Sonnenschein und neues Boogie - Woogie Mädchen

Julia Elena Heinrich studierte an der Theaterakademie August Everding in München. Sie stand bereits in verschiedenen Produktionen, wie beispielsweise "Der kleine Horrorladen", "Jesus Christ Superstar" und "Don Camillo und Peppone" auf den Brettern, die die Welt bedeuten. 
Aktuell können die Zuschauer Julia Elena als Cover "Jessy", "Mareike" und Swing in "Hinterm Horizont" in Hamburg erleben.

Im folgenden Interview erfahrt ihr unter anderem mehr über die fulminante Premiere der sympathischen Darstellerin im Operettenhaus und über das, was Julia besonders gut an der Musik von Udo Lindenberg gefällt.

Liebe Julia, bitte beschreibe doch zunächst einmal die Rolle der "Jessy" in "Hinterm Horizont"!

Jessy ist ein junges Mädchen aus Pankow zur Zeit des geteilten Berlins. Sie singt im "Haus der jungen Talente" und daher nimmt sie an einem Konzert in Ostberlin teil, bei dem auch Udo Lindenberg auftritt. Dabei lernen die Beiden sich kennen und Udo und Jessy sind einfach sofort zwei ganz besondere Menschen, die super zusammenpassen.
Jessy ist einfach einzigartig und sie hat vor allem durch Udo einen ganz großen Drang nach Freiheit. Meiner Meinung nach ist sie ein Mensch, wie man ihn sich eigentlich wünscht, denn sie verurteilt nie jemanden, sie beobachtet ständig intensiv und sagt ganz unverfälscht ihre Meinung. Teilweise wirkt Jessy etwas naiv, besonders in den Situationen, in denen sie Kontakt zur Stasi hat. Allerdings ist sie einfach so leidenschaftlich, dass sie die Gefahren der Beobachtung durch den Sicherheitsdienst zunächst erst gar nicht erkennt.

Du bist ja noch gar nicht lange bei "Hinterm Horizont" dabei. Wie war deine Premiere hier in Hamburg?

Oh, die war unglaublich toll, da es ein wunderschönes Gefühl ist, wenn man neu in eine bereits bestehende Cast kommt und wirklich alle sich an einem Abend für dich stark machen und die Aufmerksamkeit nur auf dich lenken. Da spürt man eine großartige Energie auf der Bühne. Auch im Zuschauerraum wurde ich ganz toll unterstützt, vor allem von Freunden und Bekannten und man war wirklich wie berauscht.

Mochtest du vor deinem Engagement bereits die Musik von Udo Lindenberg?

Ich habe mich vorher tatsächlich nie wirklich mit dieser Musik beschäftigt und ich hatte auch einfach keinen Bezug zu ihr, was wahrscheinlich auch generationsabhängig ist.
Allerdings, wenn man sich dann einmal mit Udos Musik konfrontiert und ganz genau hinhört, merkt man natürlich, dass Udo den totalen Klartext sagt - so, wie es auch im Stück selbst oft transportiert wird. Vor allem das Lied "Wenn du durchhängst" spiegelt wider, wie ehrlich und direkt diese Songtexte einfach sind. Und die Lieder tragen einen tatsächlich durch die Show, man muss gar nicht viel machen, denn die Lieder erzählen sich wie von selbst.


(c) Fabian Raup

Gibt es ein Lied in der Inszenierung, das du besonders gerne singst? 

Mittlerweile singe ich am liebsten "Ich lieb dich überhaupt nicht mehr", weil das Stück einfach so unfassbar stark ist.

Das Musical hat ja viele verschiedene Facetten, aber grundsätzlich erzählt es doch auch eine recht traurige Geschichte. Ist es schwierig, danach den Kopf frei zu bekommen und aus der Rolle wieder "auszusteigen"?

Nein, nicht wirklich. Jeder von uns geht mit einem Stück natürlich anders um. Ich persönlich versuche immer, die Emotionen auf der Bühne rein körperlich darzustellen, was es nicht weniger anstrengend macht. Ganz im Gegenteil, ich bin sehr kaputt nach der Vorstellung, da "Jessy" ja sehr viele verschiedene Gefühlswelten durchlebt. Allerdings ist es dann insgesamt psychisch nicht so kräftezehrend, sondern viel mehr physisch.

