Zwischen beeindruckender Opulenz und tiefer Intimität - "Rocky", ein künstlerisches Credo für die Stärke des Herzens

Was ist es eigentlich, das uns Theaterliebhaberinnen und -liebhaber so sehr fasziniert? Welche Magie weht durch den Zuschauerraum, die uns immer wieder aufs Neue zum Ort treibt, an dem sich allabendlich die Fäden von Illusion und Realität so kunstvoll verweben? Sicherlich begeistern große Showeinlagen. Ohne Frage steigern ein aufwändig gestaltetes Bühnenbild sowie schillernde Kostüme die Attraktivität eines Theatererlebnisses und natürlich kann gut und gerne einmal der Mund im Angesicht opulenter Inszenierungen offenstehen. Doch letztlich suchen wir doch im Theater immer irgendwie uns selbst. Wir suchen nach Momenten, die uns Frieden mit unserer Vergangenheit finden lassen und in uns Zuversicht für einen neugierigen Schritt Richtung Zukunft wecken. Kurz gesagt, wir suchen nach uns und stellen uns dabei einem Blick in den Spiegel der Menschlichkeit, der weder vor Verletzlichkeit noch vor Intimität zurückschreckt. Theater berührt uns über die Grenzen des Künstlerischen hinaus, wenn es die Wahrhaftigkeit des Menschlichen in den Mittelpunkt stellt und uns mit jener Unsicherheit, Rastlosigkeit oder Fraglichkeit konfrontiert, die unweigerlich zum Leben dazugehört. 
In Tecklenburg erobert in diesem Sommer ein Stück die Bretter der Freilichtbühne, das es wie keine andere Produktion versteht, das Publikum mit Figuren bekannt zu machen, die sich in ihrer Aufrichtigkeit zu wahren Freunden entwickeln und nur deshalb so gut als figurale Vorbilder fungieren, weil sie so viele menschliche Schwächen und Narben in sich tragen. In diesem Theatersommer kehrt mit "Rocky" endlich ein großartiges Werk der Bühnenkunst zurück, das bereits über mehrere Jahre hinweg zahlreiche Zuschauerinnen und Zuschauer im Hamburger Norden begeistern und anschließend ebenso das von der Intensität der Geschichte gebannte Publikum im Stuttgarter Palladium Theater mitreißen konnte. In diesem Jahr feiert die Show nicht nur ihre Rückkehr auf die Bühne, nein, sie erfährt zugleich eine Weiterentwicklung im Sinne einer neuen inszenatorischen Ausrichtung, die nach einer Anpassung an die Gegebenheiten des Freilichttheaters verlangt. In künstlerischer Ehrlichkeit erzählt das Musical davon, dass ohne Angst kein Mut entstehen kann, und entführt dabei auf eine Reise voller Menschlichkeit und Lebendigkeit, deren Kämpfe oftmals auch abseits des Rings ausgefochten werden müssen.

