Zwischen Repression und Freiheitsgefühlen - "Die Feuerzangenbowle", ein theatraler Schultag voller Witz und Schabernack

Verwaist liegen die schon allzu oft von kindlichen Fußspuren benetzten Flure da, Ruhe kehrt ein auf dem bald schon wieder von lärmenden Jugendlichen und ihren Freuden und Sorgen erfüllten Pausenhof und hinter den sich im Gleichschritt schließenden Türen ringen Fragen und Antworten um die Vorherrschaft im Klassenzimmer. Der Gong der Schulglocke lädt zum Wissenstanz zwischen dicken Wälzern und von Kreidestaub verhüllten Tafeln, dessen Form sich zwischen mathematischem Tango und sprachlichem Walzer zu jeder anbrechenden Stunde neu konstituiert. Doch glaubt man, hinter den Mauern der Klassenräume verkehre sich alle eben noch auf dem Schulhof gesichtete Lebendigkeit und Leichtigkeit in gehorsame Disziplin, so irrt man gewaltig, denn der Schein eines gesitteten, hierarchisch geprägten Lehrens und Lernens trügt. Wo vermeintlich der Lehrer mit strengem Blick und harter Hand den Unterricht lenkt, offenbart ein Blick durchs Schlüsselloch die jugendliche Revolte von Witz und Schabernack.
Schule ist ein besonderer Ort - es ist ein Ort, mit dem jeder Mensch individuelle Erfahrungen und emotional besetzte Erinnerungen verbindet. Schule ist ein Ort, an dem das Wachstum des Einzelnen von so manchen ersten Malen begleitet wird, an dem Fremde zu Weggefährten werden und an dem Tag für Tag so viele Wünsche, Träume, Sorgen, Ängste und Hoffnungen ein- und aus- gehen, die aus unterschiedlichen Perspektiven entstehen und sich dabei doch auf die eine oder andere Weise verblüffend oft gleichen. Bei all dem Einfluss, den die schulischen Erfahrungen auf das gesamte Leben nehmen, ist es nicht wirklich verwunderlich, dass die Schule ein beliebter Schauplatz für Geschichten in Buch, Film und Theater ist - hat dieser Ort doch schließlich das Potenzial, in jedem von uns starke Gefühle zu wecken. Mit der Theaterinszenierung der "Feuerzangenbowle" steht in diesem Jahr ein komödiantischer Klassiker aus dem vergangenen Jahrhundert auf dem Programm der "Burgfestspiele Bad Vilbel", der in eine vergangene Schulzeit der Repression und des Autoritarismus entführt und in all seiner Historizität zugleich mit Themen aufwartet, die in ihrer Zeitlosigkeit die großen Fragen des Heranwachsens beschreiben. In die Form einer qualitativ hochwertigen Theaterinszenierung gegossen, erzählt das Stück von Freundschaft und Liebe, vom Wachsen und Ausprobieren sowie vom Kennenlernen der eigenen Person in neuen Kontexten und vom Entwickeln und Verwerfen identitärer Entwürfe inmitten der Ungewissheit des Lebens. 

