Ein Teelöffel Zucker und ganz viel Humor - auf Reisen mit der zauberhaften Mary Poppins

Eine Familie, deren Mitglieder sich nach und nach voneinander entfernen, ein verbitterter Vater, der nur noch seine Arbeit im Blick hat, eine verzweifelte Mutter, die kläglich versucht, es ihrer Familie recht zu machen und sich dabei selbst völlig aus den Augen verliert und zwei Kinder, die insbesondere mit aufmüpfigem Verhalten unermüdlich um die Aufmerksamkeit ihres Vaters kämpfen. Eigentlich scheint die Situation ganz und gar aussichtslos - eigentlich, wenn da nicht Mary Poppins wäre, denn das weltbekannte magische Kindermädchen hat nicht nur so manchen zauberhaften Trick auf Lager, sondern erkennt auch blitzschnell, was in dieser Familie über die Jahre aufgrund des gesellschaftlichen Drucks verloren gegangen ist: Wärme, Liebe, Zusammenhalt und der Blick für das, was im Leben wirklich zählt. Gemeinsam mit ihrem Freund Bert stürzt sich Mary somit in ein Abenteuer, welches so manche Herausforderung für sie bereithält ...
Seit dem vergangenen Jahr, in dem sich der Wind von Stuttgart aus nach Norden gedreht hat, verzaubert Mary Poppins mit ihrer unverwechselbaren Art allabendlich die Besucher im Stage Theater an der Elbe. Groß und Klein gehen in Hamburg seit ca. anderthalb Jahren auf eine magische Reise durch die kunterbunte Welt von Mary Poppins, Bert, der Familie Banks und so mancher fabelhaften Gestalt.

Doch - wie das ungewöhnliche Kindermädchen bereits erkannt hat - jede Aufgabe endet einmal und so wird Mary bereits in drei Wochen den Hamburger Kirschbaumweg verlassen. Bevor der fliegende Regenschirm sie allerdings fort- tragen kann, habe ich die Gelegenheit genutzt und mir die Show noch einmal angesehen. Ich hatte zwar schon zuvor die große Freude, dem Kirschbaumweg in Stuttgart einen Besuch abzustatten, war jedoch somit umso gespannter, wie die Produktion mir bei einem erneuten Besuch im Theater an der Elbe gefallen sollte.


An diesem Nachmittag stand Julia - Elena Heinrich als "Mary Poppins" auf der Bühne und verzauberte den gesamten Saal mit ihrer herrlich positiven und erfrischenden Ausstrahlung. Mit ihrer glasklaren und zugleich sehr warmen Stimme hauchte sie all den magischen Klassikern Leben ein und sang sich in die Herzen der Zuschauer. Zudem erfüllte Julia die Rolle dank ihrer famosen Gestik und Mimik mit viel Schwung und Lebendigkeit und nahm aufgrund ihrer Bühnenpräsenz in dieser Rolle das Theater von der ersten Szene an für sich ein. Mit viel Feingefühl für die Rolle gelang es der Darstellerin scheinbar mühelos, die einzelnen Facetten der Figur auszuarbeiten und sowohl die merkliche Selbstsicherheit und Perfektion des Kindermädchens als auch die Sanftmut, die sie bei der Ankunft im Hause der Familie Banks anfangs gut zu verbergen weiß, auszuleben und dem Zuchauer somit einen Einblick in die Seele der Mary Poppins zu gewähren. Julia fand von Anfang an den passenden Zugang zur Vielschichtigkeit des Charakters dieser Rolle und lancierte mit ihrer selbstsicheren und charmanten Darbietung zur wahren Heldin für das Publikum.

Auch in der Rolle des "Bert" durfte ich an diesem Tag ein fantastisches Cover erleben, das der Erstbesetzung David Boyd in nichts nachsteht. Tobias Joch präsentierte eine positive und erfrischende sowie Lebensfreude ausstrahlende Interpretation der Rolle. Dank der Einarbeitung von verspielten Elementen in die Darstellung gelang es dem Künstler anscheinend mühelos, einen authentischen und Freude versprühenden Charakter auf die Bühne zu bringen, der mit seiner sympathischen Art den Zuschauer an die Hand nimmt und durch die Geschichte führt. Ob Gesang, Tanz oder Schauspiel - Tobias begeisterte auf ganzer Linie und meisterte alle Herausforderungen, welche diese Rolle mit sich bringt, mit Bravour. Zwischen ihm und Bühnenpartnerin Julia bestand während der gesamten Vorstellung eine absolute Harmonie auf der Bühne, so dass die beiden - getragen von unbändiger Spielfreude - ein perfektes Duo verkörperten.


Julia Lißel ist aktuell in der Rolle der "Winifred Banks" zu erleben, die sie mit ihrem herrlich authentischen Schauspiel und ihrer Wandelbarkeit auf der Bühne sehr gut auszufüllen vermag. Glaubhaft verkörpert sie eine junge Frau, die zwischen den Erwartungen ihres Mannes und der Gesellschaft sowie ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen zerrissen ist. Die Darstellerin scheint während der Vorstellung ihr gesamtes Herz in die Rolle zu legen und mit dieser auf der Bühne scheinbar zu verschmilzen. Mit einer sanften und dennoch sehr ausdrucksstarken Stimme öffnet sie die Tore zum Innenleben der Figur und entwickelt "Winifred" im Laufe der Geschichte zu einer starken und  emanzipierten Frau, die für sich und ihre Familie einsteht.