                   (c) Daniel Lagerpusch

Die Show erzählt eine bewegende Geschichte rund um den Glauben an die eigenen Träume, die Kraft des Vertrauens sowie die Leichtigkeit des persönlichen Gepäcks in der Erfahrung menschlicher Nähe. In der Entfaltung der Handlung orientiert sich die Bühnenadaption an der weltbekannten Filmvorlage aus dem Jahre 1976 und lässt damit eine Story lebendig werden, die auf so vielen Ebenen zu begeistern und berühren vermag.
Rocky Balboa träumt schon lange vergeblich von der großen Boxkarriere, doch die sporadischen Kämpfe in dubiosen Kellerräumen reichen kaum, um die Kosten für seinen Lebensunterhalt zu decken, geschweige denn, um der Leidenschaft für den Boxsport und der damit einhergehenden Vision vom ganz großen Kampf gerecht zu werden. So muss der erfolglose Amateurboxer sich unfreiwillig als Schuldeneintreiber für den zwielichtigen "Mr. Gazzo" verdingen und seine Miete auf fragwürdigem Wege zusammenkratzen.
Und nicht nur beruflich läuft es für Rocky nicht gerade rund, auch seine mehr oder minder heimliche Schwärmerei für die introvertierte Adrian, mit der er früher gemeinsam die Schulbank gedrückt hat, verläuft angesichts der zurückgezogenen Art der jungen Frau im Sande. Doch Rocky denkt gar nicht daran, seine Bemühungen einfach aufzugeben: Tag für Tag steht er bei seiner großen Liebe in der Tierhandlung und gibt sich größte Mühe, der schüchternen Frau mit seinen unbeholfen vorgetragenen Witzen ein Lächeln abzuringen. 
Doch eingeengt von der ausweglosen sportlichen Situation sowie der fehlenden menschlichen Nähe erreicht Rocky plötzlich ein Angebot, das seine gesamte Welt auf den Kopf stellen soll. Apollo Creed, der amtierende Weltmeister, sucht einen Gegener für den Kampf des Jahrhunderts und er verlangt hierfür niemand anderen als den sportlich bislang erfolglosen Rocky. Angezogen von Rockys Kampfnamen "The Italian Stallion" ist der unbesiegte Creed nicht mehr von der Idee abzubringen, sich einen titelträchtigen Kampf gegen den Underdog aus Philadelphia zu liefern und das Duell zu Vorteil seiner medialen Inszenierung zu nutzen. Rocky erkennt schnell, wie aussichtslos der Kampf gegen den Boxchampion erscheint, schließlich hat es bislang kein Profi geschafft, Apollo Creed auf die Bretter zu schicken. Doch angetrieben von dem Wunsch, sich selbst etwas zu beweisen und aus seinem eigenen Schatten des erfolglosen Amateurs herauszutreten, nimmt Rocky die Herausforderung an, welche nicht nur seinen Kampfgeist unter all den Narben der Vergangenheit neu entfachen, sondern ihn zugleich den unschätzbaren Wert von Freundschaft, Liebe und Vertrauen entdecken lassen soll.

                    (c) Daniel Lagerpusch

Lucas Baier vollbringt mit seiner Darstellung des "Rocky Balboa" über den Abend hinweg eine wahre Glanzleistung, die ihre enorme Strahlkraft aus einer beeindruckenden Symbiose von präziser Intonation und hingebungsvollem Spiel speist und in ihrer künstlerischen Klasse ihresgleichen sucht. Spielfreudig wie dynamisch mimt der Darsteller die Figur eines erfolglosen Amateurboxers, der im Angesicht des fehlenden Auswegs aus seinem täglichen Hamsterrad keine großen Erwartungen an das Leben stellt und dabei doch niemals den Glauben an seinen Traum verliert. Getragen von einer inneren Verbindung zu seinem Idol und Namensvetter "Rocky Marciano" schlägt sich der junge Mann im wahrsten Sinne des Wortes durch das Leben und bewahrt sich dabei doch stets seine Warmherzigkeit, die ihn fühlen, hoffen und verzeihen lässt. Lucas koloriert in spielerischer Finesse einen gestandenen Mann mit kindlichem Charakter, der in seinem Handeln gleichermaßen unbeholfen wie gutmütig erscheint und das Herz am rechten Fleck trägt. Die Figurengestaltung weist dabei eine herrliche Melange aus bemühter Lässigkeit, die Rocky in seinen verzweifelten Versuchen, auf Situationen zu reagieren, beinahe schon ein wenig tapsig und ungelenk anmuten lässt, charmanter Arglosigkeit und reinem Mitgefühl auf. Lucas gelingt es bravourös, seiner Interpretation des in aller Willenskraft und Unerschütterlichkeit als Vorbild fungierenden Protagonisten eine über die Grenzen der Fiktionalität hinausreichende Nahbarkeit zu verleihen, die es dem Publikum leichtmacht, den Charakter in Windeseile ins Herz zu schließen und seine verzweifelten Versuche, Adrians Zuneigung zu gewinnen, ebenso hoffnungsvoll zu verfolgen, wie seinen großen Kampf gegen den amtierenden Weltmeister. Mit der nötigen Portion Humoristik spielt der Künstler die figurale Situationskomik pointiert aus, sodass sich sogleich ein Schmunzeln auf die Lippen der Zuschauer schleicht, und kombiniert seinen vollkommen natürlichen daherkommenden Witz und Charme auf der Bühne mit einer bemerkenswerten Sensibilität, die es dem Darsteller ermöglicht, tief in das Innenleben des von großen Wünschen getragenen Charakters einzutauchen. Dabei verleiht Lucas seiner Darbietung eine besondere Authentizität durch sein körperbetontes Spiel, das die Zeichnung eines individuellen figuralen Habitus fördert und sowohl Rockys Körperlichkeit im Ring als auch die aus den ständigen Kämpfen entspringenden gesundheitlichen Folgen für das alltägliche Leben offenbart. 
Abgerundet wird die Darbietung von einer außergewöhnlichen stimmlichen Qualität, die ihre unverwechselbare Kraft aus einer eindrucksvollen tonalen Range sowie einer klanglichen Wucht speist. Leichtfüßig vermag es der Künstler, zwischen den Registern zu wechseln und das für seine Stimme charakterische warme Timbre mit einem punktuell gesetzten Vibrato zu vereinen und in jedem Lied seine stimmliche Stärke zu beweisen.