Hast du bereits in der kurzen Zeit, die du bei "Hinterm Horizont" dabei bist, die Gelegenheit gehabt, Udo Lindenberg persönlich kennenzulernen ?

Kennenlernen konnte ich ihn leider bisher noch nicht, aber ich habe ihn ab und an gesehen, wenn wir mit der Cast gemeinsam noch unterwegs waren. Allerdings habe ich mich auch noch nicht getraut Udo anzusprechen, da ich ja noch sehr neu in der Cast bin.
Natürlich kommt er auch manchmal am Ende der Show auf die Bühne und tritt selbst noch mit der Cast auf. Dies ist leider noch nicht passiert, seit ich dabei bin, aber das wird hoffentlich noch klappen - spätestens zur Derniere und ich hoffe natürlich, dass ich ihn dann auch noch kennenlernen darf.

Das Stück erzählt ja die Geschichte von der Teilung Deutschlands und dem Mauerfall. Bist du der Meinung, dass die Inszenierung auch für jüngere Menschen geeignet ist, die diesen Meilenstein in der Deutschen Geschichte nicht miterlebt haben?

Natürlich ist es für die Leute, die diese Zeit miterlebt haben, etwas unfassbar Bewegendes. Ich glaube aber auch, wenn junge Menschen sich einfach auf die Thematik einlassen, kann das Stück einen schon sehr mitnehmen, gerade weil man diese Situation nicht erlebt hat und sich das alles gar nicht vorstellen kann.

Zuvor hast du in Wien in "Don Camillo und Peppone" auf der Bühne gestanden. Wie hast du deine Zeit dort selbst empfunden?

Es hat unfassbar viel Spaß gemacht, weil ich dort Swing war und durch meine sechs verschiedenen Positionen immer ganz viel Abwechslung hatte. Außerdem wurde das Stück eindeutig auch vom Ensemble getragen, weshalb ich eigentlich ständig auf der Bühne war.
Insgesamt waren wir auch eine unglaublich familiäre Cast, so dass man auch hinter der Bühne eine Menge Spaß haben konnte.

Du hast nun sowohl in Deutschland als auch in Österreich gespielt. Gibt es irgendwelche Unterschiede zwischen dem Publikum in beiden Ländern? 

Ja, auf jeden Fall. Ich würde es nicht nur auf diese beiden Länder beziehen, sondern an jedem Ort ist das Publikum tatsächlich ganz anders. Es hängt einfach von dem Stück, also der Thematik, aber auch von der Mentalität der Leute ab. Beispielsweise war "Don Camillo und Peppone" in Österreich einfach super, weil das Stück so ein Heimatgefühl vermittelt und die Österreicher zu dieser ländlichen Heimat eine stärkere Bindung hatten.
Und "Hinterm Horizont" hat natürlich einfach perfekt nach Berlin gepasst, aber es funktioniert auch sehr gut hier an der Reeperbahn, da auch in Hamburg selbstverständlich viele Bezüge zu Udo vorhanden sind und diese auch noch einmal besonders herausgearbeitet wurden.

Wann hast du dich entschieden, Musicaldarstellerin zu werden? 

Das war tatsächlich sehr früh. Ich habe mit dem Ballett-Tanzen begonnen, als ich noch ganz klein war. Auch in der Musikschule war ich immer sehr aktiv, später habe ich dann auch gesungen.
Ich war schon als Kind vom Kindertheater total fasziniert und war damals auch ein riesengroßer Fan von Tabaluga, was ja auf eine ganz eigene Art auch ein Musical war.
Mit sieben Jahren habe ich dann "Die Schöne und das Biest " - mein erstes richtiges Musical- in Stuttgart gesehen. Ich bin nach der Vorstellung wirklich nach Hause "geschwebt" und wusste, das möchte ich später auch einmal machen. Das hat sich seitdem eigentlich nie wirklich geändert und so haben meine Eltern mich auch bei der Verwirklichung meines Traumes unterstützt und - Gott sei Dank - gab es bisher auch nie einen Punkt im Leben, an dem ich meine Entscheidung bereut habe.

