere Handlung Hand in Hand gehen. Die Tatsache, dass bei der Textgestaltung immer wieder auf Originalzitate aus der fokussierten Zeit zurückgegriffen wurde, verleiht der sprachlichen Komposition eine besondere Intensität, die im Bewusstsein der hier verwobenen Wirklichkeitsebene sogleich unter die Haut geht.
(c) Jonas Melcher
Es lässt sich nicht leugnen, dass die Produktion die Zuschauer aufgrund der forcierten Thematik ohne Frage mit unvorstellbaren Tragödien und einer der dunkelsten Zeiten der Menschheitsgeschichte konfrontiert, sodass der Grundton des Musicals ein sehr düsterer und nachdenklicher ist. In puncto Visualisierung hat man sich entsprechend dazu entschieden, die Szenerie durchgängig in dunklen Tönen zu halten und das Geschehen vor allem mit schwarzen und dunkelblauen Nuancen zu unterlegen. Die Tourproduktion beweist, wie effektvoll manchmal doch ein Verzicht auf ein opulentes Bühnenbild und plakative Kulissenelemente sein kann, denn die Idee, die Szenerie lediglich durch dunkle Hölzwürfel abzubilden, welche sowohl als Requisiten als auch Teil der Choreografien fungieren, gestaltet sich simpel wie genial. Da die unglaublich gehaltvolle Geschichte Raum benötigt, um in all ihrer von Natur aus gegebenen Intensität wirken zu können, erscheint die Wahl eines ganz und gar schlichten Bühnendesigns als wahrlich meisterhafter Schachzug in der Konstitution des Gesamtwerks. Ergänzt werden die als Abstraktum den jeweiligen Sinn der Handlungssituation symbolisierenden Holzkästen durch einen über bewegliche Treppen zu erklimmenden Steg im oberen Bereich des Bühnenraums, welcher eine zweite Spielebene schafft und somit eine die Parallelität unterschiedlicher Handlungsstränge einfangende Mehrdimensionalität kreiert. Diese Kulissenelemente schaffen eine visuelle Kontinuität, die optisch den roten Faden des Stücks aufrechterhält, und wirken zugleich doch nie statisch, ganz im Gegenteil. Die simplen Bauten auf der Bühne befinden sich durch kleine Tricks ständig in Bewegung und erzeugen damit eine Dynamik, die der gewählten Erzählstruktur dienlich ist.
Additiv zieren von Daniel Hahn sinnvoll eingebundene Projektionen die Kulisse, die entsprechend der szenischen Abfolge immer wieder aufs Neue grandios modulliert werden und als zentrales Erzählelement Einzug in ein durch Umrisse statuiertes Bühnenbild finden. Dabei dienen nicht nur Einblendungen der lokalen und zeitlichen Orientierung im Geschehen, sondern es werden auch Szenen um kleine Details bzw. symbolisch angelegte Bilder ergänzt, die in ihrer Komposition an skizzenhafte Zeichnungen erinnern und damit die Leidenschaft Sophies für Kunst und Malerei als sinnstiftendes Element auf einer Metaebene abbilden.
Zusätzlich sprechen auch die von Bart De Clercq meisterhaft arrangierten Choreografien eine sehr bildhafte Sprache, die der expressiven Visualität des Stücks sehr entgegenkommt und eine weitere Ebene des Ausdrucks schafft, die Gefühle und Gedanken in eine Bildgewalt übersetzt.
(c) Jonas Melcher
Schmerzhaft, schonungslos und mit eindrücklicher Bildgewalt erzählt das Musical ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte mit Fokus auf persönlichen Lebenswegen und einzelnen Schicksalen und vertraut dabei auf die Kraft des Theaters als emotionsgewaltiges Narrationsmittel.
Während der ganzen Vorstellung hat man das Wissen, wie die Handlung enden wird, und doch sitzt man den gesamten, von einer bedrückenden Atmosphäre gespeisten Abend über im Theatersaal und hofft und fleht innerlich und klammert sich an die irrationale Erwartung, es müsse doch einen rettenden Ausweg geben. Trotz der Kenntnis um die historischen Ereignisse birgt die Konfrontation mit dem Theaterstück, das diese bewegende Geschichte auf so besondere Art greifbar macht, die Kraft, tief zu erschüttern und die Erfahrbarkeit des mit dieser menschlichen Tragödie einhergehenden Schmerzes um eine neue Dimension zu erweitern, die nur das Theater auf diese Weise offenlegen kann. Die Stille, die sich am Ende über den Theatersaal senkt, ist eine ganz besondere - steckt sie doch so voller Emotionen. Die kreativen Köpfe beweisen mit ihrer Entscheidung, das Stück ganz leise auslaufen zu lassen und am Ende einen bewegten Moment zum stillen Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus zuzulassen, großes Feingefühl in der Regieführung. Dem Publikum wird damit ein Augenblick des Fühlens offeriert, der diese erschütternde und damit zugleich unglaublich überwältigende Darbietung sehr würdevoll mit einem kollektiven Moment des Innehaltens abschließt. In diesem Augenblick wird sogleich spürbar, dass das Musical pure Fassungslosigkeit heraufbeschwört, die sich jedoch nicht in eine dauerhafte Sprachlosigkeit transferiert, ganz im Gegenteil. Die Vorstellung fördert den Mut und das Bewusstsein für die Notwendigkeit, über die Vergangenheit zu sprechen, die Untrennbarkeit der Gegenwart mit der Historie anzuerkennen und für den Erhalt der Freiheit und Menschenwürde in der Zukunft einzustehen.
"Die weiße Rose" ist ein ganz wichtiges, inhaltsstarkes Werk der Theatergeschichte, dem es dank der klugen Ausgestaltung kreativer Köpfe gelingt, vergangene Zeiten emotional erfahrbar zu machen, sich von sachlich distanziert geschriebenen Einträgen in Geschichtsbüchern zu lösen und den dahinterstehenden Lebensgeschichten - trotz aller Eindringlichkeit in der Erzählweise - voller Würde und Respekt zu begegnen. Damit entpuppt sich das Musical aus der Feder von Vera Bolten und Alex Melcher als theatrales Brennglas menschlicher Stärke, bei dem die einzelnen Elemente eines beeindruckenden Theatererlebnisses in ihrer Synergie als Motor des Erzählens und Erinnerns wirken und ein künstlerisches Gedenken voller Feingefühl und Emotionalität erschaffen.
(c) Jonas Melcher
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