Eine abenteuerliche Reise durch die Zeit - "Zurück in die Zukunft", ein immersives Theatererlebnis in cineastischer Visualität
"Die Zeit ist ein großer Künstler: Sie malt unser Schicksal." Das Mysterium der Zeit beschäftigt Menschen seit Tausenden von Jahren. Die Gleichzeitigkeit von Gegenwart, die im nächsten Augenblick schon wieder der Vergangenheit angehört, und Zukunft, die einen Wimpernschlag später bereits gegenwärtig ist, spiegelt eine Rätselhaftigkeit der Irdischen Existenz, die den Gesetzen der Zeit zu folgen scheint und dabei doch so unbefangen mit dem spielt, das bereits Platon als "bewegtes Bild der Ewigkeit" betitelte. Und nun stell dir vor, du könntest all jene Gesetze der Zeit einfach umschreiben, ja, sie wahrlich in eine neue Flexibilität kleiden, die den Kreislauf der Vergänglichkeit aufbricht. Stell dir vor, deine Gegenwart könnte plötzlich eine weit entfernte Zukunft an einem Horizont der Zeitlosigkeit werden !
Was würdest du tun, wenn dich Reisen nicht mehr an andere Orte, sondern vielmehr in andere Jahrzehnte führen würden?
Mit dieser Frage nach der Untrennbarkeit unterschiedlicher Richtungen auf der Landkarte der Zeit wird das Hanseatische Publikum seit März im Hamburger Operettenhaus konfrontiert, in dessen Theatersaal das Mysterium um Vergangenheit und Zukunft an Kontur und damit einhergehender künstlerischer Bildgewalt gewinnt.
Seit dem Kinostart 1985 begeisterte der mittlerweile mit einem Kultstatus versehene Film "Zurück in die Zukunft" Millionen von Menschen und mauserte sich zu einem der populären Titel der Filmgeschichte. Nachdem sich Broadway und Westend bereits an die Umsetzung des beliebten Stoffes als Bühnenadaption gewagt haben, feierte im vergangenen Monat nun auch die deutschsprachige Uraufführung des gleichnamigen Musicals Premiere und lädt das theaterbegeisterte Publikum seitdem immer wieder aufs Neue zu einer spektakulären Reise in die Vergangenheit, auf deren Weg sich Faszination, Bühnenmagie und Ideenreichtum als Reisebegleiter entpuppen.
(c) Johan Persson
Erzählt wird die äußerst skurril anmutende und zugleich warmherzige Geschichte rund um ein schräges Duo, das mit seinen revolutionären Ideen und schrägen Einfällen in den Lauf der Zeit eingreift und damit so manches biographische Erinnerungsalbum völlig neu gestaltet.
"Marty McFly" liebt das Abenteuer, doch das beschauliche Leben in Hill Valley bietet nur wenige Gelegenheiten für den Teenager, seine Träume auszuleben und dem Drang nach Freiheit nachzugehen. Einziger Lichtblick inmitten all der täglichen Routinen und vergebenen Chancen ist da der exzentrische Wissenschaftler "Dr. Brown", der den begrenzten Radius der Möglichkeiten mit seinen verrückten Ideen und visionären Plänen immer wieder aufs Neue zu erweitern scheint. Als der in seiner Entdeckungsfreude gefangene Wissenschaftler Marty voller Stolz das von ihm entwickelte Konzept einer jegliche Grenzen des Raum-Zeit-Kontinuums überwindenden Zeitmaschine präsentiert, ist die Neugier des stürmischen Teenagers natürlich sofort geweckt. Einfach so durch die Zeit jetten und andere Jahrzehnte besuchen zu können, das klingt verlockend. Zumindest bis zu jenem Moment, in dem die in Doc Browns DeLorean verbaute Zeitmaschine den völlig überrumpelten Marty unfreiwillig in das Jahr 1955 katapultiert - ohne Vorwarnung, ohne Plan und vor allem ohne die fachkundige Begleitung des Doktors, der schwer verletzt in der 30 Jahre entfernten Zukunft feststeckt und auf Hilfe wartet. Verzweifelt sucht Marty nach einem Weg zurück ins Jahr 1985 und trifft dabei auf bekannte und doch zugleich völlig fremd erscheinende Gesichter, die eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft schlagen. Spätestens als Marty seine Eltern in Gestalt jugendlicher Heranwachsender gegenüberstehen, wird das Ausmaß der Katastrophe deutlich, denn mit seinem Auftauchen im Jahr 1955 droht der junge McFly die gesamte Geschichte seiner Familie durcheinanderzubringen - ein folgenschwerer Fehler, der nicht zuletzt Martys eigene Existenz bedroht. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, vor dessen Hintergrund der Protagonist nicht nur um das eheliche Glück seiner Eltern kämpfen, sondern auch seine eigene Vergangenheit und die damit verbundene Hoffnung auf eine Zukunft retten muss.
