Von der Leidenschaft für Geschichten und der Lebendigkeit von Visionen - Im Gespräch mit Theaterliebhaber und Menschenfreund Joern Hinkel

Joern Hinkel studierte Opern- und Theaterregie an der "Bayerischen Theaterakademie August Everding". Nachfolgend führte ihn sein Weg von Film und Fernsehen über Sprechertätigkeiten hin zu zahlreichen Spielstätten, an denen er vielfältige Inszenierungen auf die Bühne brachte. Ab 2000 war der gebürtige Berliner als Assistent von Regisseur Dieter Wedel tätig und entwickelte unter anderem gemeinsam mit ihm den ZDF-Mehrteiler "Die Affäre Semmeling", den ARD-Zweiteiler "Gier" sowie den Film "Mein alter Freund Fritz" und stand dabei zudem des Öfteren selbst vor der Kamera. Auch während der "Nibelungenfestspiele" in Worms und der "Bad Hersfelder Festspiele" im hessischen Kurort arbeitete der Künstler eng mit Dieter Wedel zusammen, bevor er ab 2018 die Intendanz der Festspiele in Bad Hersfeld übernahm und dieses Amt über acht Jahre hinweg mit Herz, Kreativität und Engagement ausfüllte. Während dieser Zeit inszenierte er große Produktionen, wie beispielsweise "Notre Dame", "Der Prozess", "Der Club der toten Dichter" und "Wie im Himmel". Zudem engagierte er sich parallel dazu stetig in der Jugendarbeit und führte die junge Generation mit seinen Projekten des Vereins "Sommernachtsträumer e.V." an die Theater- und Kulturlandschaft heran. Im vergangenen Jahr erhielt der leidenschaftlich arbeitende Regisseur schließlich den "Hessischen Verdienstorden" für sein Wirken bei den Bad Hersfelder Festspielen. 
Nach jahrelanger Tätigkeit als Intendant widmet sich Joern Hinkel nun wieder seinem Fokus des kreativen Arbeitens. So brachte er in diesem Sommer den Klassiker "Die Feuerzangenbowle" in Bad Vilbel auf die Bühne und erfüllte die Burgruine entsprechend mit einer gehörigen Portion Nostalgie und Humor. 
Am Tag der letzten Vorstellung der Komödie hatte ich das Glück, mich mit dem herzlichen Künstler treffen und einige Fragen rund um seinen von zahlreichen Erfahrungen und spannenden Anekdoten geprägten Berufsweg an ihn richten zu dürfen. Entstanden ist ein facettenreiches, inhaltsstarkes und sehr sympathisches Interview, das Einblicke in die Biographie eines Mannes gewährt, der es wie kein zweiter versteht, große Emotionen und ehrliche Momente der Menschlichkeit auf die Bühne zu bringen.
In diesem Sinne: Vorhang auf und Bühne frei für Joern Hinkel...

Joern, was waren in deiner Kindheit bzw. Jugend deine ersten Berührungspunkte mit dem Theaterkosmos und was fasziniert dich bis heute am Theater?

Ich hatte verschiedene erste Berührungspunkte. Zum einen hatte mein bester Freund in der Grundschule ein Marionettentheater bei sich zu Hause und als ich in der zweiten oder dritten Klasse war, durfte ich dort manchmal mitspielen und fand das immer ganz wundervoll. Da konnte man auf kleinstem Raum in eine Fantasiewelt einsteigen. Es gab dort kleine Scheinwerfer, die Kostüme und das Bühnenbild haben mich sehr fasziniert. 
Zum anderen habe ich in der vierten Klasse die Serie "Jesus von Nazareth" im Fernsehen gesehen und dann wurde dort Jesus ans Kreuz genagelt und ich konnte anschließend nächtelang nicht schlafen. Ich fand es so schrecklich, das zu sehen und zu erleben - es ist ja auch eine schreckliche Szene. Deshalb habe ich zu meinem Bruder gesagt: "So, ich will genau das jetzt nachspielen." Ich musste das irgendwie selbst durchleiden, um es verarbeiten zu können. Er musste mich an unsere Schaukel fesseln und ich habe dann Dornenranken von den Rosen genommen und sie mir ins Haupt gedrückt, um das Ganze irgendwie zu durchleben. Indem ich es gespielt habe, habe ich es verarbeitet und danach nicht mehr schlecht geschlafen. 
Da habe ich eigentlich angefangen zu verstehen, dass man viele Ängste und Sehnsüchte anders begreifen kann, wenn man sie simuliert. Wie jedes Kind habe ich sehr viel "Vater, Mutter, Kind" oder auch "Räuber und Gendarm" gespielt und dann kamen irgendwann Kostüme dazu und schließlich wurden es ganze Geschichten, die ich mir mit Freunden gemeinsam ausgedacht und tagelang gespielt habe. 
Im Grunde mache ich jetzt nichts anderes - es ist einfach eine Simulation des Geschichten-Erlebens und ein damit verbundenes Ausprobieren, wie etwas sein könnte oder auch nicht sein sollte. Das ist die Ebene, die einen selbst betrifft. Aber ich liebe es auch, Geschichten zu sehen, die andere Menschen einem erzählen. 
Dann war ich später in der Theatergruppe auf dem Gymnasium und habe mich dort ausprobiert. Manchmal war ich sogar in zwei Theatergruppen gleichzeitig und das hat mich in der Schule immer am meisten begeistert. Außerdem hatte ein Freund eine "Super 8-Kamera", sodass wir dann auch ganz viele Drehbücher geschrieben und Filme aufgenommen haben. 

Acht Jahre lang hast du als künstlerischer Leiter die Bad Hersfelder Festspiele maßgeblich gestaltet und geprägt, nachdem du zuvor bereits als Regieassistent Theaterluft bei den Freilichtspielen schnuppern konntest. In einem früheren Interview hast du gesagt, du verlässt die Festspiele als ein anderer Mensch, als du gekommen bist. 
Welche Spuren haben die Jahre als Intendant in Bad Hersfeld hinterlassen und welche Veränderungen bzw. Entwicklungen wurden bei dir persönlich durch die Zeit dort angestoßen?

