Sprachliche Kunst in einer Geschichte der Sprachlosigkeit - "Jugend ohne Gott", eine nachhallende Bühnenumsetzung literarischer Zeitlosigkeit

Leise schleicht er sich ein, der Hass, der der Wärme der Zuneigung, Güte und Liebe mit kalter Ignoranz entgegentritt und die Welt in einen Zustand einsamer Verbitterung versetzt. Wer gestern noch dein Lachen geteilt hat, der kann heute schon mit einer solch eisernen Ablehnung auf dich herabblicken, dass dir das Lachen im Halse steckenbleibt. Gesät als kleiner Keim einer singulär schlummernden Frustation, wächst der Groll an, streckt seine Äste nach der Vulnerabilität innerhalb einer Gesellschaft aus und überschattet schließlich mit seinen tiefschwarzen Baumkronen alle jene Momente der Barmherzigkeit und des Friedens, in denen die Menschlichkeit doch eigentlich ihren Nährboden findet. 
Das "Comedia Theater" in Köln gilt schon lange als eines jener Häuser, an dem hochaktuelle Stoffe und eindringliche Geschichten in künstlerischer Feinarbeit an Kontur gewinnen und die Kraft des Theaters für alle Generationen gleichermaßen sichtbar machen. Mit der Bühnenadaption des literarischen Klassikers "Jugend ohne Gott" wagt sich das Zentrum der Kultur im Herzen der Domstadt nun an die Umsetzung eines historischen Stoffs aus der Feder Ödön von Horváths, der angesichts des drohenden Verfalls menschlicher Werte wohl kaum aktueller sein könnte. In fesselnder Schärfe legt das Stück die Importanz von persönlicher Verantwortung, der Bekenntnis zur Humanität und der Suche nach den eigenen Werten offen, in einem System, das den Verfall der Moral protegiert, und erzählt mit erschütternder Klarheit und Ehrlichkeit von dem Kampf, die eigene Stimme zu erheben, wenn alle anderen schweigen. 


Die Produktion erzählt die bewegende Geschichte einer Lehrerin, die sich zunehmend in einem Strudel menschlicher Abgründigkeit und Verrohung gefangen sieht und sich vor dem Hintergrund einer Welle an Hass, Ablehnung und Radikalität fragen muss, wofür es sich eigentlich zu kämpfen lohnt. 
Alles beginnt mit einem rassistisch gefärbten Satz in einem Schulaufsatz - die Lehrkraft will in purer Empörung gerade schon den Rotstift ansetzen, da wird ihr bewusst, dass dieses erschütternde Weltbild, das sich dort hinter ein paar Schmierereien der Jugendlichen verbirgt, jene Gedanken abbildet, die seit einiger Zeit in der Gesellschaft gelehrt werden. Im öffentlichen Raum florieren die Hassparolen und bisherige Wegbegleiter werden über Nacht zu Feinden, da sie nicht mehr in das neue ideologiegefärbte Zeitalter zu passen scheinen. Aufgewühlt von der Erkenntnis fällt es der Lehrerin zunehmend schwerer, tagtäglich den Gang in die Schule anzutreten und dort auf die Feindlichkeit der Jugendlichen zu treffen, in deren Fokus schnell auch sie selbst mit ihrem kritischen Blick auf das rechte Gedankengut rückt. Als die Klasse gemeinsam einen Ausflug in ein paramilitärisches Zeltlager unternimmt, spitzt sich die Lage zu und es kommt zu einem Ereignis, das das Zusammenleben der einstigen Schulgemeinschaft nachhaltig verändern soll. Befeuert von der zunehmend aufwallenden Missgunst und Feindseligkeit, die auf ihrem Streifzug durch das Land alle Generationen gleichermaßen für sich erobert, ereignet sich eine Tragödie, die die Grenzen von Täter, Mitläufer und Opfer verwischt und die Frage nach der individuellen Verantwortung inmitten eines sich von Demütigung und Gleichförmigkeit nährenden Systems in den Mittelpunkt rückt.