Besondere Spuren in den Herzen der Zuschauer hinterlässt sicherlich die starke Darbietung von Celena Pieper, die mit ihrer Interpretation der "Adrian Pennino" ein unglaubliches Feingefühl für Ängste, Zweifel und verborgenen Sehnsüchte eines fragilen Charakters beweist. Empfänglich für die leisen Tönen einer unsicheren, introvertierten Figur, die stets nach dem Schutz des Verborgenen und der Sicherheit des Vertrauten sucht, spürt die Darstellerin über den Abend hinweg den unterschiedlichen Regungen des vom Leben gezeichneten Charakters nach und vereint in ihrem Spiel die äußerlich sichtbare Zurückhaltung mit dem im Inneren tosenden Sturm der Gefühle. 
Besondere Plastizität gewinnt die Figurenzeichnung vor dem Hintergrund der herausragenden Balance von handwerklicher Versiertheit und emotionaler Intelligenz, dank derer es Celena brillant gelingt, die unterschiedlichen Nuancen der sich über die Vorstellung hinweg entwickelnden Figur hervorzukitzeln. Ausdrucksstark legt die Künstlerin die charakterliche Wandlung an, im Rahmen derer Adrian sich Schritt für Schritt aus ihrem Schneckenhaus der selbst auferlegten Einsamkeit wagt und bildlich gesprochen die Fühler nach dem Licht der Begegnung ausstreckt. Die natürliche Lebendigkeit der Darbietung zeugt von einer enormen Feinsinnigkeit, dank derer die Künstlerin die Figur in all ihrer Vielschichtigkeit durchdringt, Handlungen und Intentionen hinterfragt und den Charakter zart an die Hand nimmt und zu innerer Stärke führt. Die Schauspielerin setzt die Ebenen von Mimik und Gestik dabei ausgezeichnet ein, um die Entwicklung der Protagonistin in einer individuellen Körperlichkeit abzubilden, vor deren Hintergrund sich scheue Blicke und eine gebückte Haltung zunehmend in einen geraden Stand sowie einen entschlossenen Gesichtsausdruck wandeln. 
Ihre Vollendung findet die grandiose Darstellung in einer fulminanten gesanglichen Darbietung, die ebenfalls als Projektionsfläche der figuralen Entwicklung fungiert und von der Kraft einer hervorragenden Technik lebt, welche die Stimme in voller Pracht erstrahlen lässt. Von sanften Tönen, die die innere Unsicherheit und Verzweiflung der Figur punktgenau tragen, bis hin zum kraftvoll geschmetterten Belt, der den Höhepunkt des charakterlichen Ausbruchs aus den eigenen Fesseln markiert - die Sängern vermag es bravourös, ihre gesangliche Variabilität zugunsten der Figurengestaltung zu präsentieren und dabei die Songs in ihrer textlichen Rahmung als narratives Mittel der Dramaturgie einzusetzen. 