Im Amt musste ich natürlich sehr viele Entscheidungen treffen, die ich vorher immer aus der zweiten Reihe beobachten konnte. Es ist etwas komplett anderes, wenn man daneben steht und sagen kann: "Hm, ich würde das jetzt vielleicht so oder so machen, aber gut, die Entscheidung liegt ja bei einer anderen Person." Aber wenn man dann plötzlich selber entscheiden muss und für das Schicksal von knapp 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und deren Gehälter und Karrieren verantwortlich ist, ist das schon etwas anderes. Die Tatsache hat mir keine schlaflosen Nächte beschert, aber es ist wichtig, sich der Verantwortung bewusst zu sein, die Verantwortung wahrzunehmen und sie so gut wie möglich zu erfüllen. Das kannte ich vorher so nicht. Natürlich ist man auch als Regisseur in einer Führungsposition, aber man ist nicht für ein ganzes Unternehmen zuständig. Hier geht es darum, dass man weiß, ob man für eine Inszenierung 100 € oder vielleicht doch 1000 € zur Verfügung hat. Als Intendant hatte ich da noch mehr Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten und in diesem Amt habe ich so sehr viel rund um Verantwortung und Teamgeist gelernt. Ich habe gelernt, dass man auch manchmal sagen kann: "Ich weiß das jetzt nicht. Ich überlege mir das und sage es euch morgen." Man muss in der Kunst zum Glück nicht immer sofort etwas entscheiden und reagieren - das ist in der Politik manchmal doch anders. 
Ich habe in den Jahren in Bad Hersfeld gelernt, dass man auch einmal zwei, drei Tage nachdenken und mit anderen Menschen sprechen kann. Da merkt man, man ist nie ganz alleine. Man kann sich andere Meinungen anhören, sich selbst Gedanken machen und nach diesem Prozess seine Entscheidung treffen. 

Gibt es einen Moment aus deiner langjährigen Tätigkeit bei den Festspielen, der dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ganz besonders war natürlich das Coronajahr. 2020 war für alle Menschen auf der Welt ein ungewöhnliches Jahr und auch im Theater war es eine besondere Zeit. Wir hatten das große Glück in Bad Hersfeld, dass wir ja Theater unter freiem Himmel gemacht haben, sodass wir im Gegensatz zu fast allen anderen Theatern etwas auf die Beine stellen konnten. Das war toll! Wir haben einfach das ganze Programm umgeworfen, haben in dieser riesigen Ruine mit Abstand alternative Formate gefunden und mit ganz vielen kulturellen Institutionen in der gesamten Stadt zusammengearbeitet - mit den Chören, mit den Kirchen, mit dem Ausländerbeirat etc. Das war ganz großartig, weil plötzlich ein Zusammenhalt existierte, wo vorher immer Konkurrenz herrschte. Wir saßen an langen Tischen auf großen Wiesen und haben einfach alle zusammen etwas gemacht. Es war ein wunderschönes Gefühl, mit dem Publikum trotzdem in Kontakt zu bleiben und weiterhin auch ein wenig für die Künstler tun zu können. In dieser Hinsicht hat sich die Stadt ganz großartig verhalten und sich - trotz der uneindeutigen Gesetzeslage - sehr dafür eingesetzt, dass die Kulturschaffenden gut durch den Sommer gekommen sind. Das war eine wirklich schöne Erfahrung. 
Die zweite sehr spannende Erfahrung verbinde ich mit der Zeit, in der ich Kafkas "Der Prozess" inszeniert habe. Damals ist Deniz Yücel zur Premiere gekommen, der kurz zuvor über einen langen Zeitraum in der Türkei eingesperrt war und die Gründe für seine Inhaftierung nicht genau genannt bekam, und so überlappten sich die Geschichte auf der Bühne und die Realität. Es war sehr berührend, das so zu erleben und Deniz Yücel kennenzulernen.
Und natürlich war es ein ganz besonderes Erlebnis mit dem Stück "Der Club der toten Dichter", das drei Jahre lang lief. Ich habe im Vorfeld mit dem Drehbuchautor Tom Schulman oft telefoniert und dann ist er ja tatsächlich auch zu unserer Premiere angereist und hat sich das Stück angeschaut. Ich habe ihn damals aus Spaß gefragt, ob er nicht Lust hätte, in der Eröffnungsszene mitzuspielen, und dann war er so verrückt und hat das tatsächlich gemacht. Entsprechend haben wir ihn in die Maske geschickt und dort wurde dann gesagt: "So, wie sie aussehen, das geht leider in den 50er Jahren nicht. Wir müssten ihren Bart eigentlich abrasieren." Und seine Antwort war nur: "Ja, wenn ihr das machen müsst, dann macht das." Also kam er plötzlich mit einem für die Zeit typischen Oberlippenbart aus der Maske, seine Frau ist im Zuschauerraum beinahe in Ohnmacht gefallen und hat die Veränderung aber später auch für gut befunden.
Anschließend saß Tom Schulman neben mir im Zuschauerraum und ich hatte die feuchtesten Hände der Welt, weil ich Angst vor seiner Reaktion hatte. Doch es hat ihm wohl gefallen und er hat auch sofort zu mir gesagt: "Wenn du etwas brauchst, melde dich, und besuche mich gerne auch in Hollywood." Es war einfach schön, dass ich so einen menschlichen, nahbaren und unglaublich charmanten Mann kennenlernen durfte, der auch wirklich den Geist dessen verkörpert hat, was er selbst auf die Leinwand gezaubert hat. Es ist ja sehr oft so, dass man auch Künstlerinnen und Künstler kennenlernt, die sich auf der Bühne als Gutmenschen darstellen, aber im echten Leben ganz grauenhaft sind und überhaupt nicht das leben, was sie predigen. Demgegenüber war Tom Schulman eine ganz positive und tolle Erscheinung, die die Philosophie des Films gelebt hat. 