Schriftsteller Johannes Pfeiffer scheint in seinem Leben nichts missen zu müssen. Seine Werke bringen ihm nicht nur gutes Geld ein, sondern sie haben sich auch zugleich zum Zentrum so mancher kontroversen Diskussion entwickelt und sorgen somit für entsprechendes Aufsehen. Auch privat ist dem jungen Mann das Glück hold, hat er sich doch gerade erst mit der attraktiven Marion verlobt. Doch obwohl Hans Pfeiffer bereits in jungen Jahren sein Glück im Beruf ebenso wie in der Liebe gefunden zu haben scheint, gibt es dennoch einen Teil in ihm, der sich bei den abendlichen Gesprächen mit seinen Freunden und Kollegen um ein Stück seiner Jugend betrogen fühlt. Gebildet und belesen kann der junge Mann zwar mit großem Weltwissen auftrumpfen, aber ausgerechnet mit Blick auf ein Feld, das wohl für jeden Menschen die prägendste Zeit seines Lebens bereitet, muss Dr. Pfeiffer passen: der Schule. Während seine Kumpanen sich bei einem schönen Gläschen Bowle über amüsante wie unvergessliche Anekdoten aus ihrer Schullaufbahn auslassen, kann der von seinem Vater privat unterrichtete Hans den übermütigen Gesprächen nur stumm beiwohnen. Angetrieben von seiner großen Sehnsucht, den verpassten Teil seiner Jugend nachzuholen und befeuert von der euphorisierenden Kraft des Alkohols, die so manche Herausforderung plötzlich ganz leicht erscheinen lässt, schmiedet die Männerrunde einen Plan, welcher dem Protagonisten trotz seiner Volljährigkeit einen Ausflug in den Schabernack und die Leichtigkeit der Jugend sichert. Getarnt von einem jugendlichen Erscheinungsbild mietet sich Hans schließlich als Oberprimaner in einem Gasthof in Babenberg ein und wagt sich als das Abitur anstrebender Schüler an jenen Ort, an dem Disziplin und Ordnung auf jugendliche Ausgelassenheit und kindliche Albernheit treffen. Zunächst von seinen vermeintlichen Mitschülern mit einer gehörigen Portion Misstrauen und Ablehnung beäugt, entwickelt sich Hans mit seinen pfiffigen Ideen für aufsehenerregende Lausbubenstreiche und seiner kessen Wortgewandtheit gegenüber den ebenso schrulligen wie eigenbrödlerischen Lehrkräften schon bald zu einem wahren Magneten für die Begeisterung der anderen Oberprimaner und rückt gleichermaßen ins Zentrum der Aufmerksamkeit von Lehrern und Mitschülern. Besonders Referendarin Eva fühlt sich zu dem schlagfertigen jungen Mann hingezogen, doch eine Liebesbeziehung zwischen einer Lehrerin und ihrem Schüler erscheint natürlich ganz und gar undenkbar. Bleibt nur die Frage: Was wäre, wenn hinter der Maskerade des Schülers eigentlich eine ganz andere Identität schlummert? 

                     (c) Eugen Sommer 

Peter Wagner begeistert mit seiner ausdrucksstarken Darbietung in der Rolle des "Hans Pfeiffer" und nimmt das Publikum mit spielerischer Leichtigkeit und Souveränität in Windeseile für sich und seine künstlerische Ader ein.
Als vermeintlicher Schüler treibt Hans so manchen Schabernack und fordert die Lehrkräfte mit seiner Hingabe für jugendliche Streiche immer wieder aufs Neue heraus. Dem Darsteller gelingt es hervorragend, seiner Interpretation des Protagonisten die nötige Leichtfüßigkeit zu verleihen und den Charakter mit einer Unbedarftheit auszustatten, die der Mann umgeben vom Charme des schulischen Treibens ganz neu entdeckt. In spielerischer Vortrefflichkeit arbeitet der Künstler die figurale Raffinesse eines Charakters heraus, dessen Temperament und Neugierde im Gewand des jugendlichen Schülers lodernd entflammen und ihn - getrieben von der Sehnsucht, Erfahrungen der Adoleszenz nachzuholen - zu einem Wettstreit der Streiche anspornen. Trotz der vordergründigen Leichtigkeit des Mannes, der sich seinem kindlichen Enthusiasmus hingibt, vermag es Peter Wagner zugleich ebenso,  den dahinterliegenden sensiblen Kern der Figur in seiner akribisch ausgefeilten Darbietung offenzulegen, sodass Hans Pfeiffer als schlagfertiger Kindskopf Gestalt annimmt, der ein großes Maß an Empathie für seine Mitmenschen mitbringt und in seinem spielerischen Drang doch nie das Gespür für die Konsequenzen seiner Taten verliert. 