Auch ihr Bühnenpartner Gianni Meurer glänzt als "George Banks" insbesondere durch seine Authentizität und seine einnehmende Ausstrahlung. Er lebt die Rolle so ehrlich aus, dass man tatsächlich meinen könnte, "Korrektheit und Ordnung" wären auch im wahren Leben seine Leitgedanken. Gianni erschafft eine Figur mit Ecken und Kanten und spannt einen wunderbaren Bogen von Pessimismus und leichter Erregbarkeit der Figur hin zu Besonnenheit, Wärme und Lebensfreude. Innerhalb seiner Rolle entdeckt der Künstler die wirklich wichtigen Werte im Leben und findet die verloren geglaubte Zärtlichkeit und Liebe des George Banks wieder.

Vollendet wurde die Familie Banks an diesem Nachmittag von den beiden talentierten Kinderdarstellern Annika und Nic, die die Herzen der Zuschauer als Jane und Michael eroberten. Was die Kindercast bei dieser Produktion leisten muss ist wirklich unglaublich und trotz der hohen Anforderungen und des jungen Alters haben Annika und Nic eine rundum glanzvolle Leistung präsentiert und jegliche Herausforderung in Tanz, Gesang und Schauspiel perfekt gemeistert. Die Beiden sind bereits jetzt absolute Bühnenprofis!


Heike Wiltrud Schmitz und Sebastian Prange geben als strenge und scheinbar unbarmherzige "Mrs Brill" und als tollpatschiger "Robertson Aye" ein herrlich humorvolles Duo ab. Beide Darsteller blühen in ihren Rollen vollends auf und sorgen mit ihrer komödiantisch angehauchten Interaktion in so mancher Szene für herzhaftes Lachen im Saal. Heike verleiht "Mrs. Brill" eine phänomenal rauchige und zugleich aufbrausende Stimme, mit welcher sie des Öfteren ein breites Grinsen in die Gesichter des Publikums zaubert, während Sebastian den bemühten Tollpatsch, der gerne alles richtig machen würde und dabei unter Mrs. Brills strenger Aufsicht immer wieder aufs Neue scheitert, fabelhaft zum Leben erweckt. Die beiden Schauspieler erwachsen über die drei Stunden hinweg zu einem absoluten Highlight.

Eine weitere Sensation an diesem Nachmittag stellte Roimata Templeton in der Rolle der bösartigen "Mrs. Andrew", auch als der "Höllenhund" bekannt, dar. Mit ihrer schrecklich - komischen Darbietung,  ihrer unverwechselbaren Präsenz und natürlich dem zu ihr gehörigen "Krautsaft und Fischöl" war sie eindeutig eine Bereicherung für die besagte Vorstellung. Roimata entwickelte einen schaurig - schönen Antagonisten, wie er im Buche steht und verlieh der Figur mit ihrer brilliant ausgebildeten Stimme zusätzlich eine besondere Schärfe.

Wie auch schon zwei Jahre zuvor bei meinem Besuch in Stuttgart war das Ensemble in Hamburg an diesem Nachmittag ein echter Hingucker. Dieses Stück verlangt den Darstellern in jeglicher Hinsicht alles ab, was man sich nur vorstellen kann. Da sind Top- Kondition, Ausdauer, eine umfassende Ausbildung und vor allem Liebe und Leidenschaft zu dem Beruf absolute Voraussetzungen und all dies bringt dieses stimmgewaltige und Freude ausstrahlende Ensemble mit. Als harmonische Einheit versprühen sie in jeder einzelnen Szene eine unglaubliche Energie im Saal und versetzen die Besucher mit aufwendigen Choreografien ins Staunen.


Neben dieser grandiosen Cast tragen ebenfalls ein aufwendig gestaltetes Bühnenbild mit vielen eingearbeiteten Details und schillernde Kostüme zu einem unvergesslichen Gesamterlebnis bei. Gemeinsam entführen visuelle und akustische Feinheiten in eine magische Welt, in der alles möglich zu sein scheint. Insbesondere die Ohrwürmer versprechende, schwungvolle Musik verzaubert Jung und Alt und lässt sich auch nach der Vorstellung noch Tage lang prima summen und singen ;-)

Einziger kleiner Kritikpunkt an diesem fantastischen Abend war leider die Abmischung des Sounds. Vor allem im ersten Akt hat die Musik stellenweise den Gesang übertönt, so dass zu meinem großen Bedauern die stimmliche Stärke des Ensembles ein wenig von den Instrumenten übertönt wurde. Jedoch kann man in einer sonst so beeindruckenden Vorstellung auch über diesen kleinen Kritikpunkt hinwegsehen.

Kurzum, es war einfach eine einzigartige Show, die insbesondere dank der tollen Künstler mit unzähligen wundervollen Erinnerungen behaftet ist.
Die Inszenierung wirkte rund und in sich sehr stimmig und so habe ich mit einem fast noch beschwingteren Gefühl den Saal verlassen als damals in Stuttgart.
Noch bis zum 18. August könnt ihr die wunderbare Mary Poppins mit all ihren Tipps und Tricks im Stage Theater an der Elbe erleben und euch auf eine Reise begeben, bei welcher alles, was wir wollen, passieren kann. Lasst euch diese einmalige Chance nicht entgehen, mit einem Teelöffel Zucker von Mary euren Alltag zu versüßen. Dieses Spektakel für Klein und Groß lädt zum Staunen und Träumen ein und berührt wohl jedes Herz.

Fotos (c) Stage Entertainment

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