(c) Christian Hartmann 

Hast du eine Traumrolle, die du besonders gerne einmal spielen würdest?  

Es gibt keine direkte Traumrolle, sondern viel mehr Stücke und Geschichten, die ich gerne erzählen würde, wie zum Beispiel "Les Miserables", "Into the Woods" oder "Anything Goes". Allerdings haben sich auch einige meiner bisherigen Rollen im Nachhinein als absolute Traumrollen entpuppt, weshalb ich mich lieber überraschen lasse, als mir Traumrollen auszumalen, die dann in Wirklichkeit vielleicht gar nicht so traumhaft sind.

Eure Bewerbungen laufen ja über Auditions. Erzähle doch bitte einmal, wie solche Auditions ablaufen!

Das ist immer ganz unterschiedlich... wenn man sich für ein "tanzlastigeres"  Musical bewirbt, wird meistens zunächst in großen Gruppen getanzt und anschließend werden dann nur noch diejenigen, von denen man mehr sehen möchte, zum Vorsingen eingeladen. Bei Inszenierungen, in denen Tanzen nicht im Vordergrund steht, laufen die Auditions dann meistens umgekehrt ab.
Man ist immer wieder super nervös und fängt immer beim Punkt Null an, allerdings ist es auch sehr interessant, weil man meistens während der Audition schon spürt, ob man den Job wirklich gerne machen möchte und mit dem Regisseur zusammenarbeiten möchte.

Kannst du dich noch an deine größte Panne auf der Bühne erinnern?

Bei "Don Camillo und Peppone" hatten wir eine Situation, in der es mehrere Krankheitsfälle gab, weshalb eine Swing - Kollegin und ich zusammen einen sogenannten "Split - Track" gemacht haben, d.h., dass man auf mehreren Postionen spielt und nach einer Szene immer schnell auf eine andere Position wechselt. Wir hatten uns extra schnell umgezogen, um an einer bestimmten Stelle zu singen, aber als wir dann auf die Bühne kamen mussten wir auf einmal so lachen, dass die komplette Szene niemand von uns mehr singen konnte und wir unsere Gesichter hinter Requisiten verstecken mussten. Letztendlich wäre es wahrscheinlich besser gewesen, wenn wir einfach nicht auf die Bühne gekommen wären.
Ansonsten sind mir glücklicherweise bisher keine richtig großen Pannen passiert.

Wie würdest du dich selbst in drei Worten beschreiben?

Bodenständig, aufgeweckt und lustig

Hast du Tipps für junge Menschen, die überlegen, denselben Weg wie du einzuschlagen?

Man muss diesen Beruf wirklich, wirklich ausüben wollen und eine Leidenschaft für dieses Genre haben. Dann kann es der schönste Job auf der ganzen Welt sein! Außerdem, denke ich, dass man sich immer auf das Neue und auf die positiven Erlebnisse stürzen muss, um so hoffentlich nie aus den Augen zu verlieren, was für ein riesiges Geschenk es ist, jeden Tag seinen Traum leben zu dürfen. 

 

Leider endet die Spielzeit von "Hinterm Horizont" ja bereits im Oktober. Hast du schon Pläne für die Zeit danach?

Leider darf ich es noch nicht offiziell verkünden, aber so viel sei gesagt, ich gehe auf jeden Fall wieder nach Österreich zurück. 
Ich hoffe, in der Zukunft im Hinblick auf Long - Runs und Stadttheater - Produktionen weiterhin möglichst vielseitig zu bleiben und verschiedene Aufführungen ausprobieren zu dürfen. Bisher hatte ich mit meinen Engagements jedenfalls sehr viel Glück!

Liebe Julia, vielen Dank für dieses interessante und lustige Gespräch! Es war mir eine Ehre mit so einem "Sonnenschein" ein Interview führen zu dürfen!
Ich wünsche dir weiterhin ganz viel Freude auf der Bühne und bleib so postiv, wie du bist!

(c) Fabian Raup

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