Uta Krüger erweckt die Rolle der jungen Referendarin "Eva Knauer" in spielerischer Finesse zum Leben und koloriert voller Fingerspitzengefühl eine ebenso charismatische wie willensstarke Frauenfigur, die mit wachem Verstand und offenem Herzen durch das Leben geht und sich dabei vor dem Hintergrund der der Handlung zugrundeliegenden Zeit in ihrem Denken erstaunlich emanzipiert präsentiert. Mit sichtlicher Spielfreude verkörpert die Künstlerin eine junge Frau, die - trotz der klaren Vorstellungen ihrer Eltern - doch stets auf ihr eigenes Bauchgefühl vertraut und dabei geschickt so manchen kleinen Trick einsetzt, um den Avancen des deutlich älteren und von den Eltern hochgeschätzen Professor Crey zu entgehen. In Utas figuraler Konturierung wird das sonnige Gemüt der jungen Referendarin ebenso transparent wie die dem Charakter eigene Gutmütigkeit, die Eva dazu veranlasst, so manches Mal im Sinne ihrer Schützlinge zu agieren und das restliche Kollegium auch im Angesicht der Schülerstreiche milde zu stimmen. Spielerisch verwebt Uta Facetten von Jovialität und Unbedarftheit zu einer charakterlichen Melange jugendlichen Esprits, der den Zeitgeist und die typischen Konventionen des vergangenen Jahrhunderts personal transportiert und der Figur in ihrer Hartnäckigkeit zugleich kleine Ausbrüche aus dem Korsett der zeitlich verankerten Geschlechterrolle ermöglicht. 

Durch den Abend führt mit großer darstellerischer Kunst Schauspieler Marc Scheufen, der sich in der Rolle des "Ackermann" nicht nur mit der Aufgabe konfrontiert sieht, den charakterlichen Kern des Schülers transparent zu machen, sondern zugleich vor der Herausforderung steht, die Geschichte in narrativer Funktion zu tragen und einzelne Handlungsschritte kommunikativ zu begleiten. Mit scheinbarer Mühelosigkeit gelingt es dem Darsteller hierbei, dem Stück als dynamischer wie wortgewandter Erzähler einen besonderen Pfiff zu verleihen und immer wieder aufs Neue Momente des Schmunzelns zu generieren, deren Genialität in einem stets implizierten charmanten Augenzwinkern begründet liegt. Marc Scheufen ermöglicht mit seinen charismatisch vorgetragenen Kommentaren elegante Zeitsprünge und Ortswechsel, die durch die narrative Untermalung des Künstlers mit rahmenden Informationen unterlegt werden und den Zuschauer entsprechend geschmeidig durch den Theaterabend führen. Mit warmem Timbre und klarer Akzentuierung trägt der Schauspieler die immer wieder erzähltechnisch klug eingebundenen Randbemerkungen vor und hält somit als personaler Klebstoff das gesamte narrative Konstrukt zusammen. Die besondere Wirkkraft seiner Auftritte verdankt sich dabei in erster Linie einer außergewöhnlichen Bühnenpräsenz, die dem Schauspieler die volle Aufmerksamkeit des Publikums sichert und der oftmals im Hintergrund agierenden Figur zugleich doch eine prägnante Aura verleiht. 

                     (c) Eugen Sommer 

Dino Niethammer vermag mit seiner akzentuierten wie ausgefeilten Interpretation des Schülers "Luck" zu überzeugen, indem er das Publikum über den Abend hinweg mit einer hochgradig authentisch kolorierten Figur bekannt macht, die von großen Unsicherheiten durch das Leben begleitet wird und zugleich doch immer den Wunsch in sich trägt, aus der scheinbaren Verschlossenheit auszubrechen und sich der Welt als Mensch mit vielen Farben zu zeigen. Mit einem feinen Gespür für das Innenleben eines jungen Mannes, der im Klassenzimmer nicht selten in die Rolle des ebenso sonderbaren wie langweiligen Außenseiters gerückt wird, gestaltet der Künstler eine von Ehrlichkeit und emotionaler Tiefgründigkeit unterlegte figurale Version, welche in ihren Fragen, Zweifeln und Sehnsüchten ein besonderes identifikatorisches Potenzial für den Theaterbesucher aufweist. Dank seiner großen spielerischen Qualitäten gelingt es dem Schauspieler ausgezeichnet, den Zuschauern in aller emotionalen Transparenz einen Blick in die Seele des jungen Mannes zu gewähren und die Entwicklung des Jugendlichen vom scheinbar immer strebsamen "Kleinen Luck" hin zu einem nach der Akzeptanz der eigenen Identität suchenden Heranwachsenden nachvollziehbar zu machen. Besonders in der hervorragend aufeinander abgestimmten Interaktion von Darsteller Dino Niethammer und seinem Spielpartner Peter Wagner wird der mit Blick auf Lucks jugendliche Entwicklungsschritte zentrale Einfluss einer langsam erwachsenden Freundschaft zu Tischnachbar Hans deutlich. In dem Miteinander mit dem neuen Mitschüler erlebt der junge Luck zum ersten Mal ein Gefühl der bedingungslosen Anerkennung, das ihn dazu befähigt, sich aus dem selbst erwählten Schneckenhaus hinauszuwagen, und in ihm den Wunsch weckt, eine andere Seite von sich zu zeigen. Der Künstler legt in seinem Spiel hervorragend die Sehnsucht des Heranwachsenden offen, dem Stigma des Lehrerlieblings und schulischen Überfliegers zu entfliehen, und jongliert dabei feinsinnig mit den Visionen des Charakters von seiner eigenen Zukunft.