(c) Matt Crockett
Die Figur des "Marty McFly" wird von Raphael Groß mit spielerischer Hingabe wie Souveränität zum Leben erweckt und findet in der darstellerischen Nuanciertheit des jungen Künstlers seine beeindruckende Vollendung. Der Schauspieler reichert seine Charakterisierung des Protagonisten mit einer überzeugenden Mischung jugendlicher Neugier, charmanter Unbedarftheit und flüchtiger Ratlosigkeit an und kreiert so in darstellerischer Feinarbeit eine lebensnahe Interpretation eines dynamischen Charakters mit Identifikationspunkten. Besondere Strahlkraft gewinnt seine Darstellung nicht zuletzt dank der außergewöhnlichen Bühnenpräsenz, die Raphaels Auftritt über den gesamten Abend hinweg begleitet und das Publikum mit dem Protagonisten mitfiebern lässt. In spielerischer Akkuratesse legt Raphael die Figur als übermütigen, energiegeladenen Jugendlichen mit ebenso viel Energie wie Sensibilität an und mimt einen zwischen Entschlossenheit und immer wieder neu aufkeimenden Zweifeln wankenden Charakter, der das Herz am rechten Fleck trägt. Abgerundet wird die Darbietung spielerischer Qualitäten von einer rundum herausragenden gesanglichen Leistung, die das warme Timbre des Sängers ausgezeichnet in Szene setzt. Schwung- wie klangvoll intoniert Raphael die ihm zugedachten Songs mit einer ordentlichen Portion Verve und verleiht den Songs einen kernigen Klang sowie eine rockige Note.
Marko Formanek begeistert das Publikum an diesem Nachmittag mit seiner glanzvollen Premiere in der Rolle des exzentrischen "Dr. Emmett Brown", den der Künstler in seiner spielerischen Raffinesse meisterhaft zum Leben erweckt. Mit der nötigen Mischung aus Witz, Lebendigkeit und Spielfreude konturiert der Darsteller die Figur des schrägen, eigenbrödlerischen Wissenschaftlers, der in seiner kleinen, eigens eingerichteten Werkstatt an der Verwirklichung seiner Forschungsträume arbeitet und unermüdlich neue Ideen austüfftelt. Marko Formanek verkörpert die Rolle mit einer gelungenen Balance von künstlerischer Leichtigkeit und spielerischer Präzision und manövriert seine Darbietung dabei geschickt durch all die humoristischen Pointen und Spitzen, die die Dialoge des Protagonisten offerieren. Dank seines schauspielerischen Feingeists gelingt es dem Künstler scheinbar mühelos, die Skurrilität und Exzentrik des zerstreuten Wissenschaftlers herauszustellen und den von der Figurenzeichnung geforderten Humor zu bedienen, welchen der Darsteller insbesondere in seiner ausdrucksstarken Mimik wie Gestik offenzulegen weiß. Damit verbunden nutzt Marko zudem die Intonation als zentrale spielerische Dimension und akzentuiert in seiner ausgefeilten stimmlichen Darbietung ausgewählte Passagen, die das komödiantisch unterlegte Bild des Charakters mit unterschiedlichen Farben ausfüllen. Doch ebenso wie es dem Schauspieler gelingt, den Witz der stark überzeichneten Figur zu unterstreichen, findet auch der ehrliche, emotionale Kern der Rolle in seiner Darstellung entsprechenden Raum, die die über weite Strecken als personifizierte Hyperbel angelegte Charakterisierung des Charakters mit feinfühligen, verletzlichen Momenten konfrontiert. Dabei unterstreicht der Künstler die Sensibilität eines von der Wissenschaft faszinierten Mannes, der seine Selbstzweifel und die unter der Oberfläche schlummernde Einsamkeit mit einer gehörigen Portion Begeisterungsfähigkeit zu bekämpfen versucht und dabei doch immer wieder an die Fragilität seiner Träume erinnert wird. Insbesondere in der Darbietung des Titels "Ein Hoch auf alle Träumer" beweist der Künstler dabei sein großes Feingefühl für den verborgenen Kern der Figur und verleiht der musikalischen Nummer eine narrative Tiefe.