                   (c) Daniel Lagerpusch

Gefangen von einer solch kraftvollen Show ist die Chance, dass es bei einem einzelnen Besuch bleibt, natürlich sehr gering, und so kommt man an einem weiteren Theaterabend in den Genuss, eine weitere starke Frau an der Spitze der Produktion zu erleben. Lisa Kolada vermag es, bei ihrer Premiere in der Hauptrolle der "Adrian" mit einer gelungenen Mischung aus spielerischer Pointiertheit und künstlerischer Leichtigkeit aufzuwarten und so in darstellerischer Volltrefflichkeit eine charakterstarke Interpretation der Figur zu zaubern, die eine individuelle Handschrift trägt. Mit einem geübten wie scharfsinnigen Blick für die figuralen Emotionen und Bedürfnisse haucht die Darstellerin der scheuen Frauenfigur über die Vorstellung hinweg Leben ein und zeichnet einen rundum glaubwürdigen Entwicklungsbogen, welcher Adrian mit ihren eigenen Stärken bekannt macht und ihre Seele für das Vertrauen in eine menschliche Verbundenheit ohne Verletzungen und Gewalt öffnet. Einfühlsam legt Lisa das Innenleben der zunächst doch so verschlossenen Frau in einem ausdrucksstarken Spiel offen, macht die große Unsicherheit der nachdenklichen Figur in einer ergreifend ehrlichen Rollengestaltung deutlich und kreiert so einen liebenswerten Charakter, dessen innere Schönheit das Publikum lange vor Adrian selbst erkennt. Dabei versprüht Lisa den gesamten Abend über eine faszinierende spielerische Freude, die ihr eine künstlerische Lebendigkeit verleiht und das Publikum dazu einlädt, ihre Darstellung gebannt aufzusaugen und ihrer sonnigen Ausstrahlung unablässig mit Augen und Herz zu folgen.
In ihrer darstellerischen Hingabe gelingt es der Künstlerin gleichsam, musikalisch aus den Vollen zu schöpfen und ihre klanglichen Qualitäten zugunsten Gänsehautmomente heraufbeschwörender Gesangsarrangements herauszustellen. In den stark vorgetragenen Soli entfaltet sich ihre klare Stimme ebenso eindrucksvoll wie in den pfiffig dargebotenen Duetten mit Bühnenpartner Lucas Baier, wobei insbesondere die von purer Warmherzigkeit und Zuneigung erfüllte Nummer "Wahres Glück" die Symbiose beider Stimmen perfekt betont.

Nicht minder eindrücklich gestaltet sich die künstlerische Darbietung von Vic Anthony, der in der Rolle des ungeschlagenen Boxchampions "Apollo Creed" mittels herausragendem und sehr charismatischem Spiel sowie stimmlicher Fulminanz über den gesamten Abend hinweg zu begeistern weiß. In darstellerischer Akkuratesse und mit der nötigen Portion Verve mimt der Schauspieler Rockys Kontrahenten authentisch wie ausdrucksstark und zeichnet dabei in künstlerischer Feinarbeit die Konturen eines von sich und seiner scheinbaren Unbesiegbarkeit überzeugten, verbissen kämpfenden und ehrgeizigen Mannes nach, der stets nach dem großen Triumph strebt und für den Verlieren niemals eine Option ist. In spielerischer Exzentrik entfaltet der Künstler die schillernde Persönlichkeit eines Charakters, der scharfsinnig mit Presse und Fans im Sinne einer glanzvollen Außenwirkung spielt und über seine sportliche Biographie hinweg eine unantastbare Überzeugungskraft mit Blick auf sein kämpferisches Ausnahmetalent entwickelt hat. Vic taucht mit seinem gesamten Körper in die exaltierte Figur ein, jongliert geschickt mit den charakterlichen Spitzen des die Aufmerksamkeit liebenden Mannes und verleiht der Darbietung in aller künstlerischen Exzellenz dabei die nötige figural angelegte Präsenz. 
Auch gesanglich brilliert Vic mit einem erstklassigen Auftritt, der punktgenaue Intonation mit musikalischer Vitalität vereint und der Figur somit ebenso auf musikalischer Ebene ein leidenschaftliches Temperament verleiht. In großen Nummern, wie "Patriotisch" und "Unbesiegter Mann", nutzt der Darsteller gekonnt den Showcharakter, um die Exzentrik des Champions zu inszenieren, und zündet dabei stimmlich ein Feuerwerk, das seinesgleichen sucht.

                   (c) Daniel Lagerpusch

Weiterhin begeistert Esther-Larissa Lach mit ihrer hingebungsvollen Verkörperung der "Gloria", deren Genialität in einer spielerischen Finesse begründet liegt. Schwungvoll wie energiegeladen wirbelt die Künstlerin über die Bretter, die die Welt bedeuten, und verleiht ihrem Auftritt in aller spielerischen Agilität eine Dynamik, die die Figur immer wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Besonders im Kontrast zur verschlossenen Adrian verlangt die Rolle nach einem expressiven Auftreten, dessen Leichtigkeit die Künstlerin hervorragend ausschöpft, um der Figur eine quirlige und dabei zugleich ein wenig bissige Note zu verleihen. Phänomenal koloriert die Darstellerin einen realitätsnahen Charakter, der mit seiner vorlauten Art und den zynisch angehauchten Kommentaren so manches Mal aneckt und dabei doch das Herz am rechten Fleck trägt. Gloria ist eine gestandene und selbstbewusste Frau, die nicht davor zurückschreckt, ihre Meinung lautstark kundzutun und gegen Ungerechtigkeiten voller Vehemenz und gleichzeitiger Warmherzigkeit einzutreten. Der Schauspielerin gelingt es dank ihres differenzierten Blicks für die unterschiedlichen Farben des Charakters meisterhaft, sowohl eben jene figurale Herzlichkeit als auch die für Gloria so charakteristische Bestimmtheit in einer pointierten Darbietung herauszustellen und dabei die Möglichkeiten kleiner Spitzen der Charakterzeichnung im Sinne einer fein dosierten spielerischen Komödiantik auszuschöpfen. Insbesondere das gut abgestimmte Zusammenspiel mit Bühnenpartner Gerben Grimmius stellt dabei eine zentrale Säule einer humoristisch aufgeladenen Figureninterpretation dar. Abgerundet wird der überzeugende Auftritt von einer gesanglichen Klasse, die es der Künstlerin erlaubt, die ihr zugedachten Songs mit scheinbarer Leichtigkeit in den großräumigen Zuschauerraum zu schmettern und dabei den Schwung der musikalischen Arrangements stimmstark zu unterstreichen. Mit einer wohldosierten Portion Twang sowie der nötigen klanglichen Wucht kleidet Esther die Songs in ein opulentes musikalisches Gewand und beweist eine eindrucksvolle stimmliche Strahlkraft. 

An ihrer Seite überzeugt Gerben Grimmius mit seiner ausgefeilten Interpretation des grobschlächtig gezeichneten Schlachters "Paulie", der - gezeichnet vom Leben und der familiären Vergangenheit - zunehmend zur Flasche greift, um seinen Kummer in Alkohol zu ertränken und dabei immer mehr den Blick für die Bedürfnisse seiner Schwester Adrian sowie seiner Partnerin Gloria verliert. Laut, impulsiv und mit einer immer wieder entflammenden Wut poltert der Mann durch das Leben und gerät dabei in einen Teufelskreislauf der Einsamkeit, den er mit zunehmender Kontrollsucht zu bekämpfen versucht. Dem Darsteller gelingt es bravourös, die mangelnde Selbstbeherrschung des Charakters ebenso wie seine unter der rauen Schale verborgene Verletzlichkeit transparent zu machen. In spielerischer Vortrefflichkeit reichert Gerben seine Darstellung des innerlich gebrochenen Paulies mit einer beeindruckenden Authentizität an und kreiert eine in aller Glaubwürdigkeit erschütternde Interpretation des aufbrausenden Mannes, der seine Selbstkontrolle zunehmend an den Alkohol verliert und an der durch seine stetigen Wutausbrüche heraufbeschworene Isolation zu zerbrechen droht. Ein unsicherer Gang, ein leerer Blick und fahrige Bewegungen - der Künstler weiß die Figur in ihrer von der Sucht gezeichneten Körperlichkeit bis ins Detail auszugestalten und die Physis des Charakters in ein Spiegelbild der inneren Hilflosigkeit zu verwandeln. 

                   (c) Daniel Lagerpusch

Besonderen Eindruck hinterlässt ohne Frage die vor Authentizität sprühende Darbietung von Benjamin Eberling, der mit seiner erstklassigen Darstellung des betagten Trainers und ehemaligen Boxers "Mickey Goldmill" zu begeistern vermag. In künstlerischer Feinarbeit und mit der nötigen Portion Sensibilität für die verborgenen Sehnsüchte des Charakters kreiert der Schauspieler eine außerordentlich überzeugende Interpretation jener Figur, die in ihrer klaren Bekenntnis zu inneren Überzeugungen und inkorporierten Werten klare Kante zeigt und damit so manches Mal bei ihrem Umfeld aneckt und die doch zugleich eine große Warmherzigkeit in sich trägt. In einem von Ehrlichkeit und Facettenreichtum geprägten Spiel legt der Künstler eine figurale Melange aus verbissener Sturheit und menschlicher Güte offen, vor deren Hintergrund der als weiser Mentor fungierende Trainer an charakterlicher Tiefe gewinnt. Exzellent setzt Benjamin dabei die unterschiedlichen handwerklichen Ebenen der darstellerischen Kunst ein, um seiner Figurenzeichnung an Plastizität zu verleihen. So entwickelt er vor dem Hintergrund einer gebückten Haltung sowie einer tiefen, rauen Intonation einen ganz individuellen Habitus, der die Figur geradezu aus ihrem fiktiven Rahmen befreit und sie in aller spielerischen Pointiertheit als realitätsnahen Wegbegleiter erstrahlen lässt, der nicht nur für Rocky zu einem wahren Gefährten wird, sondern zugleich auch die Herzen des Publikums in Windeseile erobert.

Das gesamte Ensemble glänzt mit einer spielfreudigen wie stimmlich starken Darbietung, die das Stück auf allen künstlerischen Ebenen bestens zu tragen vermag und die Geschichte mit einem tragfähigen Fundament unterlegt, auf deren Fuße der Zauber der Produktion erwachsen kann. Harmonisch wirken die Mitglieder des Ensembles über den gesamten Abend hinweg zusammen, füllen kleine und große Rollen hingebungsvoll aus und schöpfen dabei aus dem Vollen des Repertoires versierter Geschichtenerzähler. Besonders hervorgehoben werden muss an dieser Stelle unter anderem Jan Altenbockum, dessen Verkörperung des "Mr. Jergens" sich ausdrucksstark wie kernig gestaltet und das Publikum mit einer charismatisch umzeichneten und zugleich zielorientierten Persönlichkeit bekannt macht. Weiterhin überzeugt auch Mathias Meffert auf ganzer Linie mit seiner souveränen Darbietung in der Rolle des skrupellosen Geldhais "Gazzo", der für seinen eigenen Profit alle Hebel in Bewegung setzen würde und seine Mitmenschen entsprechend zu so mancher schmutzigen Arbeit verführt. Auch Gioia Heid und Lara Schitto stechen mit ihren dynamischen Auftritten als schwungvolles Bühnengespann heraus und verleihen der Show an der Seite von Spielpartnerin Esther-Larissa Lach eine besondere Lebendigkeit. Mit stimmlicher Energie und spielerischer Leichtigkeit wirbeln die beiden Künstlerinnen über die Bühne und mimen zwei temperamentvolle Frauen, die eine immer mitschwingende leichte Naivität mit purer Herzlichkeit verbinden und die zurückgezogene Adrian mit flotten Sprüchen und einem agilen Auftreten aus der Reserve zu locken versuchen. 