In der Rolle des Schulleiters "Direktor Knauer" steht Wolfgang Seidenberg auf der Bühne, der seine figurale Interpretation exzellent mit einer der Entfaltung des Charakters dienlichen Mischung aus konservativ geprägter Strenge und gutmütiger Leichtgläubigkeit anreichert und so über den Abend hinweg einen zur Disziplin ermahnenden und zugleich herrlich liebens-, ja in aller Verzweiflung über die jugendlichen Schandtaten beinahe schon bemittleidenswert erscheinenden Charakter ausgestaltet. Die den Kern der Figur abbildende liebevolle Strenge wird nicht zuletzt dank dem nuancierten Spiel mit Mimik und Gestik schnell für das Publikum transparent, vermag es der Schauspieler doch ausgezeichnet, eine aufrechtstehende Figur mit einem wachsamen Blick zu kreieren, deren stoische Fassade immer wieder von menschlichen Gefühlsregungen durchbrochen wird. Vor allem die Zuneigung zu seiner Familie, deren Wohlergehen Direktor Knauer besonders am Herzen liegt, lässt sich dank der ausdrucksstarken mimischen Darbietung sogleich an einem liebevollen Blick auf Töchterchen Eva ablesen, der ebenso starke non-verbale Kommunikationsformen bedient wie die von Verzweiflung gezeichnete Gestik im Angesicht der immer wiederkehrenden jugendlichen Streiche. Stets auf einen tadellosen Ruf seiner Schule bedacht, muss Direktor Knauer doch immer wieder ernüchtert erkennen, dass er das kindliche Austesten von Grenzen nicht gänzlich einschränken kann, sodass ihm des Öfteren keine andere Wahl bleibt, als die Inszenierungen seiner Schülerschaft mitzuspielen. Brillant offenbart der Darsteller die verzweifelten Bemühungen des Schulleiters, die Streiche seiner Schüler nicht nach außen dringen zu lassen und seine eigene Fehlbarkeit unter den Teppich zu kehren, mit gutem Gespür für die Gedankenwelt des nach Prestige strebenden Mannes. So ergibt sich so manche äußerst amüsant anzusehende Verwicklung, deren Witz Wolfgang Seidenberg pointiert herausarbeitet und dabei die komödiantische Farbe einer Figur offenlegt, die regelmäßig mit großer Empörung auf die Lausbubenstreiche seiner Schüler reagiert und doch immer wieder gute Miene zum bösen Spiel machen muss, um die vermeintlichen Niederlagen der Lehrerschaft im Ringen um die schulische Oberhand zu retuschieren. 

Einen besonderen spielerischen Akzent setzt an diesem Abend ohne Frage Kai Möller mit seiner erstklassigen Darbietung in der Rolle des "Professor Crey", deren Bedeutsamkeit für das in der Geschichte verankerte figurale Netz in einer künstlerischen Pracht erblüht, die sich den herausragenden spielerischen Fertigkeiten eines souveränen Darstellers mit großem handwerklichen Repertoire verdankt. In spielerischer Akkuratesse mimt der Künstler einen lebenserfahrenen, prinzipientreuen Mann, der auf Gehorsam und altbewährte Vorschriften pocht und mit strengem Blick über seine Schülerschaft wacht. Kai Möller setzt einen zwanghaft vornehm wirkenden Gestus ebenso wie eine ausdrucksstarke Mimik konsequent im Sinne der spielerischen Plastizität einer figuralen Expression ein und kreiert damit in darstellerischer Feinarbeit einen ganz individuellen Habitus, der die steife innere Haltung des Professors in eine äußerlich wahrzunehmende Körperlichkeit übersetzt. Trotz seiner Liebe für Zucht und Ordnung wirkt der Charakter oftmals zugleich ein wenig weltfremd und unbeholfen und wartet mit einer Eigentümlichkeit auf, die insbesondere in dem unablässigen Versuch, sich selbst als Teil einer besonders elitären wie gebildeten Schicht zu positionieren und seinen gesellschaftlichen Status durch ein übertrieben anmutendes Gebahren zu inszenieren, begründet liegt. Der Schauspieler reichert seine Charakterisierung mit einem fein dosierten, den vordergründigen Ernst der Figur stets auskleidenden Witz an, der sowohl im Umgang mit der besonderen Sprachlichkeit als auch in der immer wieder entflammenden Entrüstung des Lehrers an Kontur gewinnt. 
Dabei offenbart sich dem Zuschauer eine bemerkenswerte Präzision im Umgang mit humoristischen Spitzen sowie einer figural angelegten Komödiantik, die in dem Spiel mit der kauzigen Eigenart des Professors Crey an Farbe gewinnt.