Getragen wird die Bühnenadaption von lediglich zwei Schauspielern, die in ihrer Präsenz wie Präzision jedoch völlig vergessen lassen, dass hier kein großes Ensemble auf den Brettern, die die Welt bedeuten, steht. Die versierten Künstler bringen eine ganz natürliche, eindrucksvolle Strahlkraft mit, dank derer es ihnen in Windeseile gelingt, den Saal für sich einzunehmen und die Aufmerksamkeit des Publikums wie Magneten auf sich zu lenken.
Janine D'Aragona begeistert mit ihrer ausdrucksstarken, energetischen Verkörperung einer Lehrerin, die verzweifelt versucht, an ihren Idealen festzuhalten und sich inmitten eisiger menschlicher Kälte nicht in einem Nihilismus der Bitterkeit zu verlieren. Mit spielerischer Souveränität kreiert sie einen Charakter mit starker Persönlichkeit, der der ihn umgebenden Feindlichkeit kritisch entgegenblickt, für den Gebrauch der menschlichen Vernunft plädiert und das neue gesellschaftliche Raster, das sich tagtäglich stärker in die Gedanken der Menschen implementiert, kritisch hinterfragt. Gekonnt arbeitet die Künstlerin den figuralen Scharfsinn sowie Weitblick einer standhaften Frau heraus, die zwischen Resignation und Kampfgeist balanciert und sich immer wieder aufs Neue fragen muss, ob sie den leichten oder den richtigen Weg gehen soll. Janine setzt die vielfältigen spielerischen Dimensionen von Mimik, Gestik sowie Intonation in darstellerischer Volltrefflichkeit ein, wobei insbesondere die grandiose Jonglage mit stimmlicher Dynamik besonders hervorsticht. Mal laut, impulsiv und kraftvoll, mal leise und zaghaft zeichnet die Schauspielerin mit ihrer Intonation die emotionalen Wellenbewegungen der Charakters nach und unterstreicht die Eindringlichkeit der figuralen Darstellung. 


Nicht minder eindrücklich gestaltet sich die schauspielerische Darbietung von Peter Stephan Herff, der als eine erzählende Instanz durch die Vorstellung führt und dabei immer wieder in unterschiedliche Rollen schlüpft, die sich als eine Art figurale Collage vor dem Hintergrund künstlerischer Exzellenz und spielerischer Wandelbarkeit entfalten. Besonders markant gestaltet sich dabei der stimmliche Vortrag des Schauspielers, welcher der Darbietung eine ungeahnte Kraft wie Kernigkeit verleiht. Volltönend klingt die sonore Stimme Peter Stephan Herffs mit sattem Klang und warmem Timbre durch den Saal, mittels derer es ihm nicht nur mühelos gelingt, die unterschiedlichen Charaktere zum Leben zu erwecken, sondern zugleich auch der Geschichte in ihrer Gesamtkomposition an Plastizität und damit verbundener Eindrücklichkeit zu verleihen. Mit darstellerischem Geschick und einem feinen Gespür für die Atmosphärik der jeweiligen Szenerie führt der Künstler spielerisch souverän durch das Geschehen und strahlt dabei eine bemerkenswerte Ruhe auf der Bühne aus, sodass sich der bedrückende Ton des Stücks in einer feinsinnig gezeichneten empfindsamen Schwere entlädt. 


Die Produktion von Markolf Naujoks entfaltet sich vor der akustischen Kulisse ausdrucksstarker Melodien, die das Bühnengeschehen kunstvoll rahmen und ihrerseits einen Guss atmosphärischen, düsteren Untertons über die Inszenierung verteilen. Auch im visuellen Zusammenspiel von punktuell eingesetzten Nebelschwaden, die unheilvoll über die Bühne wabern, und einem Tanz lichttechnischer Akzente liegt die besondere Kraft der hier dargebotenen theatralen Atmosphärik begründet, welche das Theaterstück mit einer zusätzlichen Ebene kunstvoller Ästhetik ausstattet - einer Ästhetik der Hässlichkeit und Abgründigkeit, die in den in das Licht- und Schattenspiel eingebetteten Momenten der Masquerade an Kontur gewinnt 
In puncto Kulisse setzen die kreativen Köpfe in Köln auf ein klar und in sich stringent ausformuliertes Konzept der Bühnenbildgestaltung, das in seinem ihm eigenen Minimalismus eine besondere Wirkkraft entfaltet. Der Fokus liegt hierbei lediglich auf einem durch Gerüste statuierten Ausschnitt eines Hauses, das auf zwei Ebenen bespielt und in der Möglichkeit des Drehens und Verschiebens leichtfüßig in die inszenatorische Dynamik integriert werden kann. Ergänzt wird der simple Bau durch einige passgenau ausgewählte Requisiten, wie beispielsweise einen fest auf der Bühne platzierten Schreibtisch sowie einen Overheadprojektor, der im Zuge der Kulissengestaltung ungeahnte Wirkung in der Konstitution eindrücklicher Wandbilder erzeugt. 


