"Next to Normal" - Am seidenen Faden zwischen Realität und Wahnsinn

Noch nie hat ein Stück es geschafft, die Abgründe und die Emotionen hinter den Fassaden der Menschen so berührend und zugleich realistisch darzustellen, wie das Musical "Next to Normal". 
In diesem Jahr hat sich das "Musical Ensemble Erft" an die schwere Aufgabe gewagt, diese Produktion auf die Bühne zu bringen.

(c) Thomas Atzenbeck Design

Das Musical erzählt die Geschichte der auf den ersten Blick ganz gewöhnlichen Familie Goodman, die sich allerdings bei genauerer Betrachtung als eine völlig zerbröckelte Familie entpuppt, die am seidenen Faden zwischen Realität und Wahnsinn baumelt.
Mutter Diana leidet seit dem Tod ihres Sohnes unter einer schweren psychischen Erkrankung mit Wahnvorstellungen und Depressionen. Vater Dan versucht alles, um seine Frau wieder in die Realität zu holen und merkt dabei gar nicht, wie sein eigenes Leben dabei Stück für Stück selbst zerbricht. Auch Tochter Natalie scheitert an dem Versuch, die Probleme der Familie mit überspitzter Perfektion zu kompensieren.

Das Stück erzählt seinem Publikum sehr anrührend diese tief - tragische Geschichte des ausweglosen Kreislaufes eines dramatischen Schicksals. Unvorstellbare Momente werden plötzlich Wirklichkeit und lassen sich auf einmal doch ganz leicht auf das eigene Leben übertragen.

(c) Musical Ensemble Erft 

Gabi Schmidt entführte für einen Abend lang die Zuschauer in ihre Welt der Illusionen. In der Rolle der Mutter "Diana Goodman" brillierte die Sängerin nicht nur mit einer großartigen Stimme, sondern auch mit einer beeindruckenden Authentizität. Sie transportierte die Gefühle der psychisch - kranken Frau realistisch, ergreifend und voller Leidenschaft und konnte sich vollkommen in diese zerbrochene Persönlichkeit hineinversetzen. Sie meisterte die Herausforderung, die hinter diesem Engagement steckt, mit sehr viel Souveränität und zugleich ganz viel Herz.

Jonas Wender verkörperte den Charakter des Vaters "Dan" und erzählte mit viel Hingabe zu dieser tiefgründigen Thematik dessen persönliche Geschichte. Jeden einzelnen Moment, in dem er sich für seine Bühnenpartnerin völlig aufgab und dabei selbst in sich zusammenbrach, füllte der Darsteller mit Emotionen und einer individuellen, ergreifenden Interpretation. Sein fantastischer Gesang rundete das Gesamtkunstwerk ab und sorgte für Gänsehaut im Saal.

Tochter "Natalie" und ihr Freund "Henry" wurden von Laura Hatko und Tim Stranowsky gespielt, die ein herrliches Bühnenpaar abgaben. Vor allem Laura Hatko konnte in ihrer Rolle eine große Entwicklung durchleben und mit einer Vielfalt an Emotionen und Charakterzügen glänzen. Gemeinsam transportierten die Beiden eine Mischung aus vollkommener Zerbrechlichkeit und zugleich gegenseitig tragender Energie.

(c) Musical - Kompass

Philipp Schwerhoff begeisterte in der Rolle des Sohns. Als Illusion, ja, fast als Schatten,  verfolgte er seine Familie und entwickelte dabei auch eine besondere Hartnäckigkeit und ein Talent zur Verführung in die Surrealität. Philipp war es möglich, eine nicht mehr reale Persönlichkeit dem Publikum auf eine sehr authentische Weise zu präsentieren und den eigentlich verborgenen Willen des Sohnes zu offenbaren. Gesanglich glänzte auch er zu jeder Zeit und konnte mit seiner Stimme die Geschichte weiterentwickeln und seine Wünsche auf eine geheimnisvolle Weise mitteilen.

Alexander Geiger stand in einer Doppelrolle auf der Bühne. Er verkörperte  "Dr. Fine" und "Dr. Medden". Er brachte mit seinem realistischen Schauspiel den Ruhepol und eine Art Gegengewicht zu der zerbrochenen Familie in die Show. Vor allem als "Dr. Medden" beeindruckte der Darsteller mit seiner sensiblen Art und seiner ebenso weichen und warmen Stimme, welches zugleich aber auch der Versuch war, "Diana Goodman" von der vermeintlichen Notwendigkeit der Inanspruchnahme unterschiedlicher Therapieansätze und Medikation zu überzeugen.

Untermauert wurde der Abend von einer phänomenalen Live - Band, die dem Stück den musikalischen Atem einhauchte. 

(c) Musical - Kompass 

Das Stück wird hauptsächlich von dem Schauspiel der einzelnen Darsteller getragen. Es benötigt weder ein aufwändiges Bühnenbild noch schillernde Kostüme. Eine einfache Holzkonstruktion und Alltagskleidung erzeugen den Eindruck eines ganz gewöhnlichen Alltags und geben den Zuschauern die Möglichkeit, sich mit den Figuren und deren Charakterzügen zu identifizieren.
Das Musical Ensemble Erft hat die Inszenierung mit durchweg exzellenten Sängern und Schauspielern besetzt, die unglaublich viel Herzblut in die Vorstellung gelegt haben. Über drei Stunden hinweg wurden große Emotionen erzeugt und diese waren keineswegs erzwungen, sie entstanden einfach aus dem leidenschaftlichen "Erleben" der Darsteller. Bei dieser Produktion sollte keine perfekte Technik im Vordergrund stehen, sondern nur die einzelnen Persönlichkeiten und ihre Geschichte. Der Fokus wurde die gesamte Zeit einzig und allein auf das Seelenleben der Charaktere gelegt.

(c) Musical - Kompass 

Die Aufführung nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise, die vorher noch so unrealistisch erscheint und plötzlich so real wird, und diese Reise lässt das Publikum auch nach Vorstellungsende nicht so schnell wieder los. Dem Musical Ensemble ist es geglückt, einen Abend voller Emotionen, Tränen und Gänsehaut pur zu schaffen und dem Publikum ein Tabu - Thema der Gesellschaft herzergreifend zu vermitteln. Es ist unglaublich, mit welch einer Kraft das Musical sein Publikum mitreißt und dieses zum Denken und Mitfühlen animiert.
Wer die Gelegenheit hat, sollte sich für die letzte Show am heutigen Sonntag in der Aula des Gymnasiums der Stadt Kerpen unbedingt noch Tickets sichern und sich von dieser sensationellen Cast und einer durchweg berührenden Geschichte verzaubern lassen. Hier bleibt kein Auge trocken, versprochen!

(c) Musical Ensemble Erft 

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