Mit deiner Inszenierung der Erfolgsgeschichte "Der Club der toten Dichter" hast du eine Schauspielproduktion geschaffen, die das Hessische Publikum rundum begeistern konnte und entsprechend mehrfach Wiederaufnahme feiern durfte. Wie ist die Idee entstanden, den weltbekannten Film auf die Bühne zu bringen und wie hat sich dabei die Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Tom Schulman konkret gestaltet?

Ich muss gestehen, dass die Idee eigentlich eine gute Freundin hatte. Sie war der Meinung, man müsse diesen Stoff unbedingt einmal in die Ruine bringen. Ich habe Kolleginnen und Kollegen entsprechend darauf angesprochen und im Zuge dessen Kontakt mit einer Kollegin aufgenommen, die sehr gut organisiert und vernetzt war, beim Film gearbeitet und selbst in den Staaten gelebt hat. Sie hat fast ein Jahr lang herumtelefoniert, da auch in Amerika niemand so genau wusste, wo die Rechte lagen. Der zuständige Produzent hat meine Kollegin im Vorzimmer eigentlich auch schon immer direkt ablehnen lassen, aber dann ist diese mit seiner Sekretärin zufällig über ein Café ins Gespräch gekommen und durch dieses private Gespräch ist es dann gelungen, zu dem Produzenten durchgestellt zu werden. Dieser hat direkt auf Tom Schulman verwiesen und durch das diplomatische Geschick einiger Menschen konnten wir dann schließlich das Gespräch mit ihm aufnehmen. Wir haben mit ihm geschrieben und telefoniert und es war ein sehr angenehmer Austausch. Ich habe ihm einige Aspekte benannt, die sich auf der Bühne so nicht umsetzen lassen, und er war immer ganz offen für Änderungen. Er hat mir sehr viel Freiheit gelassen und konstruktive Vorschläge eingebracht, sodass schließlich eine eigene Fassung entstanden ist. 

In den drei Festspielsommern, in denen das Stück auf dem Spielplan stand, war stets ein anderer Schauspieler in der Rolle des „John Keating“ zu erleben. Inwiefern haben die verschiedenen Besetzungen dieser charakterstarken Rolle unterschiedliche Farben verliehen und inwieweit lässt sich auch als Regisseur eine Figur in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Besetzungen immer wieder neu entdecken?

Das ist ja immer das Spannende am Theater, wenn man Rollen mit unterschiedlichen Darstellerinnen und Darstellern besetzt. Es war ganz bewusst meine Überlegung, dass auch das Publikum die Geschichte auf unterschiedliche Weise entdecken sollte, und ich glaube, dieser Schritt hat schließlich sehr gut funktioniert, weil jeder Darsteller seine Persönlichkeit einbringen und unterschiedliche Aspekte der Figur hervorkitzeln konnte. Während Götz Schubert einen sehr leichten, ironisch-flirrenden, etwas verspielten, verschrobenen Briten gespielt hat, hat Francis Fulton-Smith die Rolle alleine schon aufgrund seiner körperlichen Präsenz im dritten Jahr ganz anders ausgefüllt und einen sehr viel müderen, defensiveren und auch ängstlicheren "Keating" gespielt. Bereits in den ersten Proben hat er sehr klar benannt, dass er die Rolle nicht identisch zum Film anlegen möchte. Sein Vorschlag war, dass "Keating" bei der Rückkehr an die eigene Schule erst einmal Angst hat, ob er der Aufgabe überhaupt gewachsen ist. Das steht zwar im Text so nicht drin, aber ich fand das eine sehr spannende Idee. Die Figur kommt ja an eine Schule, die voller Repressalien und alter Traditionen steckt, und traut sich dort erst allmählich, sich mehr Freiheiten zu nehmen. Entsprechend fand ich die Idee des Darstellers ganz toll und habe den Weg mit ihm weiterverfolgt. 
Das Gemeine an dem Stück ist natürlich die Tatsache, dass "Keating" ja erst einmal einen durchweg positiv besetzten Helden für das Publikum darstellt, der aber im Laufe der Zeit auch eine Art Gehirnwäsche durchmacht. Durch seine Pädagogik und seinen Aufruf zur Aufruhr bewirkt er ja schließlich eine Katastrophe. Es ist ganz toll geschrieben, dass die Figur nicht nur der Held in der Geschichte ist, sondern auch zunehmend erkennen muss, was sie eigentlich dort an der Schule bewirkt - eine Erkenntnis, die die Figur innerlich zerreißt.
Irgendwie war dieser Lehrer für mich auch immer ein Vorbild beim Regieführen. Ich habe den Film gesehen, als ich 18 oder 19 Jahre alt war, und habe damals schon gedacht: "So möchte ich Regie führen. Ich möchte, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler frei sind und ihrer Fantasie freien Lauf lassen können." Das geht in der Praxis natürlich immer nur begrenzt, weil man sich ja stets in einem Kontext von Textvorlage und Organisation bewegt, aber als Jugendlicher hat mich dieser Film sehr beeindruckt. Und gerade in diesem Alter ist man auch sehr leicht verführbar. Entsprechend ist es die große Herausforderung von Lehrerinnen und Lehrern, diese Mischung aus der Befähigung zum freiheitlichen Denken und der Verantwortlichkeit für vernünftiges Handeln aufrechtzuerhalten. Das ist gar keine leichte Aufgabe. 

Mich hat in der Vergangenheit immer beeindruckt, dass deine Produktionen stets von großen Emotionen und ehrlichen menschlichen Momenten leben. Was muss ein Stoff mitbringen, um deine Begeisterung zu wecken? Welche Faktoren spielen für dich persönlich bei der Stückauswahl eine Rolle?