Die Produktion lebt von einer durch den dramaturgischen Weitblick hervorragend ausgearbeiteten Intensität, die den gespannten Theaterbesucher mit einer stimmungsgewaltigen Partitur bedrückender Stille und markerschütternder Crescendi konfrontiert. Teils verspürt das Publikum im Angesicht der theatralen Darbietung geradezu ein klaustrophobisches Gefühl, das sich vor der erdrückenden Symbiose zentnerschwerer Themen und beklemmender Gefühle entspinnt. Gewoben werden die Fäden eines atmosphärischen Werkes dabei von der Finesse einer kunstvollen Sprache, die mit starken Bildlichkeiten arbeitet und den Rezipienten in ihrer Metaphorik ganz subtil fordert, zu interpretieren, zu entschlüsseln und das Gesagte mit eigenen Vorstellungen zu füllen. Das Stück erscheint sprachlich wie stilistisch bis ins Kleinste feinsinnig durchkomponiert und fußt auf einer Melange aus monologischen sowie dialogischen Variationen, die nicht nur mit dem wohl prägnantesten Bild des Zeitalters der Fische die Produktion mit einer ausdrucksstarken Motivik anreichern. In der sprachlichen Kunst wird jedoch zugleich das Verständnis für die Sprachlosigkeit im Angesicht des schier Unglaublichen transparent, die ihre stilistische Abbildung in der fehlenden Vollendung von Sätzen und der immer wieder anklingenden elliptischen Struktur erfährt. 


In der inszenatorischen Konstitution wirken unterschiedliche Ebenen der Theaterkunst vor dem Hintergrund einer über den Abend hinweg an Transparenz gewinnenden Liebe zum Detail exzellent zusammen und kreieren ein expressives Gesamtwerk, das seinen zeitlosen Charakter in der Suchbewegung nach Antworten auf zur Sprachlosigkeit führende Fragen entfaltet. 
Obwohl das auf der Romanvorlage basierende Stück von der Entstehungsgeschichte her in der Zeit des Nationalsozialismus angesiedelt ist, lässt sich das Geschehen aus jeglichen zeitlichen Fesseln herauslösen und in seiner Dringlichkeit ebenso auf Gegenwart und Zukunft wie auch auf unterschiedliche Kulturen übertragen. Die Geschichte gewinnt gerade vor der täglichen Konfrontation mit der Fragilität des respektvollen, friedlichen Zusammenlebens und der Zelebration der Individualität an erschreckender Relevanz und hält der Gesellschaft einen Spiegel der Zuspitzung vor, wobei sie sich lediglich der Deskription verschreibt und aufmerksam beobachtet und abbildet, statt aktiv zu fordern oder gar zu belehren. 
Dem "Comedia Theater" ist es mit seiner hingebungsvoll ausgestalteten Umsetzung des literarischen Stoffes meisterhaft gelungen, Fiktion und Realität in einem ebenso illusorischen wie erschreckend markanten Konglomerat theatraler Kunst zu vereinen und ein nachhallendes Gesamtwerk zu schaffen, das die Zuschauer auch über den Abend hinaus gedanklich zu begleiten vermag. Dabei beweist das Theater nicht nur, dass die Kraft einer Geschichte sich doch oftmals viel stärker in den Köpfen der Zuschauer als in der Opulenz einer Bühne entfaltet, sondern rückt auch auf ganz eindringliche Weise die Fragen nach Gerechtigkeit und Verantwortung in den Mittelpunkt eines Abends, der uns an das Kostbarste erinnert, das wir haben: unsere Menschlichkeit.

             Fotos: (c) Nathan Dreessen 


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