                       (c) Eugen Sommer 

Einen der spielerischen Höhepunkte des Abends konstituiert sicherlich Günter Alt mit seiner warmherzigen Figurenzeichnung des Physiklehrers "Professor Bömmel", der sich in der Schule durch seine gelassene Art sowie seinen tief in ihm verankerten Frohsinn schnell einen Namen macht und den Schabernack seiner Schützlinge mit großer Gemütsruhe sowie einem wohlwollenden Augenzwinkern aufnimmt. Insbesondere die vom rheinischen Dialekt ebenso wie von der regional verorteten Lebensweise gefärbten, einem in aller Gelassenheit dem Stoizimus zugewandten Aussagen und Kommentare des gutmütigen Professors zaubern nicht nur den "Jungens" im Klassenzimmer ein Schmunzeln auf die Lippen. Günter Alt spielt die humoristischen Spitzen der Figurenzeichnung so brillant aus, dass das Publikum stets mit einem Wortwitz und einer Situationskomik konfrontiert wird, deren Wirkkraft sich eines grandiosen spielerischen Handwerks verdankt. Mit einem bemerkenswerten Verständnis für die Importanz des richtigen Timings scheint der Darsteller in seiner Darbietung eine komödiantische Welle nach der nächsten zu reiten und dabei stets den richtigen Schwung zu wählen, sodass sich seine Jonglage mit den zahlreichen witzgeladenen Momenten der Charakterzeichnung keineswegs als Schlitterpartie präsentiert, ganz im Gegenteil. Dank einer wunderbaren Mischung aus spielerischer Freude und technischer Exzellenz gelingt es dem Künstler über den gesamten Abend hinweg, eine figurale Interpretation auf die Bühne zu bringen, die die Lachmuskulatur des Publikums gehörig fordert und dabei zugleich niemals droht, in eine stumpfe Albernheit umzuschlagen. Vielmehr kreiert der Schauspieler in allem spielerischen Geschick eine äußerst nahbare und in ihrer Fehlbarkeit rundum menschlich anmutende Figur, die sich - im Kontrast zu rigide auf Regeln und Konventionen pochenden Mitgliedern des Kollegiums - in Windeseile in die Herzen des von der Unbedarftheit der rheinischen Frohnatur angesteckten Publikums schleicht und die Interaktion zwischen Lehrerkollegium und Schülerschaft mit seiner unbekümmerten Sorglosigkeit maßgeblich prägt.