Gerade in der heutigen Zeit, in der so viele Gefahren, Unsicherheiten, Aggressionen und Kriege in der Welt sind, finde ich es wichtig, im Theater etwas zu machen, dass nicht nur Dystopien zeigt, sondern den Blick auch auf Utopien richtet. Dystopien sind zwar auch faszinierend, aber sie sind viel leichter umzusetzen als zu zeigen, was es für Gegenentwürfe gibt. Letzteres würde ich gerne häufiger sehen. Damit meine ich nicht, dass ich nur rosarote Stoffe einer heilen Welt sehen möchte, aber ich glaube daran, dass die Menschen eigentlich im Herzen gut sind. Ein Großteil versucht einfach, hart zu arbeiten und sein Bestes zu geben. Geschichten sind natürlich immer Ausnahmesituationen, aber wenn man sich viele Geschichten ansieht, dann hat man irgendwann das Gefühl, dass nur Psychopathen und Irre auf der Welt leben. Dabei ist das ja gar nicht die Realität. 
Ich möchte denjenigen eine Bühne geben, die lieben, arbeiten und Fantasie haben und versuchen, das Leben lebenswert zu machen. Ich möchte gerne im Theater, im Kino oder auch beim Lesen eines Buches weinen und lachen. In erster Linie möchte ich emotional berührt werden. Intellekt ist zwar auch wichtig, aber wenn es nur darum geht, kann ich auch ein Sachbuch lesen. Mir hilft es sehr, wenn ich mich selbst vergesse und einfach lachen oder weinen kann. Daher versuche ich auch bei den Proben schon mit dem Ensemble herauszuarbeiten, was die einzelnen Menschen besonders, einzigartig und liebenswert macht. Ich finde es wichtig, da auf die Details Wert zu legen, eher die Kleinigkeiten in den Blick zu nehmen. Der große Gestus kommt, wenn er notwendig ist, ganz automatisch.

Im vergangenen Festspielsommer hast du in der Produktion „Die Räuber“ selbst auf der Bühne gestanden und bist zudem auch in deiner Inszenierung der „Sommernachtsträume“ hin und wieder eingesprungen. Was bedeutet es dir, selbst auf der Bühne zu stehen und inwiefern haben diese spielerischen Erfahrungen den letzten Sommer in Bad Hersfeld noch einmal künstlerisch intensiviert?

Beides ist eigentlich durch Zufall entstanden. Beim "Sommernachtstraum" bin ich wirklich nur aufgrund von Erkrankung des Darstellers eingesprungen und das konnte ich auch nur in dieser Rolle. Ich hätte beispielsweise weder eine weibliche Rolle noch einen jugendlichen Liebhaber spielen können. Ich habe hier einfach gesehen, das ist eine Rolle, die ich irgendwie verkörpern kann. Entsprechend bin ich eingesprungen, weil es mir so einen großen Spaß macht. Es macht mir eine wahnsinnige Freude, Theater zu spielen, aber ich weiß auch genau, wann ich mich selbst besetzen kann und wann das eher nicht funktioniert. 
Bei den "Räubern" hat mich Regisseur Gil Mehmert gefragt, ob ich Lust hätte, auf der Bühne mitzuwirken. Gil kenne ich schon seit dem Studium, da wir in derselben Regieklasse waren, und ich bewundere seine Arbeit sehr. 

Die Bad Hersfelder Festspiele haben unter deiner Leitung stets eine große Vielfalt mit Blick auf das Programm aufgewiesen. Welche Bedeutung hat ein solcher Reichtum an unterschiedlichen Genres und Themen deiner Meinung nach für das Rezeptionsverhalten der Zuschauer bzw. auch für die Attraktivität eines kulturellen Angebots?

Meiner Meinung nach ist es einfach wichtig, dass man möglichst gegensätzliche Stücke zeigt. Es ist ja ein Wesen der Demokratie, dass man verschiedene Blickwinkel auf die Welt kennenlernt. Dementsprechend ist es mir wichtig, dass der Zuschauer Gelegenheit erhält, möglichst unterschiedliche Stücke sehen zu können. 
Dann nimmt natürlich auch die Frage zusätzlich Einfluss, welche Stücke mich ganz persönlich interessieren und was ich gerne auf der Bühne sehen würde. Was glaube ich, welche Stücke könnten die Menschen aktuell interessieren, weil sie Berührungspunkte mit ihrem Leben und ihrer eigenen Lebensrealität haben?

In diesem Sommer hast du mit der "Feuerzangenbowle" einen echten Klassiker auf die Bühne in Bad Vilbel gebracht. Was hat dich an der Umsetzung dieser Komödie gereizt und was hat sich dabei während des künstlerischen Gestaltungsprozesses als größte Herausforderung entpuppt? 

Die große Herausforderung besteht darin, dass natürlich fast jeder Mensch in Deutschland diesen Film kennt. Das ist ähnlich, wenn man etwa "Dinner for one" macht - jeder kann die Texte mitsprechen. Entsprechend möchte man natürlich einerseits die Erwartungen nicht enttäuschen, andererseits möchte man aber auch überraschen und neue Aspekte zeigen. Man kann solche Klassiker nicht nachspielen oder kopieren, daher haben wir irgendwann versucht, den Film zu vergessen, sodass jeder Darsteller und jede Darstellerin selbst herausfinden konnte, wie er oder sie die jeweilige Rolle spielen würde. Ich habe mich noch einmal auf den Roman besonnen, in dem Details auftauchen, die so im Film nicht zu finden sind. Die Theaterfassung aus den 80er Jahren hingegen hat - wie es zur damaligen Zeit üblich war - sehr lange Szenen und Blöcke zusammengenommen, da man damals ein Bühnenbild hatte und für den Umbau erst einmal der Vorhang fallen musste, bevor die nächste Szene kam. Heute kann man natürlich viel schneller zwischen unterschiedlichen Bildern wechseln, sodass ich für unsere Inszenierung etwas filmischer gedacht habe. Durch die schnelleren Wechsel können dann mehr Szenen auf der Bühne untergebracht werden. Zudem haben wir mehr Musik eingeflochten, was sehr viel Spaß gemacht hat. 
Es ist vor allem in der heutigen Zeit immer eine Herausforderung, das Frauen- und Männerbild zu sehen, den Umgang der Lehrer mit ihren Schülern zu beleuchten und sich zu fragen, ob man das Ganze historisch eins zu eins umsetzen möchte. Mutet man den Zuschauern zu, dabei selbst zu erkennen, dass es früher so war und sich die Zeiten geändert haben? Ich glaube, man kann dem Publikum absolut zutrauen, zu dieser Erkenntnis selbst während der Vorstellung zu gelangen und den Unterschied zwischen früher und heute wahrzunehmen. Bezüglich dieser Fragestellung gab es jedoch schon einige Diskussionen im Probenprozess. Ich bin auch niemand, der immer auf Werktreue pocht. Manchmal ist es im Gegenteil sogar besonders spannend, sich sehr von dem Werk zu entfernen und es in einen anderen Kontext zu verlagern. Doch bei diesem Stück - und übrigens auch beim "Club der toten Dichter" - funktioniert das Ganze in meinen Augen nur so. Der Club funktioniert nur im Rahmen der 50er bzw. 60er Jahre, in denen es geschlechterspezifische Internate ebenso wie Schulen gab, an denen Jungen und Mädchen gemischt vertreten waren, in denen es diese Partys mit der entsprechenden Musik gab und eine restriktive Pädagogik vorherrschend war. Und die "Feuerzangenbowle" funktioniert meines Erachtens eben auch nur Anfang des letzten Jahrhunderts. Wenn man es transportieren möchte, dann muss man den Stoff umschreiben. Dann müsste es Computer, Handy und all die technischen Fortschritte geben. Daher habe ich mich dafür entschieden, das Ganze in der Originalzeit zu belassen - mit all ihren rückschrittlichen Auffassungen, aber zugleich auch mit ihrem eigenen Charme. 
Ich fand in der Auseinandersetzung mit dem Stück die Sprache des "Professor Crey" besonders interessant. Bei den anderen Lehrern konnte ich in Film und Buch die unterschiedlichen Sprechweisen identifizieren, aber bei dieser Figur habe ich mich immer gefragt, welchen Dialekt sie eigentlich spricht. Erst durch die Recherche habe ich herausgefunden, dass die Sprache eigentlich nicht auf einen Dialekt zurückzuführen ist, sondern sie stellt eine künstliche Hochsprache unter Intellektuellen und Leuten dar, die sich für besonders gebildet gehalten halten. Wenn der Professor das "ö" so stark dehnt, dann ist das eine gespreizte Sprache, die zeigt, man ist gebildet und stammt aus einer höheren Gesellschaftsschicht. Man findet diese Hochsprache zum Beispiel auch bei den "Buddenbrooks" von Thomas Mann, wo von der "Botterbömme" die Rede ist. Auch Adolf Hitler hat zum Schluss mühsam versucht, sich diese Sprache anzueignen und gedehnter zu sprechen, weil das scheinbar damals besonders intellektuell wirkte. 
Ich wusste das vor der Auseinandersetzung mit dem Stück gar nicht und auch der Darsteller des Professors selbst musste diese Sprechweise zu Hause lange trainieren, da sie eben keinen Dialekt darstellt. Entsprechend erfordert es Übung, so zu sprechen und dabei den Eindruck zu erwecken, dass die Art des Sprechens scheinbar ganz leicht über die Lippen kommt. Am ehesten lässt sich das Ganze heute vielleicht noch mit dem "Oxford English" vergleichen, da es darum geht, sich in der Art und Weise des Sprechens unmittelbar gesellschaftlich zu positionieren.

Du hast jetzt einiges über den Entstehungsprozess und die kreative Auseinandersetzung mit dem Stoff verraten. Wie gestaltet sich denn solch ein künstlerischer Erarbeitungsprozess organisatorisch, wenn man nicht an dem Ort inszeniert, an dem man selbst lebt?

Das ist ja eigentlich der Regelfall. Es gibt einen Vorbereitungszeitraum, in dem die Regieteams zum jeweiligen Aufführungsort reisen und sich die Spielstätte ansehen. Dann bereitet man meist zu Hause das Konzept vor, trifft sich mit den Verantwortlichen von Bühnen- und Kostümbild - die Vernetzung kann heutzutage auch über das Internet erfolgen. Der eigentliche Probenprozess dauert dann in der Regel sechs bis sieben Wochen. In dieser Zeit wohnt man gemeinsam am entsprechenden Spielort und erarbeitet das Stück auf der Bühne, bevor es anschließend für mich als Regisseur wieder Richtung Heimat geht. Während der Spielzeit war ich zwischendurch immer mal wieder hier in Bad Vilbel vor Ort und habe mir einzelne Vorstellungen angesehen. Das ist aber ganz unterschiedlich. Es gibt Theatertruppen, bei denen der Regisseur jeden Tag im Theater ist und seine Kritik verteilt - das lieben die Schauspieler ja besonders. :-) Bei anderen Stücken reist der Regisseur nach dem Probenprozess ab und ward anschließend nie wieder gesehen. Das ist eine individuelle Entscheidung, die davon abhängt, was für einen selbst möglich ist und wie man es persönlich bevorzugt. 

Heute steht die Dernière der Freilichtinszenierung auf dem Programm. Welche Erinnerungen nimmst du aus den letzten Monaten mit und was hat deine Arbeit hier vor Ort rückblickend besonders geprägt? 