(c) Matt Crockett
Sandra Leitner erobert die Herzen der Zuschauer mit ihrer hingebungsvoll ausgestalteten Zeichnung der "Lorraine Baines", die dank der schauspielerischen Qualitäten der Künstlerin schnell an farblichen Nuancen gewinnt und die Wandlungsfähigkeit der Darstellerin ins Scheinwerferlicht rückt. Präsentiert Sandra die Figur zu Beginn der Vorstellung noch als desillusionierte, abgestumpfte Frau, die sich von ihrem Mann über die Jahre hinweg entfernt hat und mit strengem Regiment und trockenem Humor über die häusliche Ordnung wacht, tauscht die Schauspielerin die figurale Ernüchterung im Laufe der Vorstellung gegen eine jugendliche Leichtigkeit ein, die angesichts der jüngeren Version Lorraines im Rahmen einer Reise in das Jahr 1955 an Kontur gewinnt. Phänomenal verkörpert Sandra eine leidenschaftliche, unbedarfte Figur, die mit ihrer Attraktivität und ihrer Ausstrahlung so manchem Jungen an der Schule den Kopf verdreht und zugleich doch nur Augen für den überraschend auftauchenden Marty und sein unübersehbares Charisma hat. Erfrischend spritzig mimt die Darstellerin das junge Mädchen, das sich mit verzückt schmachtendem Blick in ihren Tagträumereien über eine gemeinsame Zukunft mit ihrem Schwarm verliert und dabei so manches Mal von der Energie ihrer auflodernden Gefühle des ersten Verliebtseins überrannt wird. Ihre spielerische Agilität weiß Sandra mit einer erstklassigen stimmlichen Darbietung zu kombinieren, im Rahmen derer ihre gesangliche Souveränität leichtfüßig ammutende Vertonungen der musikalischen Nummern sowie klangvolle Arrangements von stimmlicher Brillanz ermöglicht.
Terence van der Loo überzeugt über den gesamten Abend hinweg mit seiner ausgefeilten Interpretation des "George McFly", die die komödiantischen Spitzen des Charakters hervorragend ausspielt. Mit sichtlicher Freude für das Wirken auf der Bühne erweckt der Darsteller die gehemmte, ja manchmal schon sehr steif und verklemmt anmutende Figur zum Leben und überzeichnet die Rolle mit seiner spielerischen Finesse. Der Künstler begeistert die Theaterbesucher mit einem selbstironischen Spiel, das sein Verständnis für komödiantische Pointen offenbart und die Not des verschüchterten Mannes zu unterstreichen weiß, der seine Aufregung kaum unter Kontrolle bekommt, sodass bereits kurze Konversationen zu einer überwältigenden Herausforderung für den scheuen Mann werden. Unter Rückgriff auf ein Fundament handwerklicher Sicherheit setzt er seine Gestik gekonnt in Szene, um einen ganz individuellen figuralen Habitus zu kreieren, der in erster Linie in statisch wirkenden, unbeholfenen Bewegungen an Transparenz gewinnt. Exzellent füllt Terence die auf Situationskomik vertrauende Figurenzeichnung aus, welche sich dabei unverkennbar einem slapstickartigen Humor bedient, und verdeckt dabei mit seiner komödiantischen Rollengestaltung doch nicht die ernste Thematik des Außenseitertums in einer Welt der Selbstvermarktung. Der Darsteller beweist in seinem ideenreichen Spiel das nötige Fingerspitzengefühl, dessen es bedarf, um die Geschichte der introvertierten Figur mit geringem Selbstwertgefühl erzählen zu können.
Die Rolle des vermeintlichen Antagonisten "Biff Tannen", der so ziemlich jedes Klischee des selbstverliebten, rücksichtslos agierenden Anführers einer gefürchteten Schulgang erfüllt, verkörperte an diesem Nachmittag Eiko Keller, dem die Darstellung des rüpelhaften Fieslings dank seiner ausgeprägten spielerischen Fähigkeiten hervorragend gelingt. Der Schauspieler reichert die Rolle mit der nötigen Portion Arroganz und Einfältigkeit an und kreiert so einen abstoßenden Charakter, der Mitschüler schikaniert, mit innerer Genugtuung drangsaliert und seine aus der Rückdeckung seiner Mitläufer extrahierte Überlegenheit auf den Schulfluren gnadenlos ausspielt. Der Schauspieler gibt sich für die Dauer der Vorstellung vollkommen den degoutanten Verhaltensweisen des Charakters hin und füllt die Rolle mit merklicher Spielfreude aus. Besonders überzeugend gestaltet sich hierbei die humoristische Einbettung skurriler Wortneuschöpfungen und Buchstabenverdreher, die die Stumpfsinnigkeit des Charakters herausstellen. Trotz der Plakativität der Antagonistenzeichnung weiß Eiko auch die gut hinter den coolen Sprüchen verborgene innere Unsicherheit Biffs hervorblitzen zu lassen und so den Blick des Zuschauers für die figuralen Hintergründe zu schärfen.
Als ein absoluter Publikumsliebling präsentiert sich an diesem Nachmittag ohne Frage Hope Maine, der mit seiner erstklassigen Darstellung des "Goldie Wilson" die Herzen der Zuschauer in Windeseile erobert und voller Esprit über die Bühne wirbelt. Temperamentvoll wie charismatisch mimt der Künstler den warmherzigen Charakter, der beinahe sprichwortgetreu den Weg vom Tellerwäscher zum Millionär geht und unermüdlich sowie mit großem Vertrauen in seine eigene Kraft für die ihn anspornenden Träume kämpft. Der Darsteller verleiht der Figur mit seinem ausgeprägten schauspielerischen Feinsinn eine sehr authentische, nahbare Note und kreiert eine starke figurale Persönlichkeit mit sonnigem Gemüt. Ebenso brillant gestaltet sich Hopes zweiter figuraler Part, im Rahmen dessen er in die Rolle des Musikers "Marvin Berrey" schlüpft und nicht nur den fiktiven Ball mit seiner stimmlichen Fulminanz zum Kochen bringt. Mit warmem Timbre und souligem Stimmcharakter erzeugt der Sänger so manchen musikalischen Höhepunkt, der von den Zuschauern zurecht mit tosendem Applaus sowie staunenden Gesichtsausdrücken belohnt wird.
(c) Matt Crockett
Die gesamte Cast präsentiert eine fabelhafte Leistung, die nur dank des herausragenden Zusammenspiels eines harmonischen Ensembles möglich ist. Mit spielerischer Leichtigkeit sowie schwungvoller Präzision nehmen die Künstlerinnen und Künstler die Bühne des Operettenhauses für sich ein und verleihen unzähligen Rollen einen eigenen Charakter. Besonders sticht dabei beispielsweise Sonya Lachmann mit ihrer gefühlvollen Interpretation der frisch verliebten "Jennifer Parker" heraus, welche Marty stets in seinen Wünschen unterstützt und ihm den nötigen Mut für die Umsetzung zunächst illusorisch erscheinender Fantasien schenkt. Weiterhin bleibt die hingebungsvolle Darbietung von Grace Simmons im Kopf, die an diesem Nachmittag ihre Premiere als "Clocktower Woman" feierte und dabei mit kleinen Kniffs ein großes Verständnis für subtil eingestreuten Humor bewies. Siegmar Tonk überzeugt mit seinem ausdrucksstarken Spiel in der Rolle des strengen "Mr. Strickland" und zeichnet in darstellerischer Präzision eine herrische Figur, die Mitmenschen stets mit einem fordernden Ton sowie destruktiven Anmerkungen begegnet. Die Auftritte des Ensembles strotzen vor Energie und Lebendigkeit und vermögen es so, dieses Stück in seiner bestechenden Dynamik zu tragen.
Inszenatorisch setzt die Produktion auf eine klar an der Filmvorlage ausgerichtete Linie, die die komödiantisch aufgeladenen Dialoge sowie das hohe Erzähltempo in den Mittelpunkt rückt und mittels kleiner Anpassungen die Geschichte beinahe originalgetreu auf die Bühne bringt.