Über den gesamten Abend hinweg bringen so viele hervorragend besetzte Künstlerinnen und Künstler ihre spielerischen Farben in das Theaterwerk ein, dass eine Nennung aller Akteure an dieser Stelle den textlichen Rahmen sprengen würde, jedoch muss die darstellerische Präzision des gesamten Ensembles betont werden. Die Schauspielerinnen und Schauspieler tragen die Geschichte mit ihrem versierten spielerischen Handwerk bestmöglich und entlocken Haupt- wie Nebenfiguren individuelle emotionale Regungen, die die Charaktere durchweg menschlich und realitätsnah erscheinen lassen. So brilliert beispielsweise Britta Hübel in der Rolle der herzensguten "Frau Windscheid", die sich ihrem neuen Mitbewohner Hans Pfeiffer sogleich mit mütterlicher Güte zuwendet und den vermeintlich jungen und unerfahrenen Schützling mit großem Engagement umsorgt. Die Schauspielerin entpuppt sich schnell als absoluter Glücksgriff für diese Rolle, gelingt es ihr doch in ihrem empfindsamen Spiel, die Warmherzigkeit des Charakters in jeder Szene eindrucksvoll zu unterstreichen und somit eine rundum liebenswerte, empathische Frauenfigur auf die Bühne zu bringen, die - angetrieben von der Energie der Jugendlichen - ihr inneres Kind noch einmal ganz neu entdeckt. Auch Anne Diemer weiß mit ihrer ausdrucksstarken Interpretation der "Marion" vollumfänglich zu überzeugen. Unter Rückgriff auf ihre exzellent ausgebildete schauspielerische Technik lässt die Darstellerin Hans Pfeiffers Verlobte als resolute Persönlichkeit aufleben, die mit strengem Regiment über ihren Zukünftigen wacht und sich von der örtlichen Trennung ihres Geliebten schwer gedemütigt fühlt.
Das gesamte Ensemble glänzt mit einer spielstarken Verkörperung der einzelnen Charaktere, deren Wege sich vor dem Hintergrund der charmant-humorvollen Geschichte kreuzen, und entführt das Publikum so in eine Schule, in der Zeitgeist und Zeitlosigkeit aufeinandertreffen.

                      (c) Eugen Sommer

Getragen von einer souverän wie handwerklich fachkundig auftretenden Cast entfaltet sich der filmische Klassiker auf der hessischen Freilichtbühne in ganz neuem Gewand und nutzt dabei die Vorzüge der Live-Unterhaltung zugunsten einer aus der Symbiose von Darbietung und Publikum erwachsenden Energie, die dem pointiert herausgearbeiteten Witz der Show entsprechenden Tribut zollt. Obwohl die Theaterinszenierung natürlich so manche in ihrer cineastischen Markanz freudig erwartete Szene filmgetreu auf die Bühne bringt und damit den Kern der visuellen Vorlage grundlegend erhält, zeichnen sich doch zugleich einige Abweichungen vom Film ab, die in der Wahl des gleichnamigen Romans als primäre Quelle für die theatrale Umsetzung begründet liegen. So zeichnet sich beispielsweise eine etwas anders justierte Richtung mit Blick auf den romantischen Strang der Handlung ab, der Teilzeit-Schüler Hans und Refrendarin Eva ins Zentrum der Liebesgeschichte rückt, sodass sich die Geschichte rund um generationale Konflikte und Annäherungen einer besonderen Intensität erfreut. 
Zeitlich verlegt Regisseur Joern Hinkel die Handlung in die 20er Jahre und wählt damit einen historischen Hintergrund, der sich in seinen Charakteristika als stark symbolisch aufgeladener Kontext für einen theatral abgebildeten Widerstreit von Regression und Ausbruch entpuppt. Während die kauzigen Lehrerfiguren die rückwärtsgewandte Idee des Festklammerns an alten Konventionen und tradierten Umgangsformen ausleben, verkörpert die aufbegehrende Schülerschaft die für die goldenen Zwanziger so typische Sehnsucht nach Aufbruch und Lebendigkeit. 
Mit einer schwungvollen und herrlich liebenswert gezeichneten Inszenierung gelingt es den kreativen Schöpfern in Bad Vilbel meisterhaft, die Nostalgie und den Geist der zeitlichen Rahmung der Handlung hervorragend einzufangen und dabei dennoch die Zeitlosigkeit des Stücks zu unterstreichen, indem die Geschichte auf der Bühne eine Gestalt annimmt, die auch dem jüngeren Publikum schnell einen Zugang zu der klassisch und zugleich zeitgemäß inszenierten Komödie ermöglicht.

Die Kulisse von Peter Sommerer konstituiert sich im Sinne der bühnentechnischen Möglichkeiten als recht statisches Gebilde, das nur wenige Veränderungen über den Abend hinweg durchlebt. Jedoch reichert die im Zentrum des Spielraums platzierte Drehbühne die Aufführung mit einer den Wechseln der Handlungsorte dienlichen Dynamik an, sodass schnelle Sprünge zwischen dem Klassenzimmer der Schule sowie der Herberge und vorübergehenden Heimat Johannes Pfeiffers visualisiert werden. Besonders geschickt wird hierbei das zentral platzierte Fenster bespielt, welches auf Seiten der schulischen Kulisse als Tafel markiert ist und eine unmittelbare Verbindung zwischen beiden auf der Bühne visualisierten Handlungsorten schafft, die nicht zuletzt dank dem pfiffigen Auftreten und Verschwinden des Erzählers zwischen beiden räumlichen Sphären an Wert für die szenische Umsetzung gewinnt. 
Weiterhin entpuppt sich der Spielort der Burgruine als exzellente Wahl für die Aufführung des Klassikers - entführt doch bereits das alte Gemäuer mit seinem historischen Charme in entlegenere Zeiten und bietet attraktive Möglichkeiten, die Bühnenschwelle mit der visuellen Inszenierung zu überschreiten und die umliegenden Plateaus und Treppen als handlungstragende Elemente einzubinden. 
Kombiniert mit einem sehr authentischen, den stilistischen Ton der 20er Jahre treffenden Kostümbild von Mara Lena Schönborn, das traditionelle Schuluniformen mit Marlene-Hosen und schwingenden Röcken zu verbinden mag, schlägt das Bühnenbild eine gelungene optische Brücke zu dem zeitlichen wie örtlichen Handlungsrahmen des Stücks und entführt das Publikum dank kluger visueller Kniffs in ein Klassenzimmer voller Nostalgie und Tradition.

                      (c) Eugen Sommer

Mit der Freiluftinszenierung der "Feuerzangenbowle" ist es den kreativen Köpfen in Bad Vilbel bravourös gelungen, Komödiantik und mit gut durchdachter Humoristik doch stets verbundene Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit in einer ausgefeilten Inszenierung auszubalancieren. So entwickelt sich über den Theaterabend hinweg eine äußerst unterhaltsame, mitreißende Darbietung, die jedoch niemals droht, der Eindimensionalität eines platten Klamauks zu verfallen. Komödiantische Spitzen werden pointiert im Sinne der figuralen Humoristik herausgearbeitet und dabei zugleich von einer inhaltlichen Kontextualisierung gerahmt, die sich der Aufgabe des Erzählens einer von Freundschaft, Verbundenheit und identitären Fragen geprägten Geschichte verschrieben hat. 
Die Entscheidung, die Handlung in die 20er Jahre zu verlegen und einen theatralen Rahmen zu schaffen, in dem das Lebensgefühl der zugrundeliegenden Zeit Gestalt annimmt, entpuppt sich dabei als ein dem Werk Authentizität sowie Symbolkraft verleihender Schachzug. Vor dem Hintergrund der zeitlichen Verortung werden historisch begründete Gegensätze zum Mittelpunkt der Narration, die eine Zuspitzung des humoristisch erzählten Aufeinandertreffens unterschiedlicher Weltanschauungen fördern. So lässt sich in der Gestaltung der theatralen Umsetzung mit Kontrastierungen, wie beispielsweise des traditionellen Volksliedes und des Swings spielen, die ein in der Schule auflebendes Ringen um Fortschritt und Leichtigkeit sowie Konservatismus und Disziplin symbolisiert und damit den zentralen Konflikt der in der Geschichte aufeinandertreffenden Generationen offenlegen.
Mit einer gehörigen Portion Verve und Esprit nimmt inmitten der atmosphärischen Kulisse der als Aufführungsort für große Theatererlebnisse gekleideten Burgruine eine fein durchdachte, charmant komödiantisch gefärbte, rundum unterhaltsame Produktion Gestalt an, deren Zauber in einer unglaublich humorvollen, pointenreichen und zugleich angenehm unaufgeregten Form des Erzählens begründet liegt. An der Seite exzentrischer wie eigenbrödlerischer Figuren begibt sich das Publikum vor dem Hintergrund der Vilbeler Wasserburg auf einen Streifzug durch den Unterricht vergangener Zeiten und weckt dabei gemeinsam mit Protagonist Hans Pfeiffer das innere Kind, das inmitten all des herzerwärmenden Unfugs charmanter Schlingel mit einem Lächeln auf den Lippen und einem schelmischen Blitzen in den Augen an die eigenen Eskapaden auf den Schulfluren zurückdenkt.

                      (c) Eugen Sommer 

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