                   (c) Daniel Lagerpusch

Musikalisch wartet die Tecklenburger Inszenierung mit einer besonderen klanglichen Furiosität auf, die ihre für einen solch großen Bühnen- und Zuschauerraum erstaunliche Imposanz der Vielzahl an bewanderten Musikerinnen und Musikern verdankt. 16 Instrumentalisten bringen die von Stephen Flaherty komponierten Melodien kraftvoll zum Klingen und weben in feinsinniger Abstimmung einen satten Klangteppich, der sich gefällig über den gesamten Theaterraum legt und die gesangliche Darbietung der Darstellerinnen und Darsteller mit einer erstklassigen Akustik unterlegt. Unter der fachkundigen Leitung von Giorgio Radoja spielen die Musikerinnen und Musiker mit klanglicher Raffinesse wie schwungvoller Leichtigkeit auf und setzen die Jonglage mit Tempiwechseln und dynamischen Spitzen exzellent ein, um ein mitreißendes Hörerlebnis zu kreieren. Besonders verfängt natürlich der als eine Art Hymne für die Geschichte um Kampf und Mut geltende Erfolgshit "Eye of the Tiger", der live präsentiert die ihm musikalisch eingeschriebene Strahlkraft in ganz neuer Art und Weise entwickelt. Während die bekannten Titel, zu denen auch "Gonna fly now" zählt, vor allem der Zelebration der Geschichte sowie des großen Moments eines Underdogs dienen, fungieren die eigens für das Stück komponierten Lieder hier als musikalisches Mittel der Narration, das die Handlung trägt und die Charakterlichkeit der Figuren unterstreicht. Es werden sowohl biographische Hintergründe der Protagonisten erklärt, als auch Entwicklungsschritte der Figuren durch die Songtexte und die damit einhergehenden klanglichen Farben musikalisch verbalisiert, sodass die musikalischen Arrangements die theatrale Aufführung nicht nur begleiten, sondern sie werden regelrecht zu einem Spielpartner und Geschichtenerzähler. 
Eine musikalische Einzigartigkeit gewinnt die Tecklenburger Inszenierung ohne Frage durch die klangliche Dichte, die sich der schier erstaunlichen Größe des Chors verdankt und gerade den großen Shownummern in ihrer akustischen Opulenz einen Nährboden für Momente des puren Staunens bereitet. Kombiniert wird die musikalische Extravaganz hier mit souverän ausgeführten tänzerischen Choreografien, die eben jene großen Ensemblenummern schwungvoll wie energetisch einrahmen und der Inszenierung einen weiteren Twist verleihen, dessen es angesichts der im Stück selbst angelegten spielerischen Tiefe und der damit einhergehenden Wirkkraft jedoch fast gar nicht als zusätzliches Showelement bedarf.

                     (c) Daniel Lagerpusch

Das Bühnenbild wurde - wie in der Vergangenheit bereits immer wieder aufs Neue bei den Freilichtspielen dargeboten - hervorragend an die Größe der Bühne und und mit dem opulenten Spielraum einhergehenden Möglichkeiten der Inszenierung angepasst. Der zentrale Raum der Bühne beherbergt eine riesige Klinkerfassade, hinter der sich über zwei Ebenen verteilt verschiedene Räumlichkeiten verbergen, die durch geschicktes Öffnen der Backsteinwände freigelegt werden können. Ähnlich eines Puppenhauses lassen sich Fassaden aufklappen und Wandelemente zur Seite schieben, sodass dahinter eine mehrdimensionale Spielfläche zum Vorschein kommt, die von Rockys einfach gehaltener Junggesellenbude bis hin zum stilvoll eingerichteten Büro von Apollo und seinem Manager alle zentralen Handlungsorte umzeichnet, nach denen sich ein Liebhaber der Filmvorlage sehnt. Ergänzt wird dieses kulissentechnische Hauptelement um die auf dem seitlichen Ausläufer der Bühne platzierte Tierhandlung, in der Gloria und Adrian versuchen, Kunden mit einem großen Angebot rund um pelzige Freunde anzulocken. Vor der durch die Hausfassaden gerahmten Kulisse spielen sich alle Szenen rund um das Boxen ab, wobei sowohl Trainingssituationen als auch der große Showdown am Ende durch die geschickte Regieführung prachtvoll an Kontur gewinnen. Die hierbei fokussiert Szenerie baut sich über den Handlungsverlauf visuell kraftvoll auf, indem der Boxring zu Beginn der Show - entsprechend der Simplizität der sportlichen Location - lediglich durch Seile angedeutet wird, im weiteren Verlauf eine Hälfte eines Boxrings ins Blickfeld des genannten Zuschauers rückt und diese schließlich pünktlich zum Finale durch eine zweite Hälfte ergänzt wird. Entsprechend spielt die Inszenierung mit einem optischen Klimax, der Rockys Aufstieg im Boxgeschäft bereits auf visueller Ebene gekonnt transparent macht, sodass die Brisanz des Titelkampfes durch die gesamte auf Komparation setzende Regieführung optimal getragen wird. Die von Jens Janke erschaffene Kulisse umrahmt dabei nicht zuletzt perfekt die für die Produktion so markanten Kampfszenen, die in ihrer gewaltigen Authentizität den Klimax des Jahrhundertfights am Ende des Abends in beeindruckende Bewegungsabläufe übersetzen.
Auch in puncto Kostümen haben die Verantwortlichen mit Blick auf die Tecklenburger Inszenierung auf deutliche optische Akzente gesetzt, die den Zeitgeist visuell transportieren und die Entfaltung charakterlicher Nuancen unterstützen. Jedoch bedienen sich die Kostüme stellenweise einer starken Überzeichnung der einzelnen Figuren, sodass sich der bereits mit der Uraufführung des Stücks vertraute Zuschauer erst einmal auf eine neue visuelle Ausrichtung sowie eine damit einhergehende Plakativität einlassen muss. 

                   (c) Daniel Lagerpusch

"Rocky" erzählt eine Geschichte über den Mut, an Träumen festzuhalten, über den Willen, für die Realisierung des Unmöglichen über eigene Grenzen zu gehen, und über die Kraft, die nur die Bedingungslosigkeit zweier im gleichen Takt schlagender Herzen hervorbringen kann. Das Musical ist ein theatrales Plädoyer - ein Plädoyer für Standhaftigkeit, die im Inneren als zartes Pflänzchen erwächst und dabei zugleich doch so starke Wurzeln im Außen schlägt. Den Freilichtspielen Tecklenburg ist es auch in diesem Jahr wieder einmal rundum gelungen, ein großartiges Stück in neuem Gewand auf die Bühne zu bringen und dabei doch den bereits in vorangegangenen Inszenierungen entfalteten Zauber zu bewahren und als Grundbaustein für die Architektur eines eigenen inszenatorischen Gerüsts anzuerkennen. Egal, ob bekennender Liebhaber der Rocky-Filme oder überzeugter Boxkritiker - das Musical verbindet in seiner auf allen Ebenen fabelhaft durchdachten Ausgestaltung beeindruckende kämpferische Szenen mit menschlichen Geschichten im Gewand eines Kammertheaters, das ganz nah an die einzelnen Figuren sowie ihre Hintergrundgeschichten heranzoomt. Den kreativen Köpfen ist es in liebevoller Hingabe für den künstlerischen Entwicklungsprozess gelungen, die Intimität der Geschichte - trotz der schier unglaublichen Weite der Freilichtbühne - zu bewahren und den scheinbaren Kontrast zu der epischen Größe der triumphalen Boxszenen im Sinne einer sich aus beiden Facetten speisenden Dualität aufzulösen. 
"Fight from the heart" ist hier keine reine Zeile auf einem Textblatt, es ist ein Credo, das den Gedanken der Geschichte in den Zuschauerraum hinausträgt und die von einer Riege herausragender Künstlerinnen und Künstler heraufbeschworenen Gefühle in einem Mantra innerer Stärke versprachlicht. In Tecklenburg erlebt das Publikum in diesem Sommer eine emotionale Reise, vor deren Hintergrund plastische Boxkämpfe zu einem Spiegelbild von Leidenschaft und Selbstvertrauen werden und die Theaterbesucher einmal mehr daran erinnern, dass sich hinter dem abschreckenden Schatten des Unmöglichen der im Wort verankerte Kern des Möglichen verbirgt - manchmal bedarf es lediglich einer kleiner Erinnerung daran, welche Stärke so ein menschliches Herz eigentlich in sich tragen kann.

                   (c) Daniel Lagerpusch  

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