Vor allem die erste Hälfte lebt hauptsächlich von einem stark überzeichneten Humor, der jedoch im zweiten Akt mehr Erdung erfährt und somit entsprechend auch neuen Platz für Zwischenmenschlichkeit und intime Momente gewährt. Die Produktion transportiert der Filmvorlage folgend einen amerikanischen Charme und kombiniert diesen Grundton mit einer ausgefeilten Komödiantik, die das Stück über weite Strecken beherrscht und viel Raum in den Dialogen einnimmt. Entsprechend muss das Publikum sich auf slapstickartige Tendenzen einstellen, deren Exzentrik eine gewisse Offenheit fordert, um die gewaltige Ladung an Witz und Situationskomik in ihrem durchdachten Arrangement rundum genießen zu können. Die Texte treffen dabei punktgenau den Ton der Filmvorlage und weisen eine deutliche Nähe zum Original auf, sodass sich Fans der ersten Stunde nicht nur auf ein Wiedersehen der besonderen Art mit den herrlich schrägen Charakteren freuen, sondern auch viele Erinnerungen weckende kultige Zitate erwarten dürfen.
(c) Johan Persson
Die Musik der Bühnenumsetzung bedient sich einer stimmigen Kombination aus klangvollen Pop-Songs, schwungvollen Tanznummern sowie prototypischen Klängen der 50er Jahre. Es werden bekannte und allseits geschätzte Nummern aus der filmischen Vorlage mit neuen Melodien verwoben, die sich harmonisch in das musikalische Gesamtbild einfügen und in ihrer Komposition in erster Linie den Charakter des filmischen Soundtracks unterstützen. Jedoch muss man kritisch anmerken, dass sich der künstlerische Einfallsreichtum, der diese Show auf vielen Ebenen prägt, nur partiell in der musikalischen Linie des Stücks widespiegelt. Hin und wieder fehlt es an eingängigen Arrangements, die die Produktion in als Kernelement wiederkehrenden Melodien tragen und damit einen musikalischen Wiedererkennungswert offenbaren. Die Handlung wird in erster Linie über die Dialoge und das Geschehen auf der Bühne und weniger über die musikalischen Titel erzählt. Musikalische Highlights werden vor allem über bekannte Nummern, wie beispielsweise "Power of Love" oder auch "Johnny B. Goode", gesetzt, die in ihrer exzellenten Vertonung von der Band große Begeisterung im Zuschauerraum wecken und das Grundgefühl vergangener Jahrzehnte musikalisch neu aufleben lassen. Unter der Leitung von Art Brauer spielt die Live-Band energetisch auf und reichert die jeweilige Szenerie mit einem für die jeweilige Handlungszeit typischen Klang an, der den Schwung des Rock'n'Roll ebenso wie die Kraft des filmischen Soundtracks meisterhaft herauszustellen weiß. Besondere Wucht gewinnt die Klangkulisse dank des fantastischen Sounddesigns von Gareth Owen, das den Theatersaal mit klanglicher Präsenz und Energie flutet und eine akustische Intensität forciert, die das Beben des Basses körperlich spürbar macht.
(c) Johan Persson
Eine phänomenale Plastizität gewinnt die Show insbesondere durch das liebevolle Bühnendesign Tim Hatleys, das nur so vor kreativen Ideen strotzt und das Publikum in eine Welt zwischen Realität und Illusion entführt und dabei wahrlich viel Futter für das hungrige Auge zu bieten hat. Szenenwechsel vollziehen sich wie von Zauberhand ganz flüssig auf der Bühne und offenbaren immer wieder neue Kulissenarrangements, die die Geschichte nicht nur visuell bestens einfangen, sondern in ihrer Liebe zum Detail großes Staunen im Zuschauerraum wecken. Egal, ob im Heim der Familie McFly, auf den Schulfluren zwischen Spinden und Cafeteria oder auf dem Vorplatz des Rathauses - jeder Szenerie wird hier in einer Mischung aus handwerklicher Präzision sowie kreativer Feinarbeit eine starke optische Kontur verliehen, die den Charme der Handlungszeit ausdrucksstark wie farbenfroh nachzeichnet. Ein besonderes Herzstück des Bühnenbildes stellt hierbei jedoch sicherlich die kleinteilige Komposition der optischen Umsetzung von Doc Browns vollgestopftem Forschungslabor dar, welches in seiner Visualität zwischen einer professionellen wissenschaftlichen Szenerie und einer überfüllten Werkstatt eines leidenschaftlichen Heimwerkers changiert und als Analogie für die Dualität von Genie und Wahnsinn fungiert. An allen Ecken gibt es Beweise für Doc Browns Erfindungsreichtum zu entdecken, sodass man alleine beim Anblick des liebevoll-chaotisch anmutenden Forschungslabors sogleich in den kreativen Kosmos hineingesogen wird. Unterstützt wird das eindrucksvolle Kulissenhandwerk von wohldosiert eingesetzten Videoprojektionen, die die Multidimensionalität des Bühnengeschehens zusätzlich verstärken und die wissenschaftlich-technische Ebene der Zeitreisegeschichte mit entsprechendem Videomaterial unterfüttern.
Und wessen Faszination nicht durch die alleinige Pracht des mühevoll gestalteten Bühnenbildes geweckt ist, der bekommt auf technischer Ebene noch eine besondere Portion theatraler Brillanz offeriert, die die Darbietung in ein mitreißendes, rasantes Live-Erlebnis verwandelt, das Virtualität und Realität verbindet und die Show mit Effekten ausstattet, die ihresgleichen suchen. Natürlich findet hier besonders Doc Browns DeLorean, welcher als charakteristisches Element der Bildsprache von "Zurück in die Zukunft" Kultstatus erlangte, entsprechenden Raum und entpuppt sich auf der Bühne als eine Art weitere Figur, die als Spielpartner für die Künstler dient und deren eigener Charakter nicht zuletzt in der Interaktion mit der willensstarken Karosserie transparent wird. Egal, ob das Auto rasant durch die stürmische Nacht zu rasen scheint oder wie von Geisterhand abhebt und die Insassen in eine andere Zeit katapultiert, die technische Einbindung des außergewöhnlichen Gefährts ist an Genialität kaum zu übertreffen und erschafft in Kombination mit den von Hugh Vanstone und Tim Lutkin geschickt gesetzten Lichtakzenten und -effekten ein rundum cineastisch geprägtes Theaterspektakel, das die Wand zum Zuschauerraum durchbricht und das Publikum vollumfänglich in die Zeitreise eintauchen lässt.
(c) Matt Crockett
Die Inszenierung gestaltet sich temporeich und bietet dem Zuschauer in ihrem Facettenreichtum einen kurzweiligen Theaterspaß, der mit den Grenzen des Möglichen spielt und die weltbekannte Geschichte im Lichte künstlerischer Kreativität neu anstrahlt. Über die Vorstellung hinweg wird der Zuschauer in eine Welt des Staunens hineingezogen, die sich in erster Linie vor dem Hintergrund einer einzigartigen Bühnengestaltung sowie einem brillanten Spiel mit kreativen Einfällen und effektvollen Überraschungen entfaltet. Bereits beim Betreten des Theaterfoyers, das bildgewaltig an die Szenerie im Saal angepasst worden ist, wird die Liebe zur Kreativität und zum Detail deutlich, welche in die Entstehungsgeschichte der deutschsprachigen Uraufführung geflossen ist.
Dem Kreativteam ist es gelungen, eine den Film zelebrierende und dennoch eigenständige Bühnenversion eines Klassikers zu inszenieren, die durch ihre bildgewaltige Cineastik besticht und Liebhabern der ikonischen Geschichte ein unmittelbares, alle Sinne ansprechendes Eintauchen in die Geschehnisse ermöglicht. Diese plastische, ja schon sehr filmisch anmutende Umsetzung gewinnt ihre vollumfängliche Kraft jedoch erst in der von sicherer Hand gezeichneten figuralen Ausgestaltung, deren Raffinesse sich nicht zuletzt den perfekt gecasteten Darstellerinnen und Darstellern verdankt, die über die Vorstellung hinweg leidenschaftlich aufspielen und die inszenatorische Pfiffigkeit mit Leichtigkeit auszuspielen wissen. Mit "Zurück in die Zukunft" lädt "Stage Entertainment" zu einem großen Spektakel zwischen Illusion und Wirklichkeit ein und arrangiert ein Zusammentreffen mit exzentrischen Figuren, an deren Seite die Reise durch Zeit und Raum zu einem grenzenlosen Abenteuer wird.
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