Ich nehme auf jeden Fall die Erfahrung mit, dass hier vor Ort ein ganz tolles Team arbeitet - auch hinter der Bühne. Die betreffenden Personen haben unter wirklich widrigen Umständen zu arbeiten, da auf die Bühne der Wasserburg lediglich ein Bühnenbild passt, sodass nach der Vorstellung immer alles abgebaut und über den Burggraben bzw. die Brücke hinausgetragen werden muss, damit für die Vorstellung am nächsten Tag alles neu vorbereitet werden kann. Die Menschen hier sind unglaublich fleißig und fantasievoll. Manche äußeren Umstände sind wirklich schwierig, aber das Team erzeugt mit vergleichsweise wenigen Leuten große Effekte, indem die Menschen sehr herzlich und fantasievoll arbeiten und immer wieder toll improvisieren. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich vier Tage vor der Premiere auf die Bühne kam und davon überzeugt war, dass wir die Umsetzung niemals rechtzeitig schaffen werden. Doch wir haben es geschafft und zwar nicht zuletzt, weil die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort wirklich sehr gute Arbeit leisten. 
Insgesamt hat mir das Stück viel Spaß gemacht. Es ist immer so schön, die Reaktionen des Publikums zu beobachten, denn ich liebe es einfach, wenn die Leute lachen. Es ist so toll, wenn man im Zuschauerraum sitzt und alle Menschen um einen herum herzlich lachen. 
Ich nehme aber auch mit, dass es im Probenzeitraum einige Diskussionen gab, die allerdings wahrscheinlich mittlerweile bei fast allen Proben auftreten. Ich finde es ja auch richtig und wichtig, dass Schauspielerinnen und Schauspieler nicht mehr einfach nur das machen, was der Regisseur ihnen sagt, sondern sie Texte und Haltungen hinterfragen. Das macht die Arbeit spannend und ist ein wichtiger Bestandteil des Entstehungsprozesses. Manchmal habe ich jedoch das Gefühl, dass die Diskussionen wichtiger sind als die Proben selbst, dass jede Handlung, die mit Körperkontakt oder sexueller Identität zu tun hat, immer weiter besprochen und am Inhalt vorbei diskutiert wird. Es macht mich manchmal schon sehr mürbe, dass beispielsweise jede Kussszene erst einmal grundsätzlich ausdiskutiert werden muss. Da geht es dann scheinbar nur noch um die Fragen: Ist das richtig? Ist das übergriffig? Warum muss man das so machen? Warum hat die Figur keine andere sexuelle Identität? Dabei stehen manche Faktoren ja einfach im Stück und müssen doch auch nicht immer grundsätzlich als Fehler gelesen werden. Die Tatsache, dass immer alles von Grund auf ausdiskutiert wird, empfinde ich da manchmal eher als ermüdend. 
Davon kann aber wohl vermutlich jeder Regisseur berichten. Mir hat beispielsweise ein Freund, der an einer Schauspielschule unterrichtet, neulich erzählt, dass eine Schülerin über ihre Eltern Klage wegen Aufforderung zu sexuellen Handlungen gegen einen Lehrer eingereicht hat, da sie an der Schauspielschule "Romeo und Julia" inszeniert haben und es dann hieß, man müsse sich entsprechend der Geschichte umarmen und küssen. Ich finde, das ist einfach absurd! Da muss man dann vielleicht manchmal auch noch einmal überlegen, welchen Beruf man ergreift. Interessanterweise hat ja zum Beispiel niemand ein Problem damit, einen Bösewicht zu spielen. Da wird dann nicht gesagt: "Ich kann das nicht machen. Ich kann keinen Mörder spielen, denn das ist ja unmoralisch." Komischerweise wird da gar nicht diskutiert, aber wenn es um den Helden im Stück geht, dann tauchen plötzlich Ideen auf, man dürfe dieses oder jenes nicht sagen. Wir hatten beispielsweise hier bei den Proben eine Diskussion über den Satz: "Die Fantasie siegt." Es gab die Auffassung, man dürfe das Wort "siegen" nicht im Kontext eines Stücks bringen, das seine Wurzeln im Dritten Reich hat. Ich persönlich finde die Verbindungen, die da hergestellt werden, einfach übertrieben. Ich bin sehr respektvoll im Umgang mit den Gefühlen aller Beteiligten, aber in solchen Punkten habe ich manchmal dann doch den Eindruck, dass es sich eher um übertriebene Gespreiztheit handelt. 

Schaut man sich das Ensemble bei deinen Produktionen an, so fällt auf, dass einige Namen in den Besetzungslisten immer wieder auftauchen. Entwickelt sich über die Jahre eine Art innere Liste, auf die man als Regisseur bei der Besetzung neuer Stücke zurückgreift? 

Nein, eine innere Liste gibt es in dem Sinne nicht, aber ich finde es immer tröstlich, wenn ein paar Menschen im Ensemble sind, die ich schon kenne und mit denen ich bereits gearbeitet habe, denn natürlich hat man immer erst einmal mit fremden Menschen zu tun, die man zunächst kennenlernen muss. Da ist es leichter, wenn auch ein paar bekannte Gesichter dabei sind. Allerdings würde ich diese auch nur besetzen, wenn sie in die Rolle passen. 
Auf der anderen Seite finde ich es genauso spannend, immer wieder mit neuen Darstellerinnen und Darstellern zu arbeiten. Es wäre für mich auch kein Problem, mit einem vollkommen neuen Ensemble zu proben. Warum nicht? Auch das macht bestimmt wahnsinnig Spaß und ist eine spannende Erfahrung. Es ist einfach insgesamt etwas beruhigender, wenn der eine oder andere Bekannte dabei ist. Ich würde nicht unbedingt sagen, dass man Angst hat, aber natürlich herrschen immer erst einmal Zweifel in Bezug auf sich selbst und die eigene Arbeit vor, wenn man irgendwo neu anfängt. Wenn dann ein paar Menschen dabei sind, von denen man weiß, wie sie ticken, ist das einfach hilfreich. 

Gehen die Beziehungen zu solchen beruflichen Wegbegleitern mit der Zeit über die professionelle Ebene hinaus?

Ja, mit ein paar Menschen, mit denen ich des Öfteren zusammenarbeiten durfte, bin ich schon auch befreundet. 

Die heutige Zeit ist von Schnelllebigkeit und Reizüberflutung in einer digitalen Welt geprägt. Wie kann es deiner Meinung nach gelingen, die jüngere Generation in solchen Zeiten für die Inhalte von Literatur und Kunst bzw. Schauspiel zu begeistern?

Vor allem durch den Modus des "Machens". Ich glaube, es ist wirklich das Allerwichtigste. Es gibt wahrscheinlich keine Wunderwaffe, aber etwas selbst zu machen hilft ungemein. Entsprechend fände ich es toll, wenn Theater an den Schulen ein Teil des Unterrichts wäre. Ich weiß nicht, ob man es vorschreiben kann, aber vielleicht könnte man - ähnlich wie an Waldorfschulen - Theaterprojekte umsetzen und diejenigen, die nicht selbst auf der Bühne stehen, übernehmen dann die Technik, gestalten das Bühnenbild etc. Ich verstehe, es gibt Menschen, für die wäre es Horror, auf der Bühne stehen zu müssen, aber vielleicht wollen genau diese Personen dann im Hintergrund den Text schreiben oder sich um das Licht kümmern. Unter sozialen Gesichtspunkten ist es einfach toll, wenn man bereits in der Schule herangeführt wird, gemeinsam ein Projekt zu stemmen, bei dem jeder andere Fähigkeiten einbringen kann. Da ist es eine tolle Möglichkeit, als Klasse oder vielleicht auch als Schule ein gemeinsames Theaterprojekt zu machen, denn meiner Meinung nach sind das eigene Tun und Ausprobieren hier wirklich wichtig und das müsste man den Menschen viel mehr ermöglichen. Aber das ist schwer, weil die Ablenkungen und Verführungen sehr groß sind. Inzwischen bin ich wirklich für eine Einschränkung der digitalen Welt für Kinder und Jugendliche, denn es ist so zerstörerisch, was dort passiert - von Depressionen über Verhaltensauffälligkeiten und sozialer Inkompetenz hin zu Selbstmord. Ich finde so schrecklich, was da unkontrolliert passiert und auf Seelen einprasselt - das ganze Mobbing, die Pornografie, diese ganze Werbung. Seien es Pädagogen oder Künstler, wir müssen da alle etwas tun, um die Menschen aktiv an Projekte zu bringen. Wir müssen mit Sport Bewegung fördern, wir müssen Kultur fördern oder die Menschen auch einfach zur Freiwilligen Feuerwehr bringen, damit sie dort aktiv werden. Es geht einfach ums Machen! Ich war selbst an keiner Waldorfschule, aber ich kenne eine Lehrerin, die dort unterrichtet, und weiß von ihr, die Kinder dort müssen einen Baum pflanzen, sie müssen ein Haus entwerfen und im Kleinen auch bauen. Da wird ein wichtiger Teil des Lebens unterrichtet, der ansonsten so gar nicht stattfinden kann. Gut, ich kann mit Zahlen nichts anfangen, aber ich verstehe auch nicht, warum ich mich jahrelang mit der 18. Ableitung der x-/y- Achse beschäftigen muss und gleichzeitig nicht in die Lage versetzt werde, eine Kuh zu melken oder einen Baum zu pflanzen oder eine Steuererklärung zu machen. Es geht so hochgradig spezialisiert zu, aber die Basis fehlt. Keiner kann mehr sprechen, die Studenten können ja keinen ganzen Satz mehr korrekt formulieren, geschweige denn sich vor eine Gruppe stellen und vier zusammenhängende Sätze sinnvoll zum Ausdruck bringen. Und das sind die entscheidenden Dinge, die man stärker in den Blick nehmen müsste. 

Du hast ja in den vergangenen Jahren immer großen Wert darauf gelegt, Kinder und Jugendliche in Theaterprojekte einzubinden und so schon früh an die Kunstform des Theaters heranzuführen. Vielleicht kannst du uns einmal ein paar beispielhafte Einblicke in diesen Teil deiner Arbeit geben. 

In Worms bei den "Nibelungenfestspielen" haben ein paar Kollegen die "Nibelungenhorde" gegründet, das heißt, wir haben ganz früh schon mit Kindern und Jugendlichen die "Nibelungen" gespielt und entwickelt. Wir haben gemeinsam mit Pädagogen Stücke auf die Bühne gebracht und ich durfte da auch zwei, drei Stücke mit den Jugendlichen umsetzen. Ähnliches habe ich dann auch in Bad Hersfeld gemacht, aber hier war die Arbeit dann - vergleichbar mit einem Verein - ganzjährig angelegt. Man hat sich also getroffen, sich kennengelernt, gemeinsam improvisiert und Stücke entwickelt. Das Schönste ist dabei, dass die Menschen, die dort hingehen, häufig sehr fantasievolle und zugleich sehr ängstliche oder introvertierte Menschen sind - erst einmal. Gerade weil sie so viel Fantasie haben, haben sie auch so große Angst. Manche können gar nicht richtig sprechen und gehen dort aber trotzdem hin. Und manche, die dann dort stehen und zunächst nur piepsen, von denen ich aber weiß, dass sie zu Hause natürlich auch herumtoben und schreien, beginnen dann allmählich, auch auf der Bühne zu sprechen und vor hundert oder tausend Leuten aufzutreten. Es gehört zum Schönsten in unserem Beruf, diese Entwicklung zu sehen, wie solche Menschen plötzlich selbstbewusst dort stehen und Geschichten erzählen. Man kann dort jemandem ein Selbstwertgefühl geben und die Selbstwirksamkeit von Handlungen erlebbar machen. Ich glaube, dass man das vor allem mit künstlerischer Betätigung hervorragend machen kann, weil diese den Raum bietet, das Innere im Außen auszudrücken. Egal, ob mit Malerei oder mit Tanzen, mit Theater oder mit Musik - Kunst hat etwas Wundervolles, weil man die Seele zeigen kann. Wohingegen man sie ja im digitalen Raum oft eher verbirgt, verstellt oder sie anonymisiert. Da wird ja ganz viel hinter Masken versteckt. In der Kunst hingegen geht es nur, wenn man Einblick in die Seele gewährt.

Die Kulturszene ist dynamisch und entwickelt sich stets weiter. Was wünschst du dir persönlich für die Theaterlandschaft der kommenden Jahre?

Ich wünsche mir natürlich, dass die Gelder nicht noch mehr gestrichen werden. Ich erkenne die Notwendigkeit, dass man aktuell im Staat viel Geld wegen anderer sozialer Schwierigkeiten ausgeben muss. Gerade in der Medizin zum Beispiel müssen riesige Summen bewegt werden und ich möchte da nicht entscheiden müssen, aber Kultur ist auch Medizin. Kultur ist ebenso wichtig für die seelische und soziale Gesundheit einer Gesellschaft! Kultur ist eine wichtige Investition! Ich wünsche mir, dass hier nicht noch stärker gekürzt wird. 
Außerdem wünsche ich mir, dass die Kultur gemäß des Grundgesetzes frei bleibt und keine Partei vorschreiben kann, welche Art von Kunst erlaubt ist und welche nicht. Ich wünsche mir aber auch, dass die Kulturschaffenden sich gegenseitig untereinander mehr zuhören und unterschiedliche Meinungen wahrnehmen, denn es gibt aktuell schon eine stille Übereinkunft unter den Kulturinstitutionen, dass eine politische Richtung richtig ist und all das, was von meinem Denken abweicht, als falsch deklariert wird. Wir leben aber nun einmal in einer Demokratie und Theater lebt auch von These und Antithese. Man muss auch die Antithese aushalten können. Momentan habe ich das Gefühl, dass die meisten Kulturschaffenden, die ja eher dem linken Spektrum angehören, sehr unter sich sind und sich selbst alle selbstbestätigend ihre Stücke ansehen, wodurch sie aber einige Menschen im Zuschauerraum verlieren. Man muss einen demokratischen Diskurs suchen und dabei alle Meinungen aushalten und auch darstellen können, sodass das Publikum selbst entscheiden kann. Ich kann ein belehrendes, besserwisserisches Theater nicht mehr ertragen, bei dem jemand auf der Bühne steht und mir seine Meinung mit dem Megaphon ins Gesicht schreit. Vielmehr traue ich jedem im Zuschauerraum zu, dass er sich selbst eine Meinung bildet und keine Bevormundung braucht. 

Wie geht es nun beruflich für dich weiter? Hast du bereits Pläne für die nächste Zeit und ist zukünftig vielleicht mit einer Rückkehr nach Bad Vilbel zu rechnen?

Ich denke vor allem über Stücke und Projekte nach, die ich gerne machen möchte, und bin da in alle Richtungen offen. Aktuell bin ich mit vielen Theatern im Austausch, wo ich gegebenenfalls etwas machen werde, aber dazu kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts sagen. 


Schnellfragerunde:

- Lieblingsbuch? 
Oh je, das ändert sich ja alle zehn Minuten. :-) Zu den wichtigsten Büchern in meinem Leben gehören "Die Brüder Karamasow", "Der Zauberberg", "Doktor Faustus", erstaunlicherweise auch "Lolita", - weil es so toll geschrieben ist - die Bibel, "Die Brüder Löwenherz"... Ach, es gibt einfach so viele und eigentlich ist immer das Buch das wichtigste, das ich gerade in dem Moment lese. 

- Perfekter Start in den Tag?
Es wäre schön, wenn die Sonne scheint und Menschen um mich sind, die ich liebe - ganz egal, wo das ist und unter welchen Umständen. Manche Tage beginnen mit einer Beleuchtungsprobe oder mit Musik oder Lesezeit oder mit dem Schwimmen. 

- Die letzte Inszenierung, die dich als Zuschauer begeistert hat?
Da gab es in letzter Zeit ziemlich viele Produktionen, zum Beispiel "Wallenstein" bei den "Münchener Kammerspielen", "Biedermann und die Brandstifter" in Trebgast - das ist eine Naturbühne, wo hauptsächlich Amateure spielen, und die Umsetzung fand ich ganz toll. Aber auch "Der zerbrochene Krug" in Bamberg hat mich als Sommertheater begeistert. Sonst habe ich das Stück meistens nur sehr ernst und schwer gesehen, aber diese Produktion hat ganz leicht wie eine Molière-Komödie angefangen und kippte dann allmählich in eine absolute Tragödie, die ganz toll gespielt wurde. 

- Geschichten erzählen bedeutet für dich...
Das kann ich kaum beantworten, da es beinahe das Wichtigste in meinem Leben ist. Natürlich es am wichtigsten, Menschen zu lieben und selbst geliebt zu werden, aber am zweitwichtigsten ist für mich das Erzählen. Auch Geschichten erzählt zu bekommen oder abends daheim im Bett ein Buch von der Mama vorgelesen zu bekommen, zählt mit zu den schönsten Dingen. Geschichten zu erzählen ist für mich ein absolutes Lebenselixier. 


Das ist doch ein wunderschöner Abschluss für ein sehr interessantes und bereicherndes Gespräch. Ich danke dir ganz herzlich für deine Zeit und für all deine wunderbaren und sehr ehrlichen Antworten. Es war mir eine große Freude und Ehre, gemeinsam mit dir auf einzelne Stationen deines bisherigen beruflichen Weges blicken und deine Perspektive auf Theater, Kunst und Gesellschaft intensiver kennenlernen zu dürfen. Ich wünsche dir alles Gute für deinen weiteren beruflichen ebenso wie deinen privaten Weg und bin schon jetzt gespannt darauf, welche Geschichten du zukünftig erzählen können wirst